1795_Huber_041_6.txt

arme Frau zu ihm mit einem kleinen kind; das war ein Mädchen, und Sara sagt, es wäre ganz klein gewesen, und hätte noch nicht gekonnt allein gehen, und essen, und um nichts bitten. Die Frau bat den guten Mann, dass er ihr doch ein Stübchen gäbe, und ihrem Nettchen eine Suppe, die bösen Menschen hätten ihr alles genommen. Und das tat auch der gute Mann, und die Frau bekam auch ein Stübchen, und durfte in dem schönen haus wohnen. Einmal, da musste der gute Mann ausgehen, weit weg, dass er erst spät am Abend wieder kommen konnte, und da gab er der armen Frau alle Schlüssel, und sagte: sieh hübsch auf das Haus, dass die Diebe nicht hineinkommen, undVater, das habe ich vergessen: der Mann hatte zwei Kinder, dass es war, wie bei uns, eine grosse Schwester, und einen Bruder wie TeodorLiebe Sara, nicht wahr, der Bruder in der geschichte, der war wie unser Bruder, aberaber er hatte das arme kleine Mädchen lieb, ob sie gleich nur von einer armen Frau war – – der kleinen Erzählerin standen die Augen voll Tränen. Seldorf sagte: liebe Kleine, Teodor liebt dich auch, erzähle du nur! nun, der Mann ging fort? – Ja, sagte Antoinette, und blikte auf Teodorn, dessen flammendes Gesicht schon längst abwechselnd Strenge und Rührung ausgedrükt hatteja, er ging fort, und die Frau legte sich zu Bett, und liess das Licht brennen, und auf einmal da war grosses Feuer in der stube, und das ganze Haus brannte, und wie der gute Mann wiederkam, da sah er sein Haus brennen, und da rief er: ach meine Kinder! da kamen ihm die Kinder halb nakkend entgegen, aber die arme Frau war tot vom Rauche, und die Kleine hatte überall Weh vom Feuer, und des guten Mannes Gesicht war auch verbrannt, dass seine Augen finster wurden, und er nie mehr die Sonne sah, und die Blumen, und seine Kinder nicht mehr sah; er nahm aber doch das gute kleine Mädchen auf seine arme, und sagte: du armes Mädchen, deine Mutter hat mich zum Bettler gemacht, und es wird nicht mehr hell um mich sein, denn meine Augen sind finster; aber ich will dich lieb haben, und dich nicht verlassen – – die Kleine erzählte schon lange mit stokkender stimme, die lezten Worte lispelte sie an Seldorfs Brust gelehnt, die sich gewaltsam hob bei dem kindischen Geschwäz. Teodor war still zum Vater getreten; wie aber die Kleine verstummte, und der Vater mit inniger Rührung ihre Stirn küsste, schlug er seine arme um sie, und drückte sie schweigend an sein Herz; dann sprang er zu Sara, die stumm auf ihre Arbeit niedersah, indess grosse Tropfen über ihre glühenden Wangen rollten, und umarmte sie stürmisch. Ob das Geschichtchen weiter ging, das kindische Nachplauderei, und eben so kindische Divinationsgabe in den Köpfchen der Erfinderin und der Erzählerin zusammengesezt hatten, wissen wir nicht; aber das Bündniss schien von nun an besiegelt, und Seldorfs Schwermut hatte eine weit sanftere Schattirung erhalten. Mit wehmütiger Sorgfalt beschäftigte er sich mit dem kind, dessen unendlich empfängliches Gefühl und vorzeitig reifer Geist ihn oft überraschten, wenn er gleich wusste, dass diese Erscheinung bei Kindern, die von ihrer Geburt an ein kränkliches Dasein fortschleppen, als eine traurige Art von Ersaz für ihr verkümmertes Leben, nichts seltnes ist. Antoinette genoss die kaum erwachte Liebe ihres Vaters nur kurze Zeit, plözlich stand sie in der Zunahme ihrer Kräfte still, und eine schnelle Auszehrung führte sie in ihr frühes Grab. Das verlöschende Leben des zarten Geschöpfes schien von leisen Ahnungen jener Welt umgeben; fast schon entkörpert, schien ihr Geist hinter den dichten Schleier zu blikken, und oft war in den kindischen Bildern, die sie ihren neuen Gefühlen anpasste, ein Sinn, der Seldorfs ganze Seele traf. Eines Abends hielt er sie auf seinen Knieen, und das Kind schwazte in matten Träumen von den Freuden, die es sich in jener Welt verspräche. Der Vater suchte sie von dem Begriff vom Tod abzulenkenNein, nein, Vater! Ich will gern sterben, im Himmel ist es schön, noch schöner als im Garten, wenn es Frühling ist, und die Bäume blühen, und die Vögel singenim Himmel ist immer Frühling, Vater! Sie schwieg erschöpft, aber plözlich fuhr sie auf: Vater, ist die Mutter nicht im Himmel? – Ja, Antoinette. – Nun Vater, so gieb mir einen Kuss für die Mutter, den will ich ihr bringen bis du kömmst. – Sie legte ihre arme um seinen Hals, drückte krampfhaft ihr Gesicht an seinen Mund, und ihr Kopf fiel leblos auf seine Brust herab. – O bringe ihr ihn, bringe ihr ihn, und meine Verzeihung für mein vergiftetes Leben! rief Seldorf, wie er den Tod auf ihrem starren Gesicht las. Sanft küsste er noch einmal die Lippen, die ihr leztes Leben in Liebe ausgehaucht hatten, und übergab sie dem grab. dicht an Seldorfs Ländereien gränzte ein schönes Freigut, dessen Eigentümer, ein Anwald aus Saumür, es bisher nur sehr selten auf einige Tage besucht hatte, um Pachtgeschäfte zu berichtigen. Bertierdies war sein Namehatte von Jugend auf die Rechte erlernt. Seinem geraden Verstand, seinem wohlwollenden Herzen war das Labirint alter