welche mich zehn Jahre lang liebten und achteten, gegen mich aufhezen; aber so lange diese Augen sind, soll meines Rogers Liebe nicht seine Beute sein. Nein Sara, er hat die Rechte deines Gatten, oder gar keine; und dann mache ich die meinen geltend. Ich will ihn heute selbst sprechen. – Diese Erklärung konnte die verscheuchte Sara nicht beruhigen, sie sah dem Gespräch der beiden Männer mit Angst entgegen, und hatte keine klarheit in ihre Seele bringen können. Die bittre Herabwürdigung, mit welcher Bertier von dem Abgott ihres Herzens sprach, flösste ihr von neuem eine geheime Entfernung gegen den Greis ein; sie bereute es, ihm nicht alles verschwiegen zu haben, sie warf sich das Vertrauen, das sie ihm gezeigt hatte, als einen Verrat an L*** vor, und eilte bei seiner Ankunft seine Verzeihung zu erhalten. Er war heute froher, und dem Glück des Wiedersehens offner. Anfangs schien er über Bertiers Absicht, mit ihm zu sprechen, verlegen; bald aber schalt er Sara lachend über die Ehrensache, die sie ihm angestiftet hätte, und versicherte ihr, wenn ihr Herz ihm genug traute, um als treue Gattin ihm zu folgen, eh eine müssige Cäremonie es ihr zur Pflicht machte, so stünde er dafür, auch des alten Mannes Einwilligung zu erhalten. Sara seufzte, blikte auf den verführerischen Mann, aus welchem heute Leben und frohe Zuversicht sprach, und wähnte in seinem unstäten Auge nichts als Liebe zu lesen.
Der alte Bertier liess L*** bitten, auf sein Zimmer zu kommen; so kurz ihre Unterredung war, so empfand Sara dennoch die peinlichste Unruhe, bis sie beide zusammen hereintreten sah. Sie richtete ihre Augen fragend auf L***, der mit erhiztem, aber freudigem Gesicht ihre Hand ergriff; ehe er noch sprechen konnte, kam Bertier ihm zuvor, Unwille und tiefe Traurigkeit lag in seinen Zügen. – Sara, sagte er, dieser Mann hat mich überzeugt, dass meine Ansprüche den seinigen nachstehen müssen; er hat mich überzeugt, dass nur das würkliche Eintreffen dessen, was ich fürchte, mich berechtigen könnte, Sie von dem Vater Ihres Kindes zu trennen. Also nichts mehr davon! Ich kann seine Rechte nicht schmälern, wenn Ihr Wille sie heiligt; ziehen Sie mit ihm – er richtete seine trüben Augen gegen Himmel: Verzeih mir, unglücklicher Vater, dass ich hier meine Verpflichtung aufhören lasse! Aber noch einmal wende ich mein väterliches Ansehen an, hören Sie mich, Sara – Ihnen, mein Herr, fuhr er fort, indem er sich gegen L*** wandte, kann, was ich sagen werde, gleichgültig sein, sobald Sie rechtschaffen sind; wo nicht, so wäre es unrecht, es bloss hinter Ihrem Rüken zu sagen. Der Mann, Sara, dessen unzusammenhängenden Gründen, gegen Sitte und Gesez zu handeln, Sie nachgeben, ist der Feind seines Vaterlands und der Verräter seines volkes; wer die Sache der Freiheit verrät, wird sich nicht scheuen, die hülflose Unschuld aufzuopfern! Suchen Sie sich vor Verzweiflung zu schüzen, wenn der Erfolg meinen Argwohn rechtfertigt. So kunstvoll er ist, kann er Sie nie erniedrigen, solange Sie nur von ihm betrogen, und nie seine Mitschuldige sind. Gott erhalte Ihr Gewissen rein! Herr von L***, ob Sie mich Ihrer Politik oder Ihrer Rache opfern, gilt mir gleich; ungewarnt sollte sie nicht aus meiner Pflege – Mit diesen Worten, indem er noch einen festen ruhigen blick auf L*** heftete, entfernte sich der Greis. Sara blieb, ein Bild des Entsezens, wie angezaubert stehen; des grausamen Alten Beschuldigungen umwölkten die reine Glorie nicht, in welcher L*** ihrem liebenden Herzen erschien; aber fürchterlich ergriff es sie, den Mann, den sie über alles ehrte, so hartnäkig verfolgt und angefeindet zu sehen. L*** führte schnell den gefährlichen Schwindel ihrer Gedanken vorbei, der doch endlich in Zweifel an ihm hätte übergehen können; er nahm sein Kind in seine arme, und fragte sie ernst und eindringend: mein Weib, sagt dir nicht Pflicht und natur, dass du mir mehr vertrauen musst, als dem traurigen Parteigeist dieses kühnen Alten? Ich betrog dich noch nie, und werde dich nie betrügen; misverstand deine ehrwürdige Unerfahrenheit auch zuweilen meine Worte, so war dir meine Liebe doch immer deutlich, und von dieser erwartest du ja dein Glück, nicht von dem Einfluss meiner äusseren Lage, nicht von den politischen Verhältnissen, die Bertier so hinterlistig auszulegen sucht. – Sara musste in diesem augenblick dem Glück ihres Lebens, dem Glauben an seine Redlichkeit entsagen, oder mehr wie je hingegeben, in ihm alle ihre Erwartungen von Frieden und Seligkeit vereinigen – konnte sie da wohl anstehen? In dem lezten Zeitpunkt von ihres Vaters Leben, und seit seinem tod hatte Einsamkeit, Liebe, Kummer, sie gegen alle Unterschiede der Parteien und gegen ihre Absichten sehr gleichgültig gemacht. Die Sache der Freiheit und der Gleichheit konnte zwar nicht anders als ihr teuer bleiben, allein war L*** denn ein Bundsgenosse der Gegner dieser Sache? Bei dieser Frage war es ihr jetzt unmöglich zu verweilen, sie wollte nichts als sich aus der hülflosen Ungewissheit retten, in welcher ihre Trennung von dem Geliebten sie hielt, sie wollte dem mann gehören, für welchen sie Rogers Liebe, Bertiers Vertrauen verloren hatte – ach und einen noch teuerern Kaufpreis durfte sie sich um ihrer Ruhe willen nicht nennen, aber der Gedanke an die Todesstunde ihres Vaters rief ihr diesen doch unzähligemal zu – Diesem Mann, der ihr nun alles