1795_Huber_041_53.txt

Roger war abwesend, wie Sara von den Schmerzen überfallen ward, und er kam erst spät nach Haus. Seit vielen Monaten hatte er sich auf diesen augenblick gefasst gemacht; als er aber nun herbeigekommen war, als er denken musste: Leben oder Tod würde jetzt über sie entscheiden, da konnte er sich kaum entalten, den Gesezen des Anstandes, des Stolzes, der stimme seiner Vernunft zu trozen, und zu ihr zu eilen. Er wachte neben ihrem Zimmer, fragte bang einen jeden, der heraustrat, und wie der Schmerz ihr den ersten Schrei auspresste, stürzte er erblasst in seines Grosvaters Schlafgemach, und rief: sie stirbt, Vater, sie stirbt! Der gute Alte war auf: Nein, nein, sagte er, indem er nicht ohne Zittern nach Sara's Zimmer eilte, es ist keine Gefahr; ich bin unterrichtet, aber ich will sie sehen. – Der alte Mann erschien dem leidenden geschöpf wie ein wohltätiger Engel, er fragte mit inniger Teilnahme nach ihrem Zustand, bat sie väterlich, nicht aus falscher Schaam seinen Trost von sich zu stossen, und lehnte ihren Kopf an seine Brust. Ein holdes Mädchen war der Lohn von Sara's Schmerzen, aber die Mutter war anfangs zu schwach zur Freude; Bertier blikte das Kind gerührt an, und ging zu seinem Sohn heraus, der in der heftigsten Unruhe seiner wartete: Sara hat uns eine Tochter gegeben, sagte er ihm freundlich, sie ist ausser Gefahr, sie wird uns erhalten. Roger war entzükt, er bat, er flehte sie sehen zu dürfen. Endlich brachte man ihm das Kind. Er schauderte bei dessen anblick: das Kind eines glücklichen, eines unwürdigen Nebenbuhlersaber Sara's Kind, ein verlassenes, von seiner Geburt bestohlnes geschöpf, ein geschöpf, das einst ein heiliges Band zwischen ihm und Sara knüpfen konnte! Er nahm es auf seine arme, und ging tiefsinnig in das Zimmer der Mutter, die nun zu sehen war. Sie war noch so matt, dass sie im halben Schlummer dalag, und die Gegenstände kaum unterschied. Roger kniete, das Kind im Arm, neben ihrem Bette, und sah, zitternd von Liebe, Schaam und Unruhe, auf das blasse Gesicht, das noch Spuren des wütenden Schmerzens hatte. Sie öfnete endlich die Augen, blikte ihn lange halbverwundert an, bis ihr Herz nach und nach erwachte, und sie ihre arme matt nach dem kind ausstrekte. Er reichte es ihr hin, und sie fühlte seine Tränen auf ihrer Hand; sie hatte die Kräfte nicht das Kind zu halten, es sank auf ihren Schooss, und sie machte eine Bewegung, es in Rogers arme zurückzugeben, indem sie die eine Hand des jungen Mannes mühsam zu ihrem mund führte, und mit einem dankbaren blick küsste. War es Bedürfniss ihres armen Herzens, sich von Liebe umgeben zu sehen, welches sich jetzt, da ihr Geist in diesem Zustand von Erschöpfung gewissermassen schlummerte, nur deutlicher äusserte, oder war sie gerührt von der unerschütterlichen Liebe des jungen Mannes, oder fühlte sie nunmehr als Mutter ihre Rechte auf L*** so gegründet, dass sie von ihrer Strenge nachlassen dürftegenug, Rogers Gegenwart schien ihr wohlzutun, und wenn sie nach einem halben Stündchen leichten Schlafs erwachte, legte sie mit einem wehmütigen Lächeln ihre Hand auf seinen Arm, als wollte sie ihn an dieser Stelle festalten.

Nach drei Tagen hatten Jugend und Pflege die holde Mutter so weit hergestellt, dass sie ihrem Kind die Brust reichte. Bescheiden entfernte sich Roger in diesen Augenbliken, aber eines Tages überraschte er sie, und war durch einen Zufall verhindert, das Zimmer sogleich zu verlassen. Bis jetzt hatte Sara als Mutter zu laut zu seinem Herzen, zu seiner Teilnahme geredet, als dass eigennüzigere Gefühle in ihm hätten aufkommen können; und einfach und redlich, wie er war, hatte seine Fantasie seine Sinne selten verführt. Aber der anblick dieses geliebten reizenden Weibes, die mit dem Ausdruk der reinsten Unschuld, mit stiller heiterer Mutterliebe, ihr Kind an den schönsten, bis jetzt seinen Augen immer verhüllt gebliebenen Busen drückte, deren zurückgebliebne Mattigkeit, deren unbefangnes Vertieftsein in ihre Beschäftigung ihrer Stellung einen wollüstigeren Reiz gab, wie die studierteste Kunst es je vermocht hättedieser anblick erregte in Rogers Blut einen Aufruhr, den er nicht bemeistern konnte. Nachdem er eine Minute lang seine flammenden Blike auf sie geheftet hatte, stürzte er zu ihren Füssen, umfasste Mutter und Kind, drückte sein glühendes Gesicht an dieses Heiligtum, das sein Auge noch nie erreicht hatte, riss sich endlich mit convulsivischer Heftigkeit los, und eilte atemlos fort. Sara blieb erstaunt, erschroken zurück. Ihre achtung, ihr langer schwesterlicher Umgang mit ihm wollte sie überreden, er wäre vielleicht krank, oder er müsste vielleicht fort, und dies wäre sein Abschied gewesen; aber die Glut seiner Wangen und ihr innerer Schreken widersprachen der Täuschung, es war ihr, als hätte sie ihn verloren, und sie zitterte ihn wiederzusehen, nach ihm zu fragen. Sie warf sich vor, gefehlt zu haben, sie bat L*** mit Tränen ihr Vergehen ab, und weinte um Rogers Schuld, die ihre Ruhe vernichtete. Der unglückliche Jüngling hatte von dem augenblick an Höllenqual gelitten. Er konnte an Sara nicht mehr denken, als mit wallendem Blut, mit unbändigen Wünschen. Seine Grundsäze, seine Entschlüsse blieben fest, aber seine Einbildungskraft hatte ihm das Weib, das er seit fünf Jahren mit übernatürlicher Entsagung liebte, in die