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ihm ihre wohnung, er sah die Bahre mit den beiden Kindern, und die unglückliche Mutter den nämlichen Weg nehmen. Der Zug schritt langsam fort, und wurde durch den Zulauf des Volkes oft unterbrochen; die beiden kinderlosen Mütter schienen ohne besondere Anstrengung, aber auch ohne Besinnung dahin zu wandeln. Endlich langte man vor dem haus an, Tomas erstaunte, die Frau mit den beiden Kindern ebenfalls hineinführen zu sehen, und er erkannte jetzt in ihr die Gattin des Bürgers, bei welchem sich vor wenigen Tagen die Föderirten versammelt hatten, und die Kinder waren die nämlichen, deren Geschwäz mit ihrer Mutter auf die arme Sara am Abend ihrer Ankunft einen tröstenden Eindruk gemacht hatte. Tomas überliess seine herrschaft einen augenblick der Obhut seines unbekannten Begleiters, und eilte die Treppe hinauf, um die Zimmer zu öfnen. Der erste Gegenstand, der ihm hier in die Augen fiel, war der Leichnam des Schweizers, der noch auf der Stelle, wo er ermordet worden war, in seinem Blute lag. Er schauderte zurück, besann sich, wohin er die gebeugte Mutter wohl bringen könnte, um ihr diesen anblick zu ersparener war schon unten, da erblikte er die Schwester des armen Geschöpfs, dessen rührendem Gesang er in der Nacht oft aufmerksam zugehört hatte; sie öfnete eben vorsichtig ihre tür; er bat sie, Sara einsweilen zu beherbergen. Sie schien es anfangs verweigern zu wollen; wie sie aber Sara stumm und fühllos an einem Pfeiler gelehnt stehen sah, trat sie mit dem einfachsten Ausdruk von Teilnahme zu ihr, und fragte ihre Begleiter, ob sie verwundet wäre. Tomas erzählte ihr mit wenigen Worten, wie er seine herrschaft auf der Terrasse gefunden hätte, und wie ihr Kind mit den Kindern der Bürgerin im obern Stok ein gleiches schicksal gehabt haben müsste. Hier schien die erste Wärme von Gefühl bei Sara wiederzukehren, eine schwache Röte färbte ihr Gesicht, ihre Züge arbeiteten sich gewaltsam aus der starren Ausdrukslosigkeit hervor, und sie brach unter lautem Schluchzen in die Worte aus: O nein, nein! der Vater hat sie nicht selbst ermordet. – Diese Tränen schienen die Krisis ihres bisherigen Zustandes zu machen, jetzt erst zeigte sie, dass sie sich bewusst wäre, ihr Kind in ihren Armen zu halten, willig folgte sie der Nachbarin, die sie in ihre wohnung führte, jedoch unter dem Beding, dass Tomas nicht mit ginge, sondern in den Zimmern seiner herrschaft bliebe. Auch litt Sara, dass sie die Kleine entkleidete, indess sie selbst, zitternd und zukend bei jeder Bewegung, welche die Frau mit dem kind vornahm, ihre fragenden Blike auf sie heftete. – Es lebt, es lebt! rief die Frau wiederholt; es ist vom Bluten erschöpft, jetzt will ich es nur erleichtern, nur tun, was für's erste nötig sein mag! dann hole ich den Wundarzt. – Wie sie die zerschmetterte Schulter entblösste, schauderte sie, und dekte sie schnell zu; denn die arme Sara hatte durch die Art wie sie das Kind gehalten und gedrükt hatte, die Wunde in einen schreklichen Zustand gesezt, und sie wollte der Mutter diesen anblick ersparen. Sie wies sie nun an, ihr aus diesem oder jenen Winkel des Zimmers allerlei was das Kind brauchte herbeizuschaffen, weil sie es gern in seiner jezigen Lage erhalten wollte, um ihm nicht von neuem wehzutun, aber Sara war unfähig sie zu hören, sie zu verstehen; ihr Gesicht verriet Anstrengung, aber ihre Bemühung zu denken wekte nun ihr erstarrtes Gedächtniss, und führte das Gefühl ihres Unglücks nach und nach vor ihre Seele. Sie ward immer unruhiger, ging finster und mit schweren Seufzern im Zimmer umher; die gute Frau, die so bald sie ihren Zustand wahrgenommen hatte, behutsam aufgestanden war, um das Kind auf das Bett zu legen, und selbst nach den Dingen, die sie verlangt hatte, zu gehen, rief ihr freundlich dringend zu: wenigstens rühren Sie es nicht an! – da kniete sie nieder, ohne zu antworten, küsste leise die Zipfel des Küssens, worauf das Kind lag, seufzte tief, und fing von neuem an, wie in einem schreklichen Traum umherzugehen. Die Frau brachte das Kind wieder so weit in's Leben, dass es ein Paar Löffel voll Milch schlukte; bei diesem anblick überflossen heisse Tränen Sara's Gesicht, ein zukendes Lächeln schwebte um ihren blassen Mund, sie küsste die hände, die Kleider der Nachbarin, ihre eigne Hand, und legte sie sachte auf die Deke des Kindes, das sie zu beunruhigen fürchtete.

jetzt entfernte sich Frau Tirionso hiess die Nach

barinauf einige Augenblike, kam aber bald mit ihrer Schwester zurück, der sie zuzureden schien, indem sie noch im Hereintreten zu ihr sagte: Sie ist krank, liebe Nanette, du must recht vorsichtig sein, und ja das Kind nicht anrühren. – Wie Nanettens Blike auf das Kind gefallen waren, schien sie ängstlich zu werden; sie hielt die Schwester beim Arm zurück, und mit scheuer verwirrter Mine sagte sie: das Kind ist blutigträumt die Frau auch? – Nein, meine Liebe, nein! Ich habe dir ja gesagt, dass die arme Mutter in's Gefecht geraten war; du hast ja den ganzen Morgen schiessen gehörtdenke doch nur an das was du jetzt siehst; bleib bei der Frau so lange ich aus bin, und wenn der Bruder und der Schwager kommen sollten, so sage ihnen,