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arme geliefert, sie verschlang ihre Reize mit rasendem Feuer, und er fühlte sich ohnmächtig in dem Kampf gegen seine verirrten Sinne. Ihr Name, der anblick ihres Halstuchs, das am Gartenzaun troknete, der Befehl, den sein Vater ihm am Abend dieses Tages gab, Sara's Nachtlicht anzuzündenalles führte eine Reihe der ausschweifendsten Bilder in seinem Gehirn vorbei, durch welche sein moralisches Gefühl vielleicht vergiftet, und er zu herabwürdigenden Verirrungen getrieben worden wäre, wenn ein Zufall ihn nicht aus diesem Zustand gerissen hätte.

Vor Sara's Gegenwart zitternd, und doch mit unwiderstehlicher Gewalt zu ihr gezogen, empfand er eine Marter, die endlich eine Ahnung von Hass gegen den Gegenstand seiner Liebe selbst hervorbrachte. Er war treu und schuldlos, und doch zerstörte sie sein Dasein. Er hätte sie nur einen augenblick besizen, haltendann ermorden mögen, denn seine Vernunft war betäubt. Sonst durfte er seinen Vater um Rat, um hülfe bitten, jetzt errötete er zum erstenmal vor sich selbst. Roger war dieser Demütigung nicht gewohnt, er musste sie enden: er nahm den folgenden Tag von seinem Vater Abschied, um nach Saumür zu gehen, und dort sich zu zerstreuen. Er konnte sich nicht entschliessen, Sara zu betrüben, und abzureisen, ohne sie zu sehen. Sie war verlegen bei seinem Eintritt; als er ihr aber stotternd sagte: Sara, ich muss fort, muss mich wiederfinden, muss wieder fähig werden in Ihrer Nähe zu sein; jetzt ist's unmöglich! – da sah sie ihn wehmütig an, Tränen erstikten bald ihre stimme; er glühte, und wollte fort, als fürchtete er, sie möchte so wie sonst ihm die Hand zum Abschied reichen, oder ihren Kopf an seine Schulter lehnen. Aber sie kniete nieder, benezte seine Hand mit Tränen, und sprach leise: Ja es ist besser, Segen geleite Deine Schritte, kehre ruhig wieder. – Er hörte nichts mehr, er riss sich los, eilte nach der tür, warf noch einen blick auf die Kniende, und verschwand. Als er in Saumür ankam, erfuhr er, dass das Departement eben versammelt wäre, um aus der Nationalgarde die Deputirten zu dem Bundesfest des vierzehnten Julius in Paris zu erwählen. Dies schien ihm ein Wink des Schiksals, er eilte sich unter die Bewerber zu stellen, und da man eifrig bedacht war, nur die wärmsten Patrioten zu dieser Sendung zu gebrauchen, so ward er mit Freuden angenommen. So fand er sich denn auf eine unbestimmte Zeit erlösst von der Gefahr, die ihm zu haus drohte; der neue gang, den seine Gedanken nahmen, die Anstalten zur Reise würkten wohltätig auf seine Fantasie; seine Vernunft erhielt wieder ihre Oberherrschaft, aber es blieb mit dem Gedanken an Sara eine Schwermut in ihm zurück, die keine Zeit zu heilen versprach. Sie hatte seit Jahren sein Glück in ihrer Hand, sie war die Gotteit seines einfachen Herzens gewesen, das kindlich einen grossen teil seiner angebornen Tugenden ihr zuschriebund jetzt hatte sie ihn fast dem Laster in die arme gestürzt, er hatte gefühlt, dass er, um die Gährung seines Bluts zu tilgen, zu niedrigen Ausschweifungen hätte schreiten können, und rettete ihn auch jetzt die Festigkeit seines Verstandes, so schauderte er desto mehr vor dem Gedanken, herzlosen Taumel der Sinne als Entschädigung für die reinste Liebe zu ergreifen. Er ging noch auf einige Tage nach *** zurück, um von seinem Grosvater zu dieser langen Abwesenheit Abschied zu nehmen. natürlich musste er Sara wiedersehen, seine Schwermut vermehrte sich bei diesem anblick; das Gefühl, ungeliebt zu lieben, war in seiner Seele haftend geworden, und die hoffnung, den Abgott seines Herzens glücklich zu sehen, diese einzige Entschädigung für seine unerwiederte Liebe, schwand immer mehr dahin, je verblendeter Sara für L*** schien, und je unerklärlicher dieses Mannes Betragen wurde. Der Streit seiner Empfindungen brachte eine Verschlossenheit in ihm hervor, die sich durch finstre Kälte äusserte, und Sara mit banger Ungewissheit erfüllte. Sie konnte sich nicht verbergen, dass seine Abwesenheit, durch solche vorteilhafte Umstände veranlasst, in diesem augenblick sie beruhigte; aber äusserst peinlich war es ihr, so von ihm zu scheiden, den Schmerz der Trennung nicht durch sanftes Vertrauen lindern, das Gefühl ihrer Dankbarkeit und ihres Unrechts gegen ihn nicht vor seinen Augen ergiessen zu dürfen. Er sah sie wenig, und wenn er bei ihr war, und Fassung genug erkämpfen konnte, um über ihre Lage zu sprechen, geschah es mit einem kalten ernsten Wesen, das sein Herz zusammenpresste. Ihr Stolz hielt sie aufrecht; sie hielt in solchen Augenbliken ihre tränenschweren Augen auf ihre Arbeit geheftet, und suchte Gleichgültigkeit in ihre zitternde stimme zu legen. Roger glaubte, dass seine unglückliche Verirrung ihr bei längerem Nachdenken beleidigend geschienen hätte, und diese vermeinte Unbilligkeit mischte noch etwas Bitterkeit in den Zwang seines Wesens. So erhielt sich das Misverständniss, und stieg immer höher, bis an den Tag, der zur Abreise bestimmt war. Roger sass finster und tiefsinnig neben Sara und seinem alten Vater, dessen Stolz auf die Sendung, die sein edler Enkel erhalten hatte, durch den anblick seiner vernichteten Heiterkeit sehr getrübt ward. Man fragte Roger, ob sein Pferd nun gesattelt werden sollte; Sara fuhr erschroken zusammen, und bükte sich tiefer auf ihr Nähzeug; Roger atmete hoch auf, und liess sich zweimal wiederholen, was man von ihm wollte, ohne die Antwort zu vernehmen. Dann stand er auf, und