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war, wollte sie gehören, und Vertrauen auf ihn konnte sie allein beglücken. L*** wusste diesen fantastischen, gleich weichen und starren Sinn zu behandeln: durch ein Spiel der Empfindung beruhigte er ihren Verstand, und durch Ermahnungen an ihren Verstand fesselte er wiederum ihr weiblich schüchternes Herz. Kaum war einiger Zusammenhang in ihre Unterredung gekommen, so sprach er ernst und fast gebieterisch über die Pflicht, welche jetzt mehr wie jemals den Weibern obläge, sich vor leidenschaftlichen Meinungen über öffentliche Vorfälle zu hüten. Er äusserte den entschiedensten Widerwillen gegen allen politischen Geist an Weibern; er bat sie, niemals, was auch geschehen möchte, den zärtlichen Gatten mit dem Geschäftsmann zu verwechseln; er stellte ihr mit den reizendsten Farben der Liebe und Schmeichelei das Glück vor, sich bei ihr auszuruhen, zu erholen, an ihrer Seite Mensch zu sein, wenn er allentalben nur das Gespenst der Politik vor Augen gehabt hätte. Sara fühlte nicht das Einseitige seines Raisonnements, sie fühlte nur die Wonne der häuslichen Scenen, die L*** ihr schilderte, sie ergab sich mit glühendem Herzen in den Willen ihres Gebieters, und hatte nie eine Ausübung der herrschaft gekannt, die so süss gewesen wäre als die Anerkennung dieses Gesezes.

Zwischen Bertier und Sara war in der darauf folgenden Zeit von L*** nicht mehr die Rede; doch nahm in den wenigen Tagen, die dieser noch in der Gegend zubrachte, während deren der Process des Kirchenschänders geendigt wurde, des Alten Unmut sichtbar zu. Sara hatte von L*** alle nötigen Mittel und Anweisungen bekommen, um sich unterdessen zu ihrer Abreise zu bereiten. Ihr Herz war bei diesen Veranstaltungen zwischen Unruhe, sehnsucht und Kummer geteilt. Sie getraute sich nicht mehr, in der Gegend umherzugehen; bei jedem Denkmal ihrer früheren Jugend beklemmte ahnungsvoller Schmerz ihren Busen. Oft stieg sie bis auf den Hügel, der zwischen Bertiers Haus und dem Gut ihres Vaters lag, und blikte auf die Trümmer ihrer ehemaligen wohnung; dann sah sie rechter Hand über die Wiese hin, wo Roger sie von dem wütenden Stier rettete, dann irrte ihr Auge in die Ferne, und überall traf es auf Spuren ihres verschwundnen Glückes. Wenn sie nun träumte, welche Zukunft ihr Vater für sie gewünscht, erwartet hatte, und dem Pfad hinabfolgte, auf welchem sie nun wandelte, so schienen ihr alle Fäden zwischen der Vergangenheit und der Zukunft abgeschnitten, sie schien sich ein ganz verschiednes geschöpf von der Sara, die in den Schatten jener Ulmen aufblühte, und es war ihr, als erblikte sie ihr zitterndes wandelndes Bild in den spielenden Wellen eines Stroms: jetzt wirft die Welle einen teil der Gestalt zurück, ein andrer fliesst dahin, das Auge will den Umriss verfolgen, und verliert sich in den schwimmenden Zügen, immer ist die Gestalt dieselbe, nie ist sie es ganz. – Trüb und mit schwerem Herzen kehrte sie dann zurück, und ging sie durch den Garten, so erkannte sie überall Rogers liebende Sorgfalt, hier eine Rosenheke, die er für sie angelegt hatte, dort einen Mandelbaum, von dem er ihr Früchte brach. – So irrte sie einst bis in einen kleinen Schoppen, wo er eine ganze Schreinerwerkstatt hatte. Als Kinder hatten sie oft hier gesessen; die Brüder, wie Teodor und Roger damals hiessen, zimmerten dort Laubengeländer, Nelkenstäbchen, und allerlei Spielereien; sie brachte ihnen in der Schürze ihr Vesperbrod, Obst und Semmeln, und Teodor suchte ungestümm ihren Vorrat durch, indess Roger ihr geschäftig seine Arbeit zeigte. Späterhin erhielt sie von Roger manches Geschenk seiner Geschiklichkeit, Nähkästchen, Fussschemel, Blumenkisten. – In diese Erinnerungen vertieft, sezte sie sich auf der Hobelbank nieder, und ihr blick fiel auf den oberen teil eines kleinen Rollwagens, der unter den Spänen verborgen stekte; sie sah zugleich auf einem Tisch vor sich ein Brett, auf welchem ein Wagenrad abgezeichnet war, und Rogers Taschenbuch liegen, aus dem er seinen Bleistift genommen hatte, der noch auf dem Brete lag. Roger hatte einen ihrer flüchtigen Wünsche, einen kleinen Wagen für ihr Kind zu haben, aufgefasst, er war fast damit fertig gewordenheisse Tränen stürzten aus ihren Augen, bei diesem neuen Beweis seiner stillen innigen sehnsucht, ihr Freude zu machen. Sie hörte seine verzweifelnde stimme, als er in der Abschiedsstunde rief: nie, nie wird er sie lieben wie ich! – sie erschrak, nahm das Taschenbuch zu sich, und eilte von diesem Ort hinweg, wo vorwurfsvolle Geister sie zu umschweben schienen. Aus den zulezt geschriebnen Aufzeichnungen im Taschenbuch sah sie, dass dieser Wagen ihn noch an dem unseligen Tage beschäftigt hatte, welcher seinen Entschluss sich zu entfernen veranlasste.

Wenige Tage nach L***'s Abreise kam eine ehrbare Frau, seine ehemalige Amme, die seitdem in der Familie gedient hatte, und holte am frühen Morgen Sara mit ihrem kind ab. Sie war davon benachrichtigt gewesen, und hatte den Abend vorher von Bertier Abschied nehmen wollen; aber der Greis sagte zitternd: Schone mein Alter! Vor vier und zwanzig Jahren nahm mir der Tod mein leztes Kind, ich dachte, nur er würde dich mir nehmen. – Er schloss sich in sein Zimmer ein, wo Sara die ganze Nacht Licht sah. Sie stieg von Schmerz betäubt in den Wagen; wie der Knecht die Hofpforte hinter ihr zuschloss, schien ihr die eherne Pforte der unwiederbringlichen Vergangenheit in ihren Angeln zu klirren, sie schlug die gefalteten hände über ihre Augen zusammen, und schluchzte halb von Sinnen: Auch dieses um deinetwillen! – –