das aber ewig das Ziel meiner Hofnungen bleibt. – Sara geriet bei diesen Worten in die heftigste Bewegung. Wissen Sie auch, rief sie mit dem Ausdruk der Verzweiflung, dass er daran Schuld ist, dass mein Vater mir fluchend aus der Welt schied; und jetzt gebraucht er Gewalt, um mich von seinem Leichnam zu trennen. – Bertier ergriff ihre Hand, und führte sie stillschweigend in das Zimmer des toten. Sara! sagte er ernst und feierlich, indem er das Tuch von dem Lager hinwegzog; dieses lächelnde Gesicht fluchte seinem kind nicht im Tod! Die hoffnung Ihres Glücks begleitete ihn vor Gott; hier an seinem Sterbebett geloben Sie mir Gehorsam und Sanfteit, die ihn ehren. – Das arme Mädchen war bei diesem anblick, wie von einem Lichtstrahl getroffen, zu Boden gesunken. Sie blieb einige Minuten unbeweglich, dann stand sie auf, legte ihre kalten hände in Bertiers Hand, und fragte mit hohler erloschner stimme: Versichern Sie mir das? er fluchte nicht? Und Sie – indem sie sich zu Roger wandte – Sie hatten ja wohl kaltes Blut um zu hören! Er fluchte nicht? – Nein Sara, er starb mit einem heitern Gedanken. – Sie hob hände und Augen gegen Himmel, küsste des Vaters Stirne und hände, seufzte, als bräche ihr Herz: Gute Nacht, Vater, gute Nacht – o gute Nacht! rief sie noch einmal, indem sie die gefalteten hände an ihr Herz drückte, und ging in ihr Zimmer, wohin ihr die beiden Bertiers folgten. Sie sezte sich noch einen augenblick zum Schreiben nieder; aber der alte Bertier erinnerte sie, ihr Gepäk zu besorgen, weil er sie sogleich nach ihres Vaters Begräbniss mit sich fort in sein Haus nehmen würde, wo sie sich ganz als sein Kind, als Miterrschaft ansehen sollte. Ich weiss, dass dies Ihres Vaters Wunsch war, und dass nur die lezten Vorfälle seines Lebens ihn verleiteten, falsche Wege dazu zu suchen; Sie können meine Tochter sein, ohne sein Weib zu werden – indem er auf seinen Enkel deutete – obschon Sie es auf keine ehrendere Art für Sie, auf keine beglückendere für mich sein könnten. Sie sah finster und unentschlossen auf Roger; sie nahm das Papier, an welchem sie so eben geschrieben hatte, vom Tisch, und sagte: Gehorsam, Liebe, Ehrfurcht bin ich Ihnen schuldig, und gibt es ein Mittel, mir das Leben zu erleichtern, bis mein Schuzgeist erscheint, so ist es, dass dieser junge Mensch es mir möglich mache, ihn wieder zu lieben, wie ich seit der ersten Bildung meines Herzens ihn liebte. In diesem Blatte habe ich ihn darum gebeten, ich habe ihm den Weg dazu gezeigt. – Da Roger! Sie gewähren mir dieses, oder reissen sich auf ewig aus meinem Herzen. – Sie ging nun mit scheinbarer Ruhe an das Einpaken ihres Gerätes, und trieb das verschlossne Wesen ihres Schmerzens so weit, dass sie neben des Vaters Leiche aufräumte; nur bemerkte man eine zitternde Tätigkeit in ihren Bewegungen, und wenn sie sich einen augenblick vergass, flossen einzelne grosse Tropfen aus ihren starren toten Augen. Sie kam ein paarmal in ihr Zimmer zurück, wo sie den alten Bertier, wegen der Anstalten zur Beerdigung, und andrer Angelegenheiten, die mit dem plözlichen Todesfall zusammenhiengen, mit verschiednen Leuten im Gespräch begriffen fand; Rogern sah sie aber nicht, bis sie an einem Fenster vorbeikam, wo sie ihn unter den Bäumen erblikte; er ging in der heftigsten Bewegung auf und nieder; sie stand im Begrif, weich zu werden, aber sie entfernte sich, und hob einen augenblick die Deke von des Vaters Gesicht, worüber ihr starrer Mut zurückkehrte.
Es war jetzt Mittag, und sie kam mit den beiden Bertiers wieder zusammen. Sie schien bei Rogers anblick zu leiden; der Alte bemerkte es, und nahm das Wort: Sara, mein Sohn hat mir Ihre Bitte mitgeteilt. Er soll durch einen feierlichen Schwur Ihrer Hand entsagen, damit Sie seine Grossmut, seine Aufopferungen ohne Verdacht annehmen, damit Sie die Veranlassung zu Ihres Vaters Tod verschmerzen. So lange sie L***'s sind, wird er keine Ansprüche auf Sie machen; werden Sie frei, so haben Sie das Recht, ihn auszuschlagen, aber nicht seinem Willen Einhalt zu tun. Roger schwört nicht. – Nein Sara, rief der junge Mann innig, indem er ihre Hand fasste, nein! ich schwöre nicht, aber ich schweige wie das Grab. – Sara liess ihren blick ungerührt auf ihm ruhen: Auch so! Trage, was darauf folgt, ich wollte es gut machen. – Mehr sagte sie nicht, sondern fing bald darauf an, von Geschäften zu sprechen. Gegen den Abend ward der Leichnam nach dem nächsten Kirchhof gebracht, Roger folgte ihm, und Bertier stieg sogleich mit Sara in seinen Wagen, um nach *** zu fahren. Es war nötig, Sara zu entfernen; denn in dem augenblick, wo der Sarg aus dem haus gebracht wurde, schien ihr Leben in Gefahr zu sein. Wer ein Wesen, das ihm teuer war, sterben sah, wird über diese menschliche Täuschung nicht lächeln. Das letzte Röcheln des Hinscheidenden ist schreklich, aber mit der ersten Schaufel Erde, die auf den Sarg rollt, fällt erst die furchtbare Scheidewand zwischen uns und der Geisterwelt ganz nieder. So lange er da lag, lächelnd und sanft im ewigen Schlummer, sagte sich Sara leise im innersten Herzen: er