Seldorf erkannte, dass sein ehemaliger Ekel an der Menschheit und ihrem verworrnen Treiben in denen, die ihn überlebten, schimpflicher Verrat an ihren Zeitgenossen sein würde; und so matt er nur Rogers: bis in den Tod! segnen konnte, so war es klar, dass er noch Leben zu fühlen gewünscht hätte, um mit einzustimmen: bis in den Tod! – Der Winter verstrich unter dieser Lebensweise, und Seldorf nahm wohl wahr, dass die nahe Frühlingssonne, die in der ganzen Schöpfung das Lebendige vom Erstorbenen scheidet, auch ihm seinen Plaz im grab anweisen würde. Wenn er seinen Stuhl an das Fenster schieben liess, und im Obstgarten neben den toten Blättern einzelne grüne Halme hervorkeimen sah, dachte er bang, sehnend, kummervoll an das Grab. Nachdem er gegen das Ende vom Februar einige Tage sehr schlecht zugebracht hatte, bemerkten einst beide junge Leute, dass er sich in seinem Geist sehr lebhaft beschäftigte, und bald seine Tochter unruhig ansah, bald finster nachzudenken schien; er sprach weniger abgespannt, aber unzusammenhängend, wie jetzt alle seine Ideen waren, von der Bekanntschaft mit L***, und sezte seine Tochter dadurch einer grausamen Folter aus; dann fragte er nach dem alten Bertier, und wünschte, die Jahrszeit möchte es ihm möglich machen, noch einmal zu ihm zu kommen. Roger, welcher für Sara litt, ergrif eifrig diesen Gegenstand, um das Gespräch zu verändern, und versicherte die Luft heute so sanft gefunden zu haben, dass sein Grosvater gewiss diese kleine Reise nächstens würde unternehmen dürfen. Seldorf schien über diese Aussicht sehr erfreut, als ein neuer Anfall von Gichtschmerzen seine Gedanken wieder von allem Aeusseren abzog. Es war Vormittags; Roger hatte im Begrif gestanden, nach Haus zurückzureiten; er blieb aber bis zum Abend, um Sara bei ihrem Vater hülfreiche Hand zu leisten. Seldorf empfieng seine Dienste mit Dank, und drukte einmal in der Todesangst des Schmerzens die hände der beiden jungen Leute zusammen an seine Brust. Endlich legte sich der Anfall, und Roger wollte nach der ersten ruhigen halben Stunde fortgehen, als Seldorf seine Hand fasste, um ihn zurückzuhalten. Er ergrif auch Sara's Hand, und, einige Minuten ausser Stand zu sprechen, drückte er sie bald an seine Lippen, bald sah er, mit einem bittenden Lächeln auf seinem von Schmerz erschlaften Gesicht, zu ihr hinauf. In Sara's Seele dämmerte eine schrekliche Ahnung, die anstatt sie zur Fassung vorzubereiten, ihre Phantasie erhizte, bis ihre Gefühle in einer unnatürlichen Spannung unter einander anstiessen. Roger stand unbefangen, und mit der Aufmerksamkeit eines Sohnes, der jedem Wort des kranken Vaters entgegen horcht, in gebükter Stellung beim Lager seines alten Freundes, als Seldorf endlich, obschon sehr matt, doch gesammelt anhob: Sara, dich allein hat mir das schicksal nicht geraubt, du allein beweisest mir, dass mein langes mühseliges Leben nicht ein blosses Spiel wechselnder Truggestalten war, Sara, du kannst mir ein Pfand geben, dass die Gotteit mich nicht dem Elend ausschliessend weihte ... meine Sara, du kannst das letzte schwindende Bild des Lebens mir wohltätig erleuchten – er hielt mit seinem Gefühl kämpfend inne, und näherte die hände der beiden jungen Leute – Dieser junge Mann wäre mir mehr als Sohn geworden ... mehr! denn der Unglückliche, den ich Sohn nannte, wenn dieser ihm einst auf dem Schlachtfeld begegnen sollte, so darf sein Arm nicht zaudern, und er sage ihm noch: diesen Streich führe ich für deines Vaters Nachkommenschaft! .... Ob du ihn liebst, weiss ich nicht; er liebt dich! .... du wirst dann nicht verlassen sein, und ich werde heiter sterben – Er legte ihre hände zusammen, und blikte wieder fast flehend auf Sara. Diese hatte erstarrt auf des Vaters Worte gehört, wie aber Rogers Hand die ihrige berührte, riss sie sich los, bedekte mit beiden Händen ihr Gesicht, und rief durchdringend: Nie! nie! – Roger stand wie von einem Wetterstral getroffen; erst durch Sara's Heftigkeit ward er zu sich selbst gebracht, küsste fast weinend die hände des Kranken, der bestürzt seine Tochter ansah, und wie von einem plözlichen Lichte erhellt, wandte er sich gegen Sara: Meine geliebte Schwester, geben Sie ihm diese Beruhigung, geben Sie mir dieses Recht, Sie zu schüzen – Des unglücklichen Mädchens Begriffe verwirrten sich; der anblick des sterbenden Vaters, Rogers dringende Bitte brachten die Empfindung von Zwang, ja von Betrug hervor; sie riss sich von neuem von Roger los, und rief schaudernd: du! auch du! L***'s Weib .... bald Mutter – Sara, unterbrach sie Roger ängstlich, fassen Sie Mut; Sie müssen einen Beschüzer, Ihr teures Kind muss einen Vater haben, und L*** wird mir diese Würde gönnen – Sara, die mit Todesangst ihre hände rang, warf jetzt einen blick auf ihren Vater – er lag in Zukungen. Das schrekliche unvorbereitete geständnis seiner Tochter hatte seine gebrechliche Maschine zerstört, ein Schlagfluss riss an dem lezten zähen Faden des Lebens – man eilte herbei, schafte hülfe – Sara stand sinnlos neben seinem Bette, und folgte mit stierem blick dem Wechsel von Erstarrung und Leben auf ihres Vaters Gesicht. Einen augenblick schien sein Bewusstsein zurückzukehren, er richtete seinen blick auf Roger, dann auf Sara, und ein Paar grosse schwere Tropfen rannen aus seinen gebrochenen Augen, die er sogleich wieder schloss. Dieser anblick überwältigte das unglückliche Mädchen