verfliessen – L*** schien sich bei diesen Worten zu erheitern: Möchtest du immer so denken, mein Weib! möchte nie das Streben nach einem andern Glücke uns vernichten! –
Sie hatte ihn gleich bei ihrer Ankunft nach Teodor gefragt, und erfahren, dass er seit seiner Heirat im Ausland wäre; von Roger hatte L*** zuerst mit ihr gesprochen, er hatte das Opfer von ihr verlangt, ihn nicht zu sehen – Unter andern Umständen müsste er unser Bruder sein, sagte er mit edler Wärme, aber als Bertiers Glaubensgenossen würde ich ihn jetzt vermeiden, wenn auch die Art seines hiesigen Aufentalts, unter einem Schwarm junger Leute, welche der öffentlichen Ruhe im Weg stehen, seinen Besuch bei meinem weib nicht ohnehin unstattaft machte. – Sara fühlte das Gewicht dieser Gründe, und freute sich, dass Paris so gross wäre, einer solchen Entfremdung das Unnatürliche zu benehmen. Eines Abends in den ersten Tagen des Augusts 1792. wurde sie durch muntere und in zahlreichem Chor gesungene patriotische Lieder aufmerksam gemacht, welche aus einem oberen Stock ihres Hauses herüber schallten. Es waren ihr bekannte Weisen, die Roger oft gesungen hatte, und der harmonische Zusammenklang einer Menge jugendlicher Stimmen vermehrte den lebhaften, halb wehmütigen Eindruk, den einfache Musik immer auf sie machte. L*** traf sie über diesem Genuss, den sie ihm zu teilen geben wollte. Aber nachdem er einige Augenblike aufgehorcht hatte, rief er mit Heftigkeit dem Bedienten, und befahl ihm in Erfahrung zu ziehen, wer diese Leute wären. Der Bescheid lautete, dass es der Bürger sei, der den oberen teil des Hauses bewohne, welcher heute einige Landsleute aus seiner Provinz bewirte, die sich unter den Föderirten befinden – Ich habe nicht gewusst, sezte der Mensch mit sichtbarer Verlegenheit hinzu, dass die Leute oben aus Saumür sind, noch dass sie dergleichen Gesellschaften halten. L*** befahl ihm mit einer Härte, die für Sara sehr unverständlich war, den folgenden Morgen zu ihm zu kommen, weil er ihm Aufträge zu geben habe. Da die gute Sara fürchtete, dieser Mensch, welcher viel anhänglichkeit für sie zeigte, möchte bei der gelegenheit Verdruss haben, so suchte sie L*** scherzend von der Geringfügigkeit dieses Zufalls zu überzeugen; sie sähe wohl ein, dass es unziemlich für sie sein möchte, in einem haus zu wohnen, wo junge Leute tränken, dies wäre ja aber nur ein Familienfest – Und vielleicht ist Roger dabei, sezte sie gerührt hinzu; da wird alles ehrbar zugehen. Mir war's wirklich, als hörte ich seine stimme bei dem hübschen Liedchen – Sie war hier liebkosend um L*** beschäftigt, streichelte seine Stirne, und küsste seine Augen, um sich von ein Paar hellen Tränen zu zerstreuen, die sie bei Rogers Erwähnung in den ihrigen merkte, und die troz ihrer Bemühung auf L**'s Gesicht fielen. – Meine arglose Sara, meine unschuldige Taube, rief L*** bewegt; du weisst nichts, du ahnest nichts! Meine arme sind deine Welt, und du ahnest nicht, wie ich sorge, dich sicher in diesen liebenden Armen zu erhalten. Die Stadt ist in einer Lage! die Gemüter sind in einer Stimmung! – Mein Weib, ich habe dieses Haus unter Tausenden ausgesucht, damit nichts, keine Gefahr, keine Anregung dieses bedenklichen Augenbliks dir zu nahe käme; und jetzt sehe ich mich betrogen – Erschrik nicht, meine Teure; vertraue mir! Ich werde alle Gefahr von dir wenden. – So gleichgültig wie ihr der Vorgang an sich schien, so machte er doch einen tiefen Eindruk auf Sara's Gemüt, und sie fragte L*** dringend, wie lange diese Sorgen noch dauern möchten? wenn er endlich die Menschen als Freunde, nicht als lauter Verschworne betrachten würde? Aber er liebte diesen Gegenstand nicht, und er suchte Sara durch allgemeine Beruhigungen davon abzuziehen.
Das späte Auseinandergehen der Gäste, und eine kleine Unpässlichkeit ihres Kindes, hielten Sara diesen Abend noch lange, nachdem L*** sich entfernt hatte, in ihrem Esszimmer auf, dem einzigen, das auf den Hof ging. Wie es still zu werden anfieng, bemerkte sie eine weibliche stimme, die mit dem Ausdruk der tiefsten Schwermut die Lieder wiederholte, welche die muntre Gesellschaft vorher so lustig gesungen hatte. Der Kontrast zwischen einer gedämpften, unendlich sanften stimme, welche manchmal von Tränen zu stoken schien, und dem kühnen Geist ihrer Lieder, hatte etwas so auffallendes als rührendes. Sara sah hinaus, und erblikte zur Seite im Erdgeschoss, durch die Fenster, aus welchen die stimme kam, eine weibliche Gestalt, die eben von einem niedrigen Stuhl aufstand, und eine kleine Lampe in die Hand nahm, mit welcher sie emsig in alle Winkel des Zimmers zu leuchten schien. Wie sie noch damit beschäftigt war, trat eine andere weibliche person in das Zimmer, und sprach ihr freundlich zu: Nanny, was machst du wieder? Suche nicht, arme Nanny; komm zu Bett, es ist spät. – Ach er ist nirgends, nirgends! rief die erste mit einem durchdringenden Schmerzenston, und liess sich geduldig aus dem Zimmer führen. In der stillen Sommernacht, welche jeden Ton hörbar machte, konnte Sara den Auftritt genau beobachten, und sie ward sehr begierig zu wissen, wer die beiden Weiber wären. Marton konnte ihr indessen keinen andern Bescheid geben, als dass sie erst seit etlichen Tagen da wohnten, Schwestern zu sein schienen, und vermutlich sei die eine davon verrükt; wenigstens habe man sie in den wenigen Tagen meistens weinen und