1795_Huber_041_65.txt

auf den Knien liegen sehen. Sara gab noch ein Paar Abende auf diese Nachbarinnen Acht, und bemerkte dasselbe, sah die wahrscheinlich vorrükte Kleine, hörte sie singen, worauf sie dann mit der Lampe allentalben umhersuchte, bis die Schwester sie fortführte.

Von dem Eindruk dieser sonderbaren Erscheinung zerstreute sie L***'s Stimmung in diesen Tagen. Er war sehr tiefsinnig, und schien mit seinen Gedanken oft ganz abwesend zu sein. Zuweilen umarmte er Sara mit einer schmerzvollen Heftigkeit, die ihr Innerstes bewegte. Sie fühlte die Veränderung um so lebhafter, als in den wenigen Wochen, die sie in Paris zugebracht hatte, ihre stille Eintracht noch durch nichts gestört worden war; jeder kleine Umstand hatte ihre Liebe erhöht, und L*** hatte in der Entfaltung von Sara's Geist, welchen jetzt kein Zwang mehr drückte, in der unerschöpflichen Zärtlichkeit dieses kindlichen Geschöpfs, den höchsten Genuss zu finden geschienen. Am Morgen des neunten Augusts kam er, zum erstenmal in dieser Tageszeit, zu Sara, die über die unvermutete Erscheinung innig erfreut und dennoch erschrekt, ihn um die Ursache des ungewöhnlichen Besuches fragte. Er sagte ihr, seine Pflicht würde ihn den Abend und die ganze Nacht abrufen, er hätte indessen nicht so völlig entbehren wollen, und da er seine stille Abendstunde einbüssen würde, bäte er sie wenigstens um ein Frühstük. Er schien gespannt munter, und liess nur vorübergehend fallen, man fürchtete einige Unruhe in der Stadt, die Wachen im Schloss wären verdoppelt, und er würde die ganze Nacht dort sein. – Fahr heute Abend nicht aus, Liebe; sezte er hinzu, und halte morgen früh deine Zimmer verschlossen, bis du von mir hörst. – Sara war äusserst ängstlich, er lachte aber ihre Besorgnisse hinweg, und sprach voll Zuversicht von einer nahen Veränderung zum Besten in den öffentlichen Angelegenheiten, die auch auf ihr schicksal würde Einfluss haben können. Sara entging es nicht, dass seine Munterkeit von manchen widersprechenden Empfindungen durchkreuzt wurde, und sie suchte mühsam ihre Angst zu zerstreuen. Sie hielt ihn unter tausend Vorwänden auf, er gab ihrer Bemühung zärtlich nach, beschäftigte sich lange mit seinem kind, und nahm endlich den herzlichsten Abschied, indem er zugleich sein Möglichstes zu tun versprach, um den folgenden Morgen wiederzukommen.

Sara brachte nun den Tag in der bangen Erwartung gewaltsamer Auftritte hin. Sie sah mehrere Haufen von bewafneten Föderirten über die Strasse ziehen, hörte auch von fern das Rasseln von schwerem Geschüz über dem Pflaster; aber noch schien alles friedlich, und sogar eher festlich zu sein. Wie gegen die einbrechende Nacht alles um sie her in die tiefste Stille versunken war, wobei der wilde Gesang einzelner Bewafneter desto schauderhafter abstach gegen die bürgerliche Ruhe in den Häusern, sezte sie sich neben das Bett ihres Kindes, und horchte auf jeden Ton, der von der Seite des Schlosses herrschallte. Gegen elf Uhr ward die Strasse lebhafter; stillschweigend, aber mit schnellen Schritten fiengen zahlreiche Gruppen an, gegen den Ludwigsplaz zuzueilen, und Sara suchte sich damit, dass alle hinströmten, niemand aber von dort zurückkäme, zu beruhigen. Sie sah zahlreiche Abteilungen von der Nationalgarde diesen Weg nehmen, und glaubte nun den Pallast vor jeder Gefahr gesichert, da brave Bürger ihn beschüzen würden. Plözlich riss sie der Ton der ersten Sturmgloke aus dieser Zuversicht; ihr Herz stockte, ihr Atem selbst hielt inne, sie strengte sich an, diesem furchtbaren ihr noch unbekannten Klang einen Sinn zu geben, als ein leiser Nachtwind von dem inneren der unermesslichen Stadt herwehte, und einen ähnlichen Ton nach dem andern mit sich führte. Bald lebte die Luft von dem verworrenen und schnellen durcheinander Läuten der vielen Gloken, durch die Krenzwege schmetterte die Lärmtrommel, alle Fenster wurden erleuchtet, und furchtsam sah man die friedliebenden Bewohner der Häuser herausbliken, indess die junge Männer und die ärmeren Mietsleute der Bodenkammern, die in diesem Aufruhr auf ein unentgeldliches Schauspiel rechneten, dem Ludwigsplaze zueilten. Sara rief nach Marton und Tomas, sie bat den leztern zitternd, sich nach der Ursache dieses Auflaufs zu erkundigen, zu seinem Herrn zu eilen. Der junge Mensch war blass und traurig, er antwortete, sein Herr hätte ihm verboten sie zu verlassen, bis Nachrichten von ihm eingegangen wären. Der Lärm nahm überhand, fern über der Stadt hin färbte ein blasses Rot den grauenden Himmel, und eine schaurige Luft vermehrte den Fieberfrost von Angst, welche Sara immer heftiger ergriff. Sie hörte jetzt das laut wiederholte Losungsgeschrei der Menge: Es lebe die Nation! Nieder mit dem König. – Der König! rief Sara, und stürzte nach der tür; dein Herr verteidigt den König, rette ihn, eile zu ihm. – Tomas schüttelte schweigend den Kopf; ausser sich schrie sie: Zeige mir den Weg! – und riss ihn mit sich fort. Er bat sie flehend, ruhig zu bleiben: ich muss, sagte er, Gewalt brauchen, um Sie von allem heftigen Tun abzuhalten; und Gott weiss, wie mich das schmerzt, wenn ich bedenke, was in diesem Augenblike alles geschehen kann. – Du wüsstest was geschehen könnte, und erwartest du denn deinen Herrn nicht? Sara stiess ihn von der tür, sie erschöpfte sich, um ihren Zwek zu erreichen; Tomas kniete endlich vor der tür hin, und rief wehmütig: gnädige Frau, dort wird Blut vergossen, dort können Sie nicht helfen. – In dem nämlichen augenblick tönte zufällig ein schallendes Geschrei die Strasse herauf. Desswegen muss ich hin! rief Sara