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ihres Vaters hatte sie einen kurzen Brief von ihm erhalten, in welchem er ihren Aufentalt bei Bertiers billigte, und sie mit dem ganzen Gewicht seiner Allmacht beschwor, sich still zu verhalten, jetzt nicht von ihm zu fordern, dass er sich öffentlich ihrer annähme, und ihren Glauben an eine Liebe nicht wanken zu lassen, die nicht von Vorurteilen und gewöhnlichen Grundsäzen, nicht von dem früheren oder späteren Anfang ihres Glückes abhienge. Er schikte ihr zugleich eine ansehnliche Summe, die sie mit einem sehr gemischten Gefühl von unaussprechlichem Kummer über sein hartnäkiges Zögern, und von Freude, noch sein Eigentum, noch in seiner Abhängigkeit zu sein, empfieng. Seitdem war aber eine lange Zeit verflossen, sie sah nunmehr den entscheidenden augenblick heranrüken, der jedes Weib so wunderbar dem tod nähert, und zugleich mit so unzerstörbaren Banden an das Leben bindet. Einsam musste sie dem Schreken dieser Stunde entgegengehen, einsam das verwaisste geschöpf empfangen, das seines Vaters Lächeln nicht in diesem Dasein begrüsste. Und wenn diese Stunde ihr Leben endigtesie weinte sanfter bei dieser Vorstellung, dachte sich Ruhe im stillen grab, und ihr Kind in Rogers treuer Handwiederum aber bei dem Bilde des Grabes tat sich ihres Vaters Sarg vor ihrem Blike auf, sie sah seine stummen Tränen, sein sterbendes starres GesichtSchaudernd rief sie: dann verzeihst du mir dort! Und der Tod blieb ihr der liebste Gedanke, und sie wandelte ruhiger dahin, gleich als hätte sie einen Weg durch das Labyrint des Lebens gefunden.

In diese schwermütigen Träumereien wiegte sie sich bis gegen die Mitte des Junius; sie war glücklicher dabei, und empfänglicher für Rogers edle Sorgfalt, für Bertiers väterliche Güte. Eine neue Erscheinung in L***'s Liebe störte diese Stille und Rogers Hofnungen, so bescheiden er sie in die treueste Bruderliebe hüllte. Es langte eine Kiste von Saumür an, in welcher Sara ein vollständiges Kinderzeug, einfach und anspruchlos, aber mit der sorgfältigsten Sauberkeit verfertigt fand. Jedes Stük war mit den beiden Anfangsbuchstaben von L***'s Namen bezeichnet, ein Zettel lag dabei, der nur diese Worte entielt:

"Wann wird die Zeit kommen, wo ich heiligere Pflichten erfüllen, und süssere Freuden geniessen soll, als ein Befehl an eine Näherin mir verschaft? Gesegnet sei die holde Mutter mit ihrem kind!"

Dahin war Sara's ruhiger Schmerz und ihre stille Ergebung; neue hoffnung, Freude, und Zuversicht traten an die Stelle, und wechselten mit sehnsucht und Unruhe von neuem ab. Roger hatte mit väterlicher Sorgfalt der Geburt ihres Kindes entgegengesehen, er hatte sich darauf gefreut, es mit seiner Liebe zu empfangen, er hatte den Grosvater beredet, Sara manches Kindergerät zu schenken, das mit altväterischer Haushältigkeit sauber in Schränken verwahrt stand, und von Bertiers jüngstem Enkel her, der vor vielen Jahren gestorben war, für Rogers künftige Wirtschaft aufgehoben wurde. Mit wahrer männlicher Züchtigkeit hatte er gesucht, Sara die Schaam zu ersparen, die diese Sorgfalt, wenn sie von ihm herzurühren schiene, bei ihr erregen könnte; aber er genoss eine wehmütige Freude, sie durch alle diese kleinen Mittel an sich zu fesseln, und in seine Familie zu verflechten: Bertier nannte sie seine Tochter, ihr Kind sollte die feinen Kragen haben, die seine Mutter genäht hatte, und den silbereingefassten Wolfszahn umgehangen bekommen, an welchem schöne silberne Denkmünzen von Ludwigs des Vierzehnten Siegen gereiht waren, der von Vater auf Sohn schon über ein Jahrhundert in der Familie fortgeerbt hatte. – Roger, der glühende Patriot, der wilde Jüngling, war einfach genug geblieben, um diesen Dingen noch einen ehrwürdigen Wert beizumessen. Das war aber vorbei, seitdem jene unglückliche Kiste anlangte. Verworfen waren die gestikten Hemdchen, die altväterischen Spizen, und das ganze Geräte; mit liebenswürdiger Weiblichkeit ordnete Sara die kleine Wirtschaft ihres künftigen Kindes, die sie des Vaters Zärtlichkeit zu verdanken hatte. Es war eine Kleinigkeit, aber sie zerstörte die Täuschung des guten jungen Mannes. Er ging Sara schwermütig aus dem Wege, um nicht Zeuge ihrer Zufriedenheit zu sein, sie suchte sie zu verschliessen, weil sie fühlte, dass er litt; aber mit einem einzigen Gedanken beschäftigt, gelang ihre Bemühung nur schlecht.

Die entscheidende Stunde kam endlich, und liess Sara das ganze Unglück ihrer Lage empfinden. Unter allen Schmerzen, welche das strenge Gesez der natur einer Mutter auflegt, bei der Angst, die selbst unter den rohesten Völkern alle Begriffe von Qual zu erschöpfen scheint, vermisste sie den Mann, für welchen, durch welchen sie litt. Bei dem Bewusstsein ihrer inneren Reinheit, wurden die Tränen, die der körperliche Schmerz ihr auspresste, doch zu bittern Zeugen ihres Kummers und ihrer Schaam, als die Frau, welche ihr beistand, von ihren Leiden gerührt, ausrief: es ist nicht recht getan, dass der Vater nicht wenigstens dabei ist, sie zu trösten! – Diese einfache, ungeschikte Bemerkung machte das Gefühl, das die arme Leidende unterdrüken wollte, in laute Worte ausbrechen; sie rang ihre matten hände, und rief durchdringend um Kraft, diese Stunde zu überstehen. Wäre es möglich, das Gefühl eines Menschen ganz und unverändert in die Seele eines andern übergehen zu lassen, wäre es möglich, dem leichtsinnigen oder boshaften Verführer, dem durch romanhafte Schwärmerei oder unstattafte Vernünftelei selbst zuerst Verleiteten, den Zustand von unaussprechlichem Verlassensein, in welchem eine unglückliche Geliebte in dieser Stunde leidet, zu schildern; es würde vielleicht keines Mannes Herz dem Schreken widerstehen, Schöpfer dieser Qual zu sein.