sah, und sie verlegen anfieng einen Vorwand zu suchen, um unterdessen bei ihrem Vater zu bleiben. Seldorf verhinderte es, und Roger zitterte, wie er mit ihr in ihr kleines Zimmer trat. Sein erster scheuer blick fiel auf L***'s Bild, das unter dem Spiegel hieng – er fühlte seine Brust beengt, und wandte sein Auge schweifend auf andre Gegenstände. Noch dauerte dieser für Sara unendlich qualvolle augenblick, als ihr Hund an der Kammertüre lärmte, und wie sie ihm geöfnet wurde, ungeachtet seines Pfötchens, das nicht recht hatte geheilt werden können, vor Freuden bellend auf Rogern zustürzte, an ihn hinansprang, ihm die hände lekte, und ihn so, wie er ehemals zu tun gewohnt war, an dem Rokzipfel zu Sara hinzog, die tief erschüttert sich niedergesezt hatte. Anfangs streichelte Roger den Hund, indem über sein verbranntes Gesicht eine Träne floss; als aber das arme Tier, dessen glücklich eingeschränktes Gedächtniss die längst verflossene Zeit freudig an die gegenwärtige knüpfte, ihn zu Sara hinzog, und das geliebte Mädchen den Hund aufhob und mit einer vielsagenden Heftigkeit an ihre Brust drückte, da sank er ihr zu Füssen, und rief: Sara, ich weiss alles – alles! Ich bin der Alte, und will nur Ihr Glück. Früher konnte, durfte ich ja nicht wissen, aber ich hätte ja nie geliebt, meine Schwester, wenn ich nicht erraten hätte – Er stokte, und verbarg sein Gesicht, auf welchem Anstrengung und männlicher Schmerz abwechselten. Scham, Dankbarkeit, und vielleicht Reue, die sich aber gewiss nur als sorge für die Zukunft zeigte, kämpften in Sara's Seele. Sie hatte sich nach dem augenblick der Mitteilung gesehnt, sie hatte vor dem der Entdekung geschaudert – und doch hatte sie diese nie so schreklich gedacht, wie sie jetzt in Rogers Mund klang, aus welchem doch Liebe und Schonung sprachen. Ihre Tränen hörten auf zu fliessen: alles wissen Sie? Alles, Roger? fragte sie wild und atemlos. – Alles, antwortete er, indem er aufstand, und sich mit edler Festigkeit gegen L***'s Bild wandte; meine Schwester wird dieses Mannes Weib – Roger, ich bin es; heiliger Gott, ich bin es! Sagen Sie so – Roger schauderte zusammen, er legte beide hände vor seine Augen als blendete ihn ein plözliches Licht; aber bald wieder seiner mächtig, ergrif er ihre Hand und sprach: Sie sind sein Weib – und die Mutter seines Kindes! vertraut mir, und lohnt mir so diese fürchterliche Stunde. Sara hatte sich mit einem Schrei in seine arme geworfen, sie weinte sanft; er hielt sie mit abwärts gekehrtem Gesicht, er hielt sie, als hätte er gefürchtet, zwei Herzen neben einander klopfen zu fühlen, zwischen welche Tugend und Sittlichkeit sich nun auf ewig gelagert hatten. Wie sie sich beide einigermassen gefasst hatten, gestand er ihr, dass er genug geahnet hätte, dass seine sorgende Freundschaft deutlich genug auf ihrem Gesicht gelesen hätte, um auf alles vorbereitet zu sein, dass ihm aber ihr geständnis demohngeachtet schreklicher als sein erster Gedanke gewesen wäre, nicht aus Rüksicht auf ihn, nicht als sei ihm irgend eine hoffnung zerstört; er habe keine, als sie auf einem Wege, dessen Dunkelheit ihm noch unerleuchtbar schiene, zu führen und zu leiten. Hier wachte Sara's Vertrauen auf ihr schicksal wieder auf, alle Bilder der Vergangenheit glänzten ihr wieder im hellsten Schimmer, und der Schluss dieser Stunde und viele, die darauf folgten, weihten den treuen Freund in dem Heiligtum ihrer Liebe und ihrer Sorgen ein. Der einfache Roger konnte der Schwärmerin nicht folgen in allen Schattierungen ihres Gefühls; die Strahlen ihrer glühenden Phantasie erleuchteten zwar auch seine Seele, doch nur mit stiller klarheit, wie die Sonne auf einem spiegelhellen Wasserbeken von den ebenen Wellen wiederglänzt, indess sie auf dem in Schaum zerstiebenden Staubbach alle Farben des Regenbogens mahlt. Oft zerriss es sein Innerstes, selbst ewig verstossen, so lieben zu sehen; aber er hatte seine Pflicht als Mann und Freund fest ergriffen, und widerstand jeder Versuchung, treulos gegen diese Pflicht und das geliebte, verlassne geschöpf zu sein. Verlassen! – denn je länger er ihr zuhörte, je mehr er die Würklichkeit, ja die Wahrscheinlichkeit mit L***'s Tun, mit seinen seltenen, dunkeln, despotischen Briefen verglich, desto banger ward es ihm für Sara's schicksal. Sie verschloss ihre Augen vor jedem aufsteigenden Zweifel, und sog aus der Ruhe, die Rogers Nähe und die Gewissheit seines Schuzes ihr gaben, neuen Glauben an den Mann, den sie allein liebte, dem sie allein anzugehören sich so heilig bewusst war.
Seldorf gewöhnte sich schnell, den Jugendfreund seiner Kinder um sich zu sehen; er schien unmutig an den Tagen, wo Roger nicht da gewesen war, und wusste er ihn neben sich, wenn er in dem leichten Schlummer lag, in welchen jeder Versuch zu denken ihn einwiegte, so schien er ruhiger zu atmen, und erwachte oft mit einem wehmütig freundlichen blick auf den jungen Mann. So nah am grab mit Entschlüssen und Taten unvermischt, verloren seine Urteile und Meinungen viel von ihrer Bitterkeit; und mit väterlichem Wohlgefallen ruhte oft sein Auge auf Rogers blizendem blick, wenn dieser von dem grössten Schwur durchdrungen, so entfernt er auch von der leichten Pralerei war, ihn bis zum Verbrechen erfüllen zu wollen, doch mit unerschütterlicher einfacher Treue kein grösseres Verbrechen zu begreifen schien, als ihn nicht zu erfüllen.