geehrt werden, den Mann, von welchem Sie Ihr Glück erwarten, hoffe ich rechtschaffen und gut zu finden; aber aus Schonung für Ihren alten Pflegvater, gehen Sie vorsichtig zu Werke! Bis ich nicht überführen kann, habe ich keinen Verdacht; aber sehen Sie um sich, wie seine Genossen unsern armen Brüdern Zutrauen und Gewissensruhe rauben – diesen müssen Sie es verzeihen, wenn sie nicht so nachsichtig sind.
Man seze sich an Sara's Stelle, um von ihren Empfindungen bei diesen Worten zu urteilen. Sie, die dennoch Entehrte, so rein ihr Herz sich fühlte, so zärtlich ihre Freunde sie schonten, sie, die Einsame, Verwaisste, durch Mistrauen Vereinzelte, sie sah nun auf einmal den lang ersehnten augenblick vor sich; ihres Schiksals Gebieter, ihr Gatte, ihres Kindes Vater war da; jeder augenblick konnte ihn in ihre arme führen – sie hörte halb erstarrt Bertiers Rede an, hörte anfangs nur die Nachricht von L***'s Ankunft, dann fühlte sie einen augenblick bloss den Schmerz des Tadels, der wieder auf ihn fiel; dann erinnerte sie sich, wie es damals war, da ihr Haus verbrannt wurde, wie ihr Vater damals auch auf L*** gezürnt, und sich hernach doch seiner Führung überlassen hatte. Alles stritt und wälzte sich in ihrem kopf: Unwille über den redlichen alten Bertier, Liebe, Angst, Ungeduld, und endlich weibliche, mütterliche Zärtlichkeit, die über alles siegte. Lächelnd und mit perlenden Tränen eilte sie zu ihrem kind, weinte laut, schwazte der Kleinen vom Vater, kleidete sie, war von ihrem Liebreiz überzeugt, und schmükte sie von neuem, und schmükte sich selbst, und neue Tränen und Schaamröte überflossen ihr Gesicht, wie sie ihr Halstuch um den mütterlichen Busen schlang. Wollust, und inniger Schmerz, und züchtige Furcht, ob das Weib ihm so reizend scheinen möchte wie das Mädchen, kämpften in ihrer Seele. Endlich fiel ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Greis, der unruhig aus- und einging, und sie zuweilen tiefsinnig ansah. Sie ergriff seine hände: jetzt kein Mistrauen! Vater, nach so langem Leiden, lassen Sie mir einen augenblick Kinderglück – o ich werde allein die Weise gewesen sein, denn ich glaubte der Liebe! sezte sie begeistert hinzu, und hob die nassen schönen Augen zum Himmel, mit der Zuversicht einer Märtirerin, welcher die göttliche Glorie entgegenstrahlt. Der Alte hörte ihr ernst zu: Gott gebe es, meine Tochter! und indem er ihr sanft die triumphirende Stirne küsste, fuhr er leise, wie zu sich selbst sprechend, fort: Könnte ich allein fallen, für dich und ihn! – Er schwieg erschüttert, und eilte von ihr. Aber die Stunden vergingen, der Abend brach ein, und L*** kam nicht. Mehrmals erwachte die Kleine, und weinte, und Sara ängstigte sich, er möchte nun gerade jetzt kommen, da sie weinte; schnell reichte sie ihr die reizende Brust, und glühte bei dem Gedanken, dass er jetzt hereintreten, und das Kind an ihrem Busen finden könnte. Endlich wandelte sich die zarte Glut der Liebe auf ihren Wangen in ein tieferes Rot, indem ihr Herz von peinlicher Erwartung hoch aufklopfte; bei jedem neuen Schlag der Dorfuhr, nachdem sie schon bang die Sonne hinter die Hügel sinken gesehen hatte, zog es sich krampfhaft zusammen; jedes ferne Geräusch machte sie stuzen, sie lauschte, und zürnte innerlich, so oft einer der Hausgenossen in das Zimmer trat, und doch sang sie selbst sich mit unsichrer stimme etwas vor, um die bleierne Zeit zu betrügen. Aber auch ihre stimme verstummte in der immer zunehmendenden Stille; die Dunkelheit liess sie auf den Weg hin, und den Hügel hinauf nichts mehr erbliken, mit trüben Augen und eiskalten Händen fasste sie ihren Stuhl an, und rükte ihn weit weg vom Fenster an das Bett ihres Kindes. Sie fürchtete sich vor dem augenblick, da der alte Bertier zu ihr zu kommen pflegte, denn sie musste dann ruhig scheinen, und sprechen – doch plözlich hörte sie einen Knecht im hof reden, und auf die Treppe zugehen – bald war es ihr, als ob ein ruhiger leiser Schritt sich ihrer tür nahte – sie zitterte – die tür ging auf, und – L*** stand im Zimmer. Nach einem flüchtigen blick auf die Gegenstände umher, die spärlich erleuchtet waren, weil die herzliche Mutter einen Lichtschirm gegen die Wiege gekehrt hatte, flog er auf sie zu; von Entzüken überwältigt, vermochte sie es kaum, ihm ein Paar Schritte entgegenzuwandern, und er empfieng sie in seine arme. – O sie hätte diese Stunde noch ungetrübt geniessen können! noch war ihr Gewissen rein von Unrecht, noch hatte keine wilde leidenschaft ihr Inneres verwüstet! Hätte dieser Mann die stimme der Menschheit und natur noch hören können, so wäre diese Stunde die erste von Sara's Glück gewesen. Reizender als je, rein, treu, und ehrwürdig neben dem Zeugen ihrer Schwäche, lag jetzt das holde Weib in seinen Armen; sie erwartete alle ihre Seligkeit von seiner Hand, er hatte alle Verantwortung ihres Glückes auf sich genommen, da er sie zu seinem Eigentum machte – warum erwiderte sein blick, sein Kuss, selbst sein Entzüken nicht das kindliche Zutrauen der wonnetrunknen Sara? Die natur siegte zwar einen augenblick, wie die von Freude zitternde Mutter ihm das schlafende Kind hinreichte, wie es ruhig atmend das Köpfchen an seine Brust sinken liess, und im Vaterarm fortschlummerte, wie Sara aufrief: