Irrtümer, verjährter Misbräuche, willkührlicher Deutungen, niederträchtiger Bemäntelungen, eigenmächtigen Zwanges, das sein Gewerb ihn täglich durchzuwandern zwang, schon früh ein Gräuel; er hatte sich versucht gefunden, die ganze Rechtswissenschaft aufzugeben, und in dem kleinen Erbteil seiner Väter das Feld zu bauen, als ihm, ziemlich in den ersten zeiten seiner Amtsführung, das Glück wiederfuhr, einzig durch gewissenhafte Aufmerksamkeit in seinen Geschäften einen abscheulichen Betrug zu entdeken, der eine ganze Familie durch einen Rechtshandel in's Elend gestürzt haben würde. Er nahm alle seine Kräfte zusammen, um den unterdrükten teil zu verteidigen; der mächtige Gegner sah dass er mit einem gefährlichen Mann zu tun hatte, und versuchte Bestechung. Bertier wies ihn ohne Prunk von sich, verfolgte seinen Weg mit unerschroknem Eifer, und verschafte der gerechten Sache den Sieg.
Der ganze Handel hatte nichts ausserordentliches; selbst der verlierende teil war durch andere Geschäfte seiner glorreichen Laufbahn zu zerstreut, um sich lange dabei aufzuhalten, dass ihm eine kluge Maasregel, seine Einkünfte zu vermehren, unter so vielen mislungen war, und dass sein gelindes Mittel, dem natürlichen gang der Gerechtigkeit etwas nachzuhelfen, diesmal bei Herrn Bertier nicht besser angeschlagen hatte. Auf Bertier war aber die Würkung dieses Vorfalls daurender; er hatte bis jetzt nur das Widersinnige, das Empörende der gerichtlichen Formen und der sogenannten Geseze empfunden, jetzt erkannte er, wie wohltätig, gerade im verhältnis mit der Mangelhaftigkeit dieser Einrichtungen, ein redlicher Mann in seinen Geschäften sein konnte. Je mehr er fürchten konnte, dass seine Kollegen manche gelegenheit, Verteidiger des Rechts zu sein, entschlüpfen liessen, desto tiefer fühlte er den Beruf, selbst jede zu ergreifen. Der Dank der geretteten Familie, das Gefühl, durch einfache Redlichkeit dem Einfluss des gefürchteten Grafen von ** die Wage gehalten zu haben, entschied seine Bestimmung; er blieb auf der angefangnen Laufbahn, und hatte in der Zeit, von welcher hier die Rede ist, seinem amt nah an sechzig Jahre vorgestanden. Nie hatte ihn sein Entschluss gereut; Gelegenheiten, die Unschuld zu beschüzen, boten sich oft dar, und er liess sie nie unbenuzt. Stand es auch nicht immer in seiner Macht, Ungerechtigkeit zu verhindern, so blieb er sich doch bewusst, nie ein Werkzeug der Unterdrükung gewesen zu sein.
Von Jahr zu Jahr sah er indessen die Misbräuche zunehmen; in späterem Alter ward es dem braven Mann oft schwerer, den Zwang seines Amtes mit seinem Gewissen zu vereinigen; aber der Gedanke, wie viel schädlicher als sein gezwungnes Erdulden der böse Wille manches andern sein möchte, hielt ihn noch aufrecht. Endlich ereignete sich bei einem Rechtshandel, in welchen eines von den ersten Häuptern im Königreich verwikelt war, der Fall, dass ein höherer Befehl dem Gerichtshof von Saumür andeutete, gegen den Vater einer zahlreichen Familie, dessen Unschuld sonnenklar war, die Galeerenstrafe zu erkennen; zwei seiner hofnungsvollen Söhne wurden zugleich mit Schimpf von ihren Regimentern hinweggejagt. Bertier bot seinen Collegen an, sich aufzuopfern und den Widerspruch allein über sich zu nehmen; die passivste Rolle von ihrer Seite hätte alsdann hingereicht einen Frevel zu verhüten, der so ungereimt als abscheulich war; allein er fand nichts als bestochene Gewissen und verhärtete Herzen, man verwies ihn zur Ruhe, und drohte mit ernster Ahndung seiner Kühnheit. Nein, sagte der acht und siebenzigjährige Greis, meine Verdammniss soll wenigstens an jenem Tag meinen armen König nicht belasten; tut was Ihr nicht lassen könnt, ich will ruhig sterben! Er legte sein Amt nieder, und bezog mit seinem Enkel, dem lezten Zweig einer zahlreichen Familie, die ihm der Tod nach und nach geraubt hatte, sein väterliches Erbteil in Seldorfs Nachbarschaft. Roger war der Trost und der Liebling des alten Mannes, der ihn erzogen, und seine unerschütterliche Redlichkeit, seine stille Würksamkeit, seine heitre Fähigkeit zu geniessen auf den Jüngling übergetragen hatte. Sein Unterricht bestand in Beispiel, in beständigem Hinweisen auf die Würklichkeit, und der Lohn, den er dem wilden Knaben und nachher dem feurigen Jüngling anbot, in dem Bewusstsein erfüllter Pflicht. Bei seiner natürlichen Anlage zum Guten, war Rogers ganze Jugend eine Reihe praktischer Tugenden, die er in der Einfalt seines Herzens für eben so wenig ausserordentlich hielt als Essen und Trinken, und die ihm auch eben so unentbehrlich waren. Seine Leidenschaften, seine Torheiten, die Wallungen seines heissen Bluts waren, bei seinem frohen Streben nach dem Besten, nur ein herzliches Band, das ihn mit Nachsicht gegen andrer Schwächen und dem Bewusstsein, selbst Duldung zu bedürfen, an alle Menschen knüpfte. Ward die Welt um ihn her der ungebändigten Kraft des jungen Mannes zu schaal, stemmte er sich gegen einen Zwang, welcher der Tugend selbst so oft eine Hülle aufdringt, gegen Vorurteile, die noch öfter dem Laster Weihrauch streuen, so sagte ihm der freundliche Grossvater in der wortreichen Sprache seines Alters: "Lieber Sohn, ein Mensch allein baut kein Haus, es müssen viele daran arbeiten, und der Bursche der die Steine im Schurz herbeischleppt, hat auch ein Verdienst dabei, so gut wie der Baumeister, welcher den sinnreichen Riss angab. Wollte jeder Arbeiter nur das Ganze ausführen, und an die einzelne Teile keine Mühe wenden, wollte er das schöne Gebäude errichtet sehen, und doch von Schutt und Leim, von mismutigen Aufsehern und groben oder ungeschikten Mitgesellen nichts wissen, so käme nie ein Haus zu stand. So ist's mit dem Guten das wir tun, es geht dessen kein Stäubchen verloren, jeder schöne Gedanke deines edlen