, sie sank ohnmächtig in Rogers arme; bei dem Geräusch, welches dadurch unter den Anwesenden entstand, schlug Seldorf die Augen noch einmal auf, und sie fielen auf die Gruppe, wie Roger, beide arme um Sara geschlungen, sie fest an sein Herz drückte – ein mattes Feuer schien noch in seinem blick zu flimmern, ein schwaches Lächeln spielte um seine Wangen; er legte sein Haupt seitwärts, und entschlief.
Fussnoten
1 Dieses Kunststük sieht riesenmässiger aus, als es wirklich ist. In den Gebürgen des Jura, und an vielen Orten, wo die Heerden in der guten Jahrszeit von den Dörfern entfernt sind, ist es bekannt genug. Da der Stier sehr ungelenk, und in einem solchen augenblick von Wut betäubt ist, so kommt es darauf an, alle Kraft in den ersten Anlauf zu sezen, und dem Tier das Gleichgewicht zu nehmen, ehe es auf seinen vier Füssen den Angrif gemacht hat.
Zweiter teil
Lange noch lag Sara ohne Bewusstsein in den Armen ihres jungen Freundes; denn Roger besorgte, dass ihre ausbrechende Verzweiflung bei ihrem Erwachen die entfliehende Seele des unglücklichen Vaters aufhalten möchte. Eine grauenvolle Stille folgte auf das unruhige Geräusch der Hülfsleistungen um den Sterbenden. Zwei Weiber aus dem haus, die ihn aufrecht gehalten hatten, drükten ihm nun kalt und metodisch den Mund zu. Sie flüsterten gegen einander: er ist ohne den Segen der Kirche gestorben. – Heilige Jungfrau! rief die eine, und warf ein Tuch hin, mit welchem sie eben den lächelnden toten bedeken wollte; heilige Jungfrau, erbarme dich! wir wollen beten – Die beiden Weiber sanken neben dem Bett auf die Knie; Roger schauderte, da er diese neue Veranlassung zur Pein für Saras zerstörtes Herz entstehen sah. Er fasste sie auf, und trug sie aus dem Zimmer. Diese Vorsicht war sehr notwendig, denn ihr Erwachen war so fürchterlich, dass ihr geheimnis und die geschichte der lezten Augenblike ihres Vaters durch ihre Reden bekannt geworden wären. Rogers Gegenwart schien ihr Abscheu einzuflössen: sie rechnete ihm ihres Vaters Tod zu, weil er ihm zu dem Plan einer unnatürlichen Verbindung die Hand geboten hatte. Bei aller dieser Verwirrung ihres Geistes war keine Heftigkeit, sondern eine kalte, feste, finstere Verzweiflung, die taub gegen Güte und Vernunft, nur für die Eingebungen ihrer zerrütteten Fantasie Gehör hatte. Roger litt unendlich, aber es gelang ihm durch sein einfach männliches Wesen, ihr zu widerstehen. Er behandelte sie wie ein Kind, liess sie nicht aus dem Zimmer, besorgte alle Anstalten zu Seldorfs Begräbniss, und schrieb seinem Grosvater den traurigen Vorfall, der seinen alten Freund so schnell hinweggeraft hatte. Er bat ihn zugleich um Rat wegen Sara's; "denn ich gestehe dir, Vater – so drückte er sich aus – dass ich keine Gewalt mehr über mein Herz habe, seitdem ich sie durch L***'s Verrat frei, und bei allem was sie umgiebt, ohne unsre Stüze, unendlich verlassen weiss. Selbst das Beste zu wählen, bin ich in diesem augenblick nicht fähig; eile, Vater, mir jetzt beizustehen, da ich noch keinen Entschluss in mir aufkommen liess." –
Der alte Bertier hatte kaum Zeit gehabt, diesen Brief zu lesen, als er sich ungeachtet der rauhen Winternacht auf den Weg machte, und mit Tages Anbruch bei dem Pachterhof anlangte. Er befreite Rogern von der peinlichsten Lage. Sara hatte gegen Morgen mit grosser Heftigkeit verlangt, zu ihrem toten Vater gelassen zu werden, und auf Rogers sanftes Verweigern, das sich vorzüglich auf die Besorgniss gründete, die Umstehenden möchten aus den Ausdrüken ihres Schmerzes mehr erraten, als zu ihrer Sicherheit dienlich wäre, sezte sie ihm die herrschaft der Verzweiflung entgegen. Er gewann es zwar über sich, als Mann mit ihr zu sprechen; er beschwor sie bei ihrer Pflicht als Tochter, und bald als Mutter, ihm zu gehorchen; aber unfähig, sie länger mit Gründen zu bestreiten, war er gezwungen gewesen, sie in ihrem Zimmer einzuschliessen, und er erwartete nun neben dem Leichnam des Entschlafnen die Antwort seines Grosvaters. Wie froh ward er überrascht, als er den edlen Greis selbst ankommen sah! Dieser stand einige Augenblike mit gefalteten Händen bei der Leiche, und was aus seinem gegen Himmel gerichteten blick leuchtete, war Gewissheit des Daseins jenseits, in welchem Seldorf jetzt den Endzwek seiner Leiden erkannte. Er legte seine Rechte auf die kalte Stirne des toten – so sanft schliefst du nie! sagte er, indem eine Träne seinen blick verdunkelte. Roger erzählte ihm nun alles; der Alte hörte sehr ernst zu, und sass noch lange darauf in tiefem Nachdenken: bald blikte er auf Rogers von Wachen und Unruhe glühendes Gesicht, bald schien er mit sich selbst zu sprechen. – Roger, sagte er endlich, meine Tochter soll Sara von diesem Augenblike sein; ob sie dein Weib wird, hängt von ihr ab; aber ich verspreche dir meinen Segen dazu. Du musstest Rat fordern, ich aber gäbe dir ein schlechtes Beispiel, wenn ich dir Vorurteil und Menschenfurcht neben den Tugenden des Patrioten anpriese. Führe mich jetzt zu ihr! – Sie fanden Sara sehr eifrig schreibend; wie sie Bertier sah, fuhr sie vor Schreken zusammen, und sah Roger forschend und mit stolzem Unwillen an. Dieser kam ihren Gedanken zuvor: ja Sara, der Vater kennt alle Ihre Ansprüche auf unsre Liebe, auf unsre Schonung, er weiss, dass Ihr Vater mir ein Glück zudachte, das ich nie ertrozen will,