dass die Frau unsre hülfe braucht. – Sie ging nun, den Wundarzt zu holen. Sara blieb mit Nanni allein, sie schien aber nicht auf sie zu merken, sondern versank in immer tiefere Finsterniss des Schmerzens. Anfangs sah ihr Nanni von weitem zu, bald trat sie teilnehmend neben sie, und sagte ein Paarmal mit wehmütig tröstendem Tone: arme Liebe! O diese Träume sind fürchterlich. – Da Sara sie nicht hörte, wandte sich ihre Aufmerksamkeit auf das Kind, an dessen Bett sie sich sezte. Sie erblikte die Schaale mit Milch, gab der Kleinen einige Löffel voll, machte sich behutsam allerlei um sie her zu schaffen, wobei sie leise sang, und wie das halb entseelte Geschöpfchen wieder ohne Bewegung da lag, erhob sie ihre stimme lauter, weil sie es im Einschlafen glaubte, und Sara's Ohr ward plözlich von den rührenden Worten des bekannten Wiegenlieds getroffen:
Deux victimes infortunées
Se doivent de tendres secours;
Je veillerai sur tes jeunes années,
Tu auras soin de mes vieux jours!
Sie heftete jetzt den ersten blick auf Nanni: eine lange magre Gestalt, mit grossen Augen, deren verwirrter umherirrender blick sich nur fixirte, wenn er ein Paar fliessende schwere Tränen zurückhalten zu wollen schien; ein Mund, der ehemals gewiss schön war, jetzt aber immer aussah, als verhielte er den Schrei des Schmerzens, und den bei den ungleichsten Veranlassungen ein zukendes Lächeln bewegte, womit der übrige Ausdruk des Gesichts nie übereinstimmte; schöne schwarze Haare fielen auf ihre Stirne, ihr Anzug war ärmlich, reinlich, bürgerlich, aber vernachlässigt; nichts wie die stimme schien an ihr noch unzertrümmert, denn gang und Bewegung drükten träumende Verwirrung aus. Sie sang, ein Strikzeug in der Hand haltend, mit starrem tränenvollem Auge, als wenn sie bei einem sehr ernsten Geschäft begriffen wäre. Sara's armes Gemüt war durch die ihr bekannten Worte tief zerrissen, denn sie hatte dieses Lied oft an der Wiege ihres Kindes gesungen, und so überzeugt wie sie von L***'s Treue war, sich dennoch selten der Tränen dabei entalten können. jetzt hörte sie eine ferne Ahnung ihres Unglücks in einem fremden mund, es kam ihr vor wie die stimme des Schiksals; und indem sie ihre eine Hand auf Nanni's Schulter, die andre auf ihr eigenes Herz legte, rief sie ängstlich: nein, er konnte er konnte es nicht sein, nein, es ist nicht möglich! – Nanni besann sich eine Weile, und sagte dann: nein, Liebe, er war es auch nicht; aber das machte es nicht besser, denn seine schöne Stirne trägt doch nun das entehrende Zeichen – o da kommt er! still, still! Er darf mich nie davon sprechen hören. – Sie lief an die tür, und zwei Männer traten herein, ein ältlicher, rechtlicher, mit einer ernsten Phisiognomie, in Nationalgardenkleidung, und ein jüngerer, der den Ausdruk der finstersten Ueberspannung auf seinem mit schwarzen Haaren umfangnen Gesicht trug. Nanni! rief dieser, unsre Rache beginnt. – Er erblikte Sara und stutzte. Der andre fragte, wer die junge Fremde wäre? Nanni führte ihn zum kind, und sagte mit ihrem verwirrten Lächeln und wilden blick: Sieh, es ist gerade wie Henriot; aber die Schwester sagt, es werde nicht so lange schlafen. – Der Auftritt wäre vielleicht noch unverständlicher für alle Teile geworden, wenn Frau Tirion nicht jetzt mit dem Wundarzt zurückgekommen wäre. Wie sie die Männer erblikte, fiel sie dem älteren lebhaft um den Hals: Gott sei Dank, dass du wieder da bist! darauf reichte sie dem andern die Hand, und sagte noch einmal: Ihr seid mir erhalten! Ich habe es aber verdient, denn ich hätte Mut gehabt, wenn man euch auch blutend wiedergebracht hätte. – Braves Weib! war alles was ihr Gatte (denn das war der ältere) ihr antwortete. Sie unterrichtete ihn nun mit wenigen Worten von der Veranlassung zu Sara's Anwesenheit, und stand alsdann dem Wundarzt in der Verpflegung des Kindes bei, dessen Zustand dieser für nicht ganz hofnungslos ansah. Sara hieng an seinem mund, und schien wieder aufzuleben. Sie fragte jetzt nach ihrer wohnung, nach Tomas, nach Marton. Ihre guterzige Wirtin berichtete ihr, dass jene nach den traurigen begebenheiten des Morgens erst in Ordnung gebracht würde, und dass ihre Leute damit beschäftigt wären. Mit jedem augenblick wurde Sara wieder fähiger, die Gegenwart an die Vergangenheit zu reichen, sie bat dass man Tomas rufen möchte, und Frau Tirion erfüllte jetzt ihren Wunsch, nachdem sie ihres Mannes Einwilligung erhalten hatte. Tomas kam, und zeigte bei dem anblick seiner herrschaft die lebhafteste Rührung; Sara trat beiseite mit ihm, kämpfte gegen ihren Schmerz, bis sie die Frage herausbrachte: er schikte nicht? – Nein, war die traurige Antwort. Sara zitterte, besann sich, zeigte ihm das Kind, und sagte: geh zu ihm, sag ihm das. – Sie konnte nichts mehr sagen; der arme Bursche machte eine bejahende Verbeugung, und wollte gehen. Sara hielt ihn beim Arm zurück, suchte lange nach Worten, endlich fragte sie: sind sie alle ermordet? – Lebhaft erwiderte Tomas: die ganze Familie unversehrt! Alle unter dem Schuz der Nation, keines ja berührt! – Sara schien einen augenblick heitrer: eile, eile! rief sie; und Tomas ging.
Es war gegen Abend, die Hausfrau trieb ihre Geschäfte, und