, indem sie mit einer lezten Anstrengung ihrer Kräfte die tür aufriss. Tomas fiel von der gewaltsamen Bewegung die sie machte, nieder; aber indem sie über ihn weg eilen wollte, rief er noch einmal flehend: Und Ihr Kind, gnädige Frau? – Sara stand betroffen still, und kehrte mit gerungenen Händen in das Zimmer zurück. Sie sezte sich wieder neben die Wiege, und hob ihre troknen, von Angst und Wachen geschwollenen Augen zum Himmel auf, den sie um Fassung und Mut anzuflehen schien. Sie sah, dass der junge Mensch sein Gesicht mit seinem Schnupftuch bedekte: Tomas, sagte sie, was soll diese schrekliche Nacht? warum musste dein Herr sich dieser Gefahr aussezen? Gnädige Frau, antwortete er mit niedergeschlagnem Wesen, ich weiss zu wenig, um Ihnen Auskunft zu geben. Die Menschen, die mich beredet haben, bei meinem Herrn Dienste zu suchen, mögen es auf ihrer Seele haben, wenn nicht alles, was sie tun recht ist; aber allwissend schienen sie zu sein, und selbst jetzt, indem ich mit Ihnen spreche, bereiten sie mir vielleicht die Strafe meines Verrats. Ich sollte ihnen alles hinterbringen, was mein Herr vornähme; mein gutgemeinter Eifer, uns alle frei und gleich zu sehen, hatte sie wohl hoffen gemacht, dass mir jedes Mittel dazu gut wäre. Ich dachte auch, ich könnte ihnen ja wohl sagen, was mein Herr so vor meinen Augen täte; sie verlangten, dass ich ihm nachforschen, nachgehen sollte, wenn er sich dessen nicht versähe, da ward mir bang, den Handel eingegangen zu sein, und ich war froh wie ich zu der gnädigen Frau kam. Nun mögen sie mich aber als einen Abtrünnigen ansehen, und Gott weiss, was mir bevorsteht, wenn sie heute die Oberhand behalten. – Bis dahin hatte Sara in der dumpfen fast gedankenlosen Stille zugehört, die oft auf einen heftigen Ausbruch von leidenschaft folgt; bei den lezten Worten fuhr sie auf: Wer soll die Oberhand haben? Wer kann unterliegen? – Aber starres Entsezen ergriff sie, da ein tausendstimmiges Geschrei auf der Strasse erschallte: Sie morden sie alle! – Tomas riss die Fenster auf; das Volk rannte gegen einander: alle Schweizer! alle nieder – nieder! rief es mit heulendem Ungestüm. – Heiliger Gott, wie sich die armen Menschen wehren! seufzte Tomas mit zusammengeschlagnen Händen. Sara hatte in dem ersten Schreken über dieses neue Geschrei ihr schlafendes Kind aus der Wiege gerissen, und hielt es jetzt fest an ihr Herz gedrükt; ein fürchterliches Getümmel gerade unter ihren Fenstern rief sie dahin. Sie sah zwei Schweizer, die sich durch das Volk drängten, und ihre Uniformen herabrissen, eine Anzahl Menschen umringte sie, in der Absicht, sie zu retten, indess andere in einem grösseren Kreis um sie wüteten, und schrien; plözlich riss ein Bürger seinen grauen Ueberrok ab, und warf ihn einem von den Unglücklichen über, der nun gegen die tür von Sara's Haus floh. – Hilf, guter Tomas, hilf ihm! rief Sara mit innigem Mitleid. Tomas flog herab, riss die tür auf, und der verkleidete Schweizer stürzte atemlos herein, und durch das Vorhaus in den Hof, die mitleidigen Bürger hatten seinem armen Kameraden den nämlichen Dienst leisten wollen: aber von dem Mordgeschrei seiner Verfolger, die den um ihn geschlossnen Kreis durchbrechen wollten, betäubt, stiess er den ihm angebotnen Kittel eines Taglöhners von sich, und drängte sich in der Uniformsweste selbst seinen Feinden entgegen, um seinem entflohenen Waffenbruder nachzueilen. Die aufgebrachte Menge brach mit ihm zugleich in das Haus, er eilte die Treppe hinauf, stürzte in Sara's Zimmer, zu ihren Füssen – Barmherzigkeit, Barmherzigkeit! rief er in seiner Mundart, und umfasste Sara's Knie. Aber einige von seinen Verfolgern hatten ihn schon ergriffen, und hauten ihn vor Sara's Augen nieder. Im nämlichen augenblick zitterte die Luft von dem Abbrennen der ersten Kanonen in den Tuilerien. Man mordet das Volk! rief der Haufen in der Strasse. Lautes Geheul mischte sich in den Lärm, alles drängte sich nach dem Ludwigsplaz, die Mörder des unglücklichen Schweizers horchten am Fenster auf die wiederholten Schüsse, und eilten die Treppe herab. In stummer Betäubung stand Sara, ihr Kind im Arm, der Blutende zu ihren Füssen. Des armen Fremden leztes Röcheln rief sie jetzt zu sich, sie trat entsezt zurück, der Sterbende strekte die Hand krampfhaft nach ihr aus, und verschied. Die Strasse war jetzt einen augenblick leer, man hörte nur ein fernes Summen von Menschenstimmen, und nach jedem neuen Schuss ein dumpfes Geschrei. Mord vor ihren Augen, Tod und Verderben um sie her, und alles was sie liebte im Mittelpunkt dieses Verderbens – ihr Gehirn brannte, sie dachte sich L*** unter den Händen dieser Unmenschen, die den wehrlosen Schweizer zu ihren Füssen niedergemezelt hatten. Sie wikelte ihr Kind in ihren Morgenmantel, und rief Marton, die sie noch im Nebenzimmer glaubte, ihr zu folgen. Sie rief umsonst, Marton war fort, auch Tomas fand sich nirgends, das Haus war leer, todtenstill – sie konnte es in der fürchterlichen Stille nicht aushalten, sie ging, eilte die Strasse hinauf; L*** war ihr einziger Gedanke!
So schritt sie fast ohne Besinnung fort, jedes lebendige geschöpf, das sie sah, floh vor ihr her, kein freundliches Wesen kam ihr entgegen sie zurückzuführen. Auf dem Ludwigsplaz begegneten ihr einzelne Gruppen von Menschen