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, und pflanzen auch alle Laster des Sklavensinnes in ihre entartete Brust. Aus Händen, die wir nicht achten, können wir den Lohn nicht mehr empfangen, der nächst unserm Selbstgefühl der reinste Antrieb zur Tugend ist, und alle einfachen Bande des geselligen Lebens lösen sich auf.

Alle Lehren, die Seldorf seinen Kindern gab, atmeten diese Grundsäze. Nach ihrem mehr oder weniger gebildeten Alter veränderte sich zwar die Einkleidung, aber der Sinn blieb derselbe. Er bedachte nicht, wie viel bittere Erfahrungen er einst in der würklichen Welt zwei einsamen, liebevollen Geschöpfen zubereitete, die er mit abgezognen Begriffen über Wesen ausrüstete, welche alle in tausend und aber tausend Abänderungen irgend einen Zug dieses Bildes darstellen, aber demselben nie gleichen würden. Seine Absicht war indessen berechnet und schön. Er selbst war auf seiner Laufbahn an einen Abgrund von Unglück geraten, er hatte sich für Menschen geopfert, die sein Herz zerrissen hatten, und sein hoher Begriff von der Menschheit hatte sein eigenes Selbst vom Untergang errettet, hatte ihm Mut gegeben, bei einer völlig zerstörten Existenz Schöpfer fremder Glückseligkeit zu werden. Die bürgerliche Gesellschaft und ihre Verhältnisse waren ihm verhasst, er dachte mit Schaudern daran, seine Kinder in diesem schaalen Chaos kalterziger leidenschaft und geistloser Vernunftanstrengung zurückzulassen; da er aber keine Einsiedler aus ihnen machen wollte, so sollten sie in den Stand gesezt werden, sich einst ihren Weg selbst zu bahnen. Die einzige Sicherheit, die er ihnen gegen alle Gefahren geben zu können glaubte, war der höchste Begriff von ihrer moralischen Bestimmung; hatten sie den, so konnten sie unter so vielen entarteten Mitgeschöpfen wohl unglücklich, aber nie ihnen gleich werden. Das Landleben und die sanfte Luft schienen anfangs Sara's Wünsche für Antoinetten, die leztgeborne Tochter von Seldorfs Weib, zu begünstigen, sie bekam Kräfte, und erwiderte die Liebe ihrer ältern Schwester mit der rührendsten Zärtlichkeit. Indess Teodor bei dem Vater lernte, oder ihn in seinen landwirtschaftlichen Geschäften begleitete, war Antoinette beständig um Sara, liess sich allerlei kleine Spiele und arbeiten von ihr weisen, oder ward von ihr, mit süsser Sorgfalt für ihre Gesundheit, im Garten und auf den Wiesen umher geleitet. Kamen der Vater und der Bruder zurück, so brachte die gute Sara ihren Pflegling der Wärterin wieder, denn es tat ihrem weichen Herzen zu weh, ihren Vater bei dem anblick und den Liebkosungen des kleinen Geschöpfes finster werden zu sehen. Anfangs, und so lange Antoinette krank war, hielt sie das für Schmerz über ihr vieles Leiden; nun war sie aber gesund, und wenn Sara ihrem Vater erzählte, dass ihr Schwesterchen hübsch laufen, und schwazen, und sonst allerlei niedliche Dinge könnte, und er sie dann mit erzwungner Freundlichkeit anhörte, oder mit trüben Augen umarmte, und finster abbrach, strengte sie ihren liebenden Sinn an, um die Ursache dieses Unwillens zu ergründen. natürlich erwachte dann in ihr das Andenken der Mutter, um derentwillen sie ihren Vater oft betrübt sah. So geschah es einmal, da er ihre kindische Freude über ihr Schwesterchen kalt zurückzustossen schien, dass sie furchtsam fragte: Vater ist es denn Antoinettens Schuld, dass die Mutter starb? Seldorf trat heftig zurück, und ging mit sich selbst kämpfend im Zimmer umher. Das gute Mädchen glaubte es nun erraten zu haben, und ergrif weinend des Vaters Hand: Zürne nicht, verzeih ihr! Sie ist so allein, weil du sie nicht magstbringe sie dann her, gute Sara, ich will sie mögen, ich will ihr verzeihen – – weiter liess ihn seine Bewegung nicht sprechen, und weiter hätte auch Sara nichts gehört, denn sie war schon hinaus geeilt, um ihrer Schwester ein Glück zu verschaffen, das sie für das schönste, wünschenswerteste hielt. Die Kleine spielte im Garten unter den Blumen, und folgte Sara's freudigem Ruf, zum Vater zu kommen, mit furchtsamen Schritten; denn sie war seiner Gegenwart fast entwöhnt, und liebte ihn nur aus Sara's Lehren, wie die unbekannte Gotteit ihres kleinen Herzens. Seldorf empfieng sie tief gerührt, mit offnen Armen, und Antoinette blikte scheu bei den Tränen und Liebkosungen des Vaters. Ihre schönen, wenn gleich matten Augen, suchten kindisch staunend auf Sara's Gesicht eine Erklärung dieses Auftritts; indess, wie sie ihre kleine Mama so fröhlich sah, ward sie auch munter und wakker, suchte die schönsten Blumen aus ihrem Körbchen, und stekte sie dem Vater erst in die Hand, dann gar an die Brust, eilte geschäftig hin und her, und holte alle ihre kleinen arbeiten, und zeigte sie ihm mit einem sanften, um Beifall bittenden blick; und wenn ihr Wunsch gewährt wurde, rief sie: das hat mich alles Sara gelehrt, das hat mir meine Sara geschenkt; Sara erzählt mir auch viel schöne Geschichten, soll ich dir eine erzählen, lieber Vater? – Es war deutlich, dass Seldorfs Herz bei diesem ganzen Auftritt von tausend Empfindungen zerrissen wurde; aber je länger er Saras inniger Teilnahme an der liebenden Geschäftigkeit dieses Kindes zusah, und je vertraulicher die arme Kleine, in der Bemühung ihm zu gefallen, wurde: je sanfter schien sein Schmerz zu werden. – Ja, erzähle mir deine schönste geschichte, die dich Sara zulezt lehrte, die erzähle mir. – Nun Vater, da war einmal ein Mann, der war sehr gut, so gut wie du, und hatte auch ein hübsches Haus, und Garten, und allerlei Schönes; und da kam einmal eine