Sie sah die Gipfel ihrer vaterländischen Hügel vor ihren Bliken verschwinden, und es war ihr, wie einem armen Verwiesenen, dem jenseits des Weltmeers eine Existenz angewiesen wird. Das Mutterland ist verödet für ihn, er war dort auf der Menschen Geheiss bürgerlich tot, eh die natur seine Laufbahn abgeschnitten hatte; die weite See stellt sich zwischen ihn und den Schauplaz seines ehemaligen Daseins, aber weder seine stürmenden Wogen noch seine plätschernden Wellen waschen das Bild der zerstörten Vergangenheit aus, sein Geist umirrt ewig die verbotne Stätte, wo er lebte, litt, und genoss. Je fremder für Sara die Gegenstände um sie her wurden, desto unmöglicher wurde es ihr, ihr Kind aus ihren Armen zu geben; ihre Begleiterin stellte ihr umsonst vor, wie sehr sie sich ermüdete, sie beobachtete das Weib mit scheuer Aufmerksamkeit, und wünschte allein weinen zu können. Marton hatte nichts Widriges, und sie behandelte ihre neue herrschaft mit aller Ehrerbietung; aber sie war die erste fremde person, bei welcher Sara die Verlegenheit empfand, sie von ihrer ganzen Lage unterrichtet zu glauben, und der gleichgültige Gehorsam gegen ihres Herrn Befehl war die Triebfeder ihres Betragens, keine Teilnahme an Sara, an ihrem kind. Beim Eintritt in Paris nahm Sara's Beklemmung zu: hier war also ihre Bestimmung, hier ihrer Liebe Lohn und Glück ihr aufbewahrt; in diesem geräuschvollen Labirint sollte sie L*** finden, ihn beglücken, unter Tausenden verloren nur ihm leben; hier, um sie, neben ihr vielleicht musste Roger sein, aber sie konnte nicht erwarten ihn zu sehen; hieher konnte auch Teodor zurückkommen, und keines von ihnen beiden würde wissen, wie nahe sie einander wären!
An der Barriere wurden sie von einem bescheiden gekleideten Bedienten empfangen, der sie in die Gegend der Honoré-Strasse begleitete, wo Sara in einem ungeheuer grossen haus eine zwar einfach, aber sehr zierlich eingerichtete wohnung fand. Der Bediente überreichte ihr bei ihrem Eintritt einen Zettel von L***, der das zärtlichste Willkommen entielt, und ihr seinen Besuch für den Abend versprach. Sara's Gedanken verwirrten sich in der Neuheit ihrer Lage. Sie hatte noch nie in einer Stadt übernachtet, sie hatte nur einmal in Saumür einer Nonneneinkleidung beigewohnt, und war aus dem Klostersaale wieder in den Wagen gestiegen; sie war gewohnt, mit allen Menschen, die sie umgaben, wie mit ihrer Familie zu leben, in aller herzlichen Einfalt, Teilnahme und Gastfreiheit patriarchalischer Sitten; Liebe oder Hülfsbedürftigkeit war das Band zwischen ihr und allen Wesen ausser ihr gewesen, von allen hatte sie empfangen, oder ihnen gegeben. Als Kind hatte ihr der Nachbar über den Steg geholfen, als aufblühendes Mädchen hatte sie den Hochzeitstrauss für eine Tochter gepflükt, bei deren erstem kind Teodor, kurz ehe er aus dem väterlichen haus entwich, Taufzeuge geworden war. Jede Hütte im dorf hatte sie neu erbauen, veralten, oder ausbessern sehen; bei manchem Baum, von welchem sie ihrem Vater Früchte brach, erinnerte sie sich, Antoinetten abgewehrt zu haben, dass sie ihn nicht mit ihren schwachen Händchen schüttelte – Wo war sie jetzt? Dieser ganze weite Häuserhaufen, dieses zahllose Volk umher, dieses Gewühl auf den Strassen, das in der einbrechenden Dämmerung dahin wogte, alle diese fremden Gestalten, die ihr ungeübtes Auge doch immer mit ehemals gekannten zu vergleichen versucht war – Bald glaubte sie Roger an dem festen schnellen gang eines jungen Nationalgarden zu erkennen, dann bemerkte sie eine zierliche leichte Figur, die auf einem raschen Pferde daher eilte: so ritt Teodor, so schien die Schnelligkeit seines Rosses der über alle seine Bewegungen verbreiteten Ungeduld noch nicht Genüge zu tun. Die Nacht verhüllte ihr nun die Gegenstände, ihr Kind schlief, Marton, die mit L***'s verstorbner Mutter mehrmals in der Hauptstadt gewesen war, hatte, nachdem sie ausgepakt, tausend fragen an den Bedienten zu tun, und plauderte mit ihm im Vorzimmer. Sara fing an, sich ängstlich einsam zu fühlen: sie war, mitten unter Menschen, wie auf einer wüsten Insel, und bei ihrer Unkunde des Bodens, bei ihrer furchtsamen Fremdheit, in ihrem Zimmer sichrer eingesperrt als in einem gefängnis. So oft sie jemanden an dem Haus klopfen hörte, erschrak sie; denn L*** konnte es noch nicht sein, und jedes neue fremde geschöpf unter Einem dach mit ihr, ängstigte und störte sie. Sie hörte indess, wie sie über das Vorzimmer ging, eine weibliche stimme zu einem kind sprechen, das ihr auch in einem herzlichen Ton antwortete, und dies war der erste beruhigende laut, den ihr Ohr vernahm: sie wusste doch ein weibliches geschöpf in der Nähe, das auch Mutter war, das also wenigstens Ein übereinstimmendes verhältnis mit ihr hatte. Noch vor dem erwarteten augenblick riss sie L***'s Ankunft aus der bangen Einsamkeit; er umfasste sie mit Entzüken und Dank, er fragte mit der zärtlichsten Besorgniss nach allen Umständen ihrer Reise, nach seinem kind, detaillirte ihr die Einrichtung ihres Hauswesens, das Einkommen, welches er ihr bestimmte, ging mit einer bürgerlichen Einfachheit in alle Kleinigkeiten ihrer Lage, in die Bedürfnisse ihres Kindes ein, und schien bloss zärtlicher Gatte und Vater. Er schloss die Schränke auf, die Sara noch nicht berührt hatte, liess lachend in einem derselben einiges Silbergerät, das er mitgebracht hatte, aufheben, und übergab ihr ein Verzeichniss des Leinenzeugs, das sie finden würde – Sara, sagte er, ich hätte dich aus deiner ehrwürdigen Sitteneinfalt reissen können, ich hätte dir, ohne den