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zerbrechen vermochte; und weibliche Schwärmerei mahlte ihr seinen männlichen Entschluss als Undankbarkeit vor. Des alten Bertiers Misfallen an der Würkung einer Verbindung, zu welcher er in seinem einfachen Sinne selbst die Hand geboten hatte, war nicht dazu behülflich, den verschlossnen Gram der armen Schwärmerin zur ruhigen Anerkennung des Vernünftigsten und Besten zurückzubringen. Er war edel und wahr, und hatte sich in Rogers Stelle versezt; so um Sara zu leben, sie so zu beschüzen, unter solchen Bedingungen die Zukunft abzuwarten, das musste Roger wünschen, und das gewährte er ihm. Aber er hatte sich mit seinem abgekühlten Blut, mit seinem Bewusstsein, die Rechnung über seines Herzens Glück nun schon längst mit dem schicksal abgeschlossen zu haben, in Rogers Stelle versezt, und auf diese Weise die unausbleibliche Gefahr, der sich der junge Mann aussezte, übersehen. Rogers Wille blieb immer gleich grosmütig und uneigennüzig, aber es musste ein augenblick kommen, wo natur und Liebe diesem Willen eine andre Richtung gaben, als die sein wohlmeinender Grosvater sich gedacht hatte. Es war also ungerecht von dem redlichen Alten, Sara des übeln Ausschlags zu beschuldigen, und über sie, die Rogern niemals ihre Liebe verheissen hatte, zu zürnen, dass es ihn nun unglücklich machte, ihre Liebe zu entbehren. Auch der gang der öffentlichen Angelegenheiten, der sich immer mehr verwikelte, trug dazu bei, den alten Bertier von der unschuldig irrenden Sara zu entfernen. Die Parteien wurden immer heftiger; und alles, was zu L***'s Anhang gehörte, wendete allen Einfluss, alle List und Dreistigkeit an, um die Begriffe des volkes zu verwirren, und jeder wahren Nachricht oder richtigen Vorstellung den Eingang zu versperren. Man befleissigte sich, die rohesten, wildesten und bestechlichsten Menschen aus Bertiers Bunde zu den schlimmsten Bubenstüken zu verleiten oder aufzuhezen, um diese nachher, als eine Folge ihrer Grundsäze, dem volk vor die Augen zu stellen. Bertier, welcher von allen geheimen Kunstgriffen dieser Art unterrichtet war, oder ihren Zusammenhang mit dem grossen System der Revolutionsfeinde wenigstens erriet, konnte sich bei aller seiner weisen Billigkeit nicht entalten, die arme Sara einigermassen mit in die Verdammniss der L***schen Rotte zu ziehen; unter seiner nie zu trübenden Güte drang doch oft die heimliche Misbilligung ihrer Gefühle, und der Würkung, die sie auf seines Enkels Glück hatten, hervor. Endlich ereignete sich ein an sich kleiner Vorfall, der Sara's schicksal schneller entwikelte. Ein kleiner teil vom volk hatte den vierzehnten Julius mit brüderlichem Entzüken gefeiert, für manche war er ein Tag wüster Fröhlichkeit, aber bei weitem die meisten Einwohner jenes Landstrichs sahen ihn mit blindem Mistrauen an, als einen neuen Schritt zur Empörung und Gottlosigkeit. Die Priester taten alles mögliche, um diese Meinung zu rechtfertigen, und sie mischten unter die hier und da angestellten Feste nur zu gut zum Unheil abgerichtete Aufhezer, die alles anwandten, um die freudige Begeisterung in Unordnung und Ausschweifung zu verwandeln. Das Land war voll von unbeeidigten Priestern; in einem Gränzort des Distrikts von ** geriet einer von diesen, der in die Schenke einkehrte, unter verschiedne dort versammelte, patriotisch gesinnte Bauern. Sie liessen sich anfangs nur mit einigen Stichelreden gegen ihn aus; wie er diese aber mit schäumender Priesterwut aufnahm, überhäuften sie ihn mit bittern Vorwürfen wegen seines verweigerten Eides. Der hochmütige Pfaffe war unfähig, sich in Zeit und Umstände zu fügen, sondern donnerte einen Bannstrahl über den andern gegen die Frevler heraus. Er kam gerade von ***, einer zu L***'s Gütern gehörigen Einsiedlerkapelle, die mit einem wundertätigen Heiligenbilde prangte. Der folgende Tag war zur Feier dieses Heiligen, welche durch ausserordentliche Ablassspenden begangen wurde, bestimmt; und Stolz und Unverstand gaben dem Priester ein, die betrunknen Bauern um ihn her zu bedrohen, dass ihnen, statt der Fürsprache des heiligen Fulgentius, dessen Fluch werden würde. Die bis dahin unerhörte Frechheit, dem Zorn eines Priesters zu trozen, erhizte die Trinker in ihrem Fortschritt so weit, dass sie sich vermassen, der Heilige sollte ihnen nicht allein morgen die Absolution nicht versagen, sondern sie ihnen sogar noch heute, vor des hochwürdigen Herrn Augen, hier an Ort und Stelle geben. Sogleich teilte sich der tolle Haufen; eine Hälfte bewachte den wütenden pfaffen, die andre eilte durch die hinter dem haus gelegnen Weinberge und Baumstüke in den nächsten Wald, wo eine halbe Stunde entfernt der Heilige seine Kapelle hatte. Der Einsiedler war beschäftigt, mit einigen hiezu von einem benachbarten Kloster gekommenen Mönchen, die geweihte Stätte mit Blumen und Wachskerzen für die nahe Feier zu schmüken, als die wilde Rotte hereinstürmte, und mit tobendem Geschrei die erschroknen Klausner auseinander trieb. Der Einsiedler mochte schon Unglaubige aller Art gesehen haben; er liess sich von diesen nicht irre machen, sondern eilte, die Kerzen am Altar auszulöschen, und stellte sich in die immer zunehmende trübe Dämmerung vor seinen Heiligen, in dessen Namen er den Verruchten mit lauten Flüchen die augenblikliche Rache des himmels verhiess. Die Scene war grauenvoll genug, um geübteren Freveln einigen Schreken einzujagen: eine alte gotische Kapelle, deren düstres Gemäuer von dem roten Lichtstrahl der ewigen Lampe nur bei ihrem Aufflakern überschossen wurde; die Lampe selbst hieng neben einem halb eingefallnen Bogen von Laubwerk und Blumen, die sie malerisch mit blutigem Schimmer umgoss, indem sie zugleich zwei grosse weisse Heiligenbilder, die den von Flittergold blizenden Altar unterstüzten, etwas erleuchtete; unter dem Laubbogen stand der Einsiedler, eine lange, fast entkörperte Figur, mit kahlem Schedel und dichtem weissen Bart,