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ging mit ängstlicher Heftigkeit durch das Zimmer umher; der alte Bertier gab endlich mit erzwungner Gleichgültigkeit den Befehl, das Pferd zu satteln, sein trüber blick folgte den unstäten, nach Fassung kämpfenden Schritten seines Lieblings. Rogers Stimmung war sehr gewaltsam, alle Gefühle seines Herzens, seine feurigsten Wünsche und seine redlichsten Entschlüsse stritten noch einmal gegen einander in diesem bangen augenblick; er rechnete darauf, seinen Verdacht gegen L*** in Paris aufzuklären oder zu bestätigen, dann aberwürde er dann an Sara's zunehmendem Widerwillen einen schlimmeren Feind als L***'s Anspruch zu bekämpfen haben? Und wenn er L*** Unrecht täte, wenn er nur darum mehr erführe, um sich zu überzeugen, dass seine leidenschaft gegen Geseze und Möglichkeit strebte? – er ward in diesem unruhigen Kampf durch das Erwachen von Sara's Kind unterbrochen, das nach seiner Mutter weinte. Sara verstand sein Verlangen, unwillkührlich rief es ihr jenen traurigen Ausbruch von Rogers Heftigkeit zurück, und sie beugte sich verlegen über die Wiege, um durch ihre stimme die Kleine zu besänftigen. Diese liess sich betrügen, und schlummerte lächelnd wieder ein. Mechanisch war Roger der Mutter bis zum kind nachgefolgt, und stand nun fast gedankenlos bei dem kleinen holden geschöpf. Vielleicht war es der Ausdruk von Ruhe auf dem sanften Gesicht des Kindes, vielleicht würkte die bange Stille, die in dem Zimmer herrschte, auf sein gespanntes Gehirn, vielleicht nahmen ihm selbst unbewusst seine Gedanken einen sanfteren gang: kaum hatte er einige Sekunden auf das Kind geblikt, so wurden seine Augen nass, und wie jetzt der Knecht unter dem Fenster rief, dass alles bereit wäre, stürzte er lautweinend neben dem Bettchen auf die Knie, drückte das Kind an sich, und rief in der Bitterkeit seines Schmerzens: er wird sie nie so innig liebennie so unaussprechlich wie ich! Sara konnte sich nicht mehr halten, sie eilte zu ihm, sie wollte ihm mit der süssen Beredsamkeit der gekränkten Liebe, des unwillkührlich schuldigen Gewissens beweisen, dass sie ihn nie zärtlicher lieben könnte, wie sie ihn als Schwester liebte, dass er nie sie mehr beglücken könnte, wie er sie als Bruder beglückte. Dieser Zauber konnte Rogers Herz noch treffen, aber sein Verstand war nicht mehr zu verblenden; er sah jetzt die Unmöglichkeit eines Bundes, wie der, welchen er mit Sara geknüpft hatte. Dennoch nahm ihre in diesem augenblick ausbrechende Herzlichkeit diesem Abschied den quälenden Zwang, den die bisherige Verstimmung zwischen ihnen hervorgebracht hatte. Er antwortete ihr sanft und fest, dass nur eine späte unbestimmte Zukunft ihm die Wahrheit dessen, was sie jetzt so kühn versicherte, dartun könnte, dass alles, was er bis dahin seinem Gram entgegenzusezen hätte, die Liebe für das Vaterland wäre, das ihn riefeund alles, Sara, was Sie für mich tun können, ist für meine Tugend zu beten, die Ihr Bild nicht mehr aufrecht hält! – Der alte Bertier hatte Sara's schwärmerische Aeusserungen unwillig angehört, und sein redendes Gesicht war bei Rogers männlichem Ernst heitrer und stolzer geworden, bis diese lezten Worte ihm wieder bewiesen, dass mehr Verzweiflung als Entschlossenheit aus Rogers mund sprach. Nicht so, rief er streng, beten muss sie, dass deinem Herzen der Friede wiederkehre; deine Tugend gehört nicht ihr, und nicht dein eigen. Sie gehört wie dein Leben dem Vaterland, das dich zu seinem Streiter weihte: wehe, wenn ein so eigennüziges Gefühl, wie das, welches jetzt in deinem Busen kämpft, seine edelsten Söhne entnervte, wenn unsre Weiber sie von ihren heiligsten Pflichten abwendeten, anstatt sich ihrer Macht für diesen einzig grossen Zwek zu bedienen! – Roger unterbrach ihn ehrerbietig und ruhig: Nein Vater, so entlass deinen Sohn nicht! so lass mich nicht eine Bahn betreten, die mich erst spät wieder in deine arme führt! Teilte ich dein Zutrauen auf meine Tugend nicht, so hätte ich den augenblick nicht überlebt, wo ich das Jahre lang gehegte Traumbild meiner brüderlichen Liebe zerstört sah. Gönne mir aber jetzt den Genuss meines Schmerzens, das Vaterland soll nicht dabei verlieren, und einen andern Ersaz für mein ewig verlornes Glück, einen andern als diesen GenussVater, dring mir ihn nicht auf, jetzt in dieser bittern Stunde nicht!

Er ging, und sein Abschied hinterliess einen traurigen Eindruk bei den Zurükgebliebnen. Sara's weiches schwärmerisches Herz konnte dem Gedanken, der sie so lange unablässig beschäftigt hatte, L***'s Glück und Rogers Frieden zu verbinden, nicht entsagen. Roger hatte ihr moralisches Dasein verdoppelt, indem er fast von der ersten Bildung ihres Gefühles an, ihr geschöpf, ihr Eigentum, und sie die Meisterin seines Schiksals gewesen war. Seit sie zuerst wusste, was Liebe sei, wusste sie sich von ihm geliebt; er hatte nie gewankt, sie hatte sich nie geändert, sie hatte ihm stets jede Empfindung im vollsten Maasse gewährt, ausser der einzigen, welche die natur ihr für ihn versagt hatte. Ohne seine Liebe und ihren wehmütigen Dank hatte sie niemals eine Zukunft sich als möglich gedachtund jetzt zerriss Roger diesen mühsam unter stetem Kampf erhaltenen Bund, warf ihren Einfluss, ihre Macht von sich, wollte kein Glück mehr von ihr empfangen. Ach sie wusste, dass sie ihn nie ganz beglückt hätte, wusste, dass ihn doch keine andre je beglücken würde! Der bittre Gedanke, ihn Jahre lang um den Genuss seines Daseins betrogen zu haben, stritt mit der Kränkung, dass er seine Fesseln zu