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war versöhnt! Wie aber der schwarze Sarg ihn verhüllte und dahin fuhr, verschwand das Bild des Lächelns vor ihrem blick; sie sah ihn in finstrer Erde wie einige Minuten vor seinem Tod, da die stummen Tränen aus den erstarrten Augen flossenwehe, wenn man auf das Geisterleben warten muss, um versöhnt zu sein mit dem in Verzweiflung gestorbenen. Tage und Wochen vergingen, ehe Sara's Fassung zurückkam. Wie viel Roger damals von L*** wusste, ist unbekannt. Er konnte während seiner langen Abwesenheit von ihm gehört haben, indessen war es nicht in seinem Wesen, Erkundigungen einzuziehen, und er berührte den Gegenstand nie. Ueberhaupt mag der Leser von hier an einige Lüken finden; denn Menschen, die in der Einfalt ihres Tuns von der Gewalt allgemeinerer Schiksale fortgerissen werden, beobachten die kleineren verborgnen Fäden ihrer geschichte gar wenig, und können dem Frager selten andre Erklärungen über eine Begebenheit geben, als deren Folgen. Für ein teilnehmendes erfahrnes Herz aber wird diese geschichte immer Zusammenhang genug haben, um die Gefühle der Menschen, die darin handeln, zu begreifen. – Sara verfolgte Rogers Aeusserungen mit mistrauischer Aufmerksamkeit; und so oft sie abzunehmen glaubte, dass er ihre Verbindung mit L*** für unverlezt hielt, so oft näherte sie sich in ihrem Betragen wieder ihrer alten Innigkeit und Unbefangenheit.

Ihre Schwangerschaft war nicht länger zu verbergen; auch befahl ihr der alte Bertier, sich mit bescheidner Sittsamkeit jeder Bemühung der Art zu entalten: in meinem haus, sagte er, sind Sie geehrt, und so viel die Meinung der Welt sie noch angeht, sind Sie ihr schuldig, sie durch Erfüllung der Mutterpflichten zu versöhnen, nachdem Sie als Mädchen sie beleidigt haben. – In der Gegend herrschte so viel Mistrauen, Unruhe, Gährung, dass es kein bloss gesellschaftliches Urteil mehr gab; jeder noch so kleine Vorfall ward in die politischen Meinungen verflochten, und diese wurden mit aller hämischen Kleinlichkeit, Verläumdungs- und Verkezerungssucht behandelt, welche Priester und ihre Kreaturen einer Sache geben können, sobald sie wichtigeren Planen damit dienen. Unter dieser Partei, welche die stärkere war, wurde Bertiers Grosmut gegen Sara so feindselig ausgelegt, als möglich: Roger sollte das Mädchen verführt haben, aus Kummer war der Vater gestorben, und jetzt hielt sie Bertier als seines Enkels Buhldirne in seinem Haus. Die Meinung der entgegengesezten Partei war durch die unvorsichtige oder boshafte Geschwäzigkeit des Pachters, bei welchem Seldorf nach der Zerstörung seines Guts gewohnt hatte, entstanden, und sie entielt mehr Wahrheit. In dieser argwöhnte man Sara's geheime Verbindung mit L***, und dazu gehörte ohnehin wenig Scharfsinn, da Sara bei ihrer natürlichen edlen Unbefangenheit, bei dem Bewusstsein ihrer innerer Würde nie zu verhehlen gelernt hatte, bis ihre würkliche Schuld den Bliken neugieriger Landleute schon in ihren verweinten Augen deutlich werden musste. Man machte Bertier ein Verbrechen gegen das Vaterland daraus, die Geliebte, Vermählte, oderMisbrauchte eines L*** zu beherbergen, und die Unzufriedenheit ging so weit, dass er von verschiednen seiner Brüder darüber zur Rede gestellt wurde. Er antwortete mit aller Festigkeit der Tugend, und verschafte sich, vor unmittelbaren Anklagen Ruhe, indem er in einer Versammlung fragte, ob einer von ihnen das Kind des offenbarsten Feindes vom Vaterland hülflos von sich stossen würde wenn es ihn um Schuz anflehte? Und diese sagte er, ist das Kind meines unglücklichen Freundes; sie wird Mutter eines Geschöpfes das ich dem Gemeinwesen erhalte; sie hat keinen Fleken auf sich, als dem Wort eines Menschen, den sie für redlich hielt, getraut zu haben. Sollen sie und ihr Kind deswegen der Schande und der Sünde blosgestellt werden? soll ich deswegen meinen Freund im grab verraten? Ihr hättet eure Pflichten schlecht erlernt, wenn Menschenliebe davon ausgeschlossen wäre, und Ihr hättet mich schlecht gekannt, wenn Ihr Menschenfurcht mit zu meinen Schwächen gerechnet hättet. Seldorfs Waise bleibt mein Kind, solange sie von ihrem Verführer getrennt bleibt; fordert er sie als sein Weib zurück, so scheide ich von der Gattin unsers Feindes. Bis dahin troze ich der VerläumdungDie rohen Menschen schwiegen gerührt, und die Bosheit ergrimmte, diese Würde nicht zu ihrer Maske nüzen zu können.

Der Frühling hatte jetzt die natur neu belebt, und Sara schlich am späten Abend oft in den Trümmern von ihres Vaters ehemaligem Wohnort umher. Garten und Feld waren durch Bertiers Sorgfalt so weit hergestellt, dass ihr Ertrag Sara immer vor dem dringendsten Mangel schüzen konnte; aber die sonst so wohl erhaltenen Gänge, die schattigen Lauben lagen noch danieder. Wie trüb und bang stieg die Vergangenheit in Sara's Seele auf, da ihr Irrgang sie zum erstenmal wieder bis an die eingestürzte Brunnensäule brachte! dort hatte sie Ihn zum erstenmal gesehenund alles war zerstört, wie die Stätte dieses heiligen Andenkens! Jene Sara mit leichtem schwebendem gang, frisch und hold wie die Blumen, die sie trug, rein und hell ihr blick wie der Krystall des Wassers, vor welchem sie stand, sanft und ruhig ihr Herz wie die Frühlingsluft, die in den Zweigen umher spielteund nun! Matt und mühsam schlich die immer noch holde Gestalt durch das wildverwachsene Gesträuch, umwölkt und zutrauenslos suchte ihr blick die verwüsteten Spuren der Vergangenheit. Sie sass erschöpft auf dem eingefallnen Brunnenbeken nieder, undbetete für L***. Sie hätte um ihn beten mögen, denn seit Monaten hofte sie umsonst auf Nachricht von ihm, forderte ihn umsonst auf, seinem weib, seinem kind beizustehen. Nur einmal nach dem Tod