1795_Huber_041_46.txt

Seldorfs finsterm Gesicht, mit so viel klarheit und Delikatesse an die Erörterung dieses Misverständnisses, dass die Falten von Seldorfs Stirne wichen, und er, Rogers Hand fassend, zu ihm sagte: Ich hatte keinen Hass, aber da wohin ich wandle ist es besser zu lieben; sagen Sie ihm das, sagen Sie ihm aber dass ich zu müde bin, dass ich schon zu sehr von allen diesen Dingen getrennt bin um ihn wieder zu sehenNein, Herr von Seldorf, nahm Roger das Wort; dann hätte ich meinen Auftrag übel ausgerichtet. So weit zwang mich schon Gerechtigkeit allein zu sprechen, jetzt hören Sie auch meine Bitte. Die ganze Gemeinde von ** – (dem Ort wo Seldorfs Schloss gelegen hatte) – ist von Ihrem Unglück, zu welchem vielleicht einige aus ihrer Mitte mit beitrugen, aufrichtig und innig gerührt; sie bittet Sie, morgen nach dem Gottesdienst eine Gesandtschaft anzunehmen, durch welche Sie eingeladen werden sollen, zu Ihren Mitbürgern zurückzukehren. Die Jahrszeit verbietet, die Arbeit an Ihrem Wohnhaus vorzunehmen; aber die Gemeinde hat einen Vertrag mit meinem Grosvater gemacht, dem zufolge er Ihnen und Ihrer Tochter einen teil seines Wohnhauses, mit allen Bedürfnissen versehen, einsweilen abtritt – O Roger, rief Sara, dieser Trost, diese Gerechtigkeit ist Ihr Werk; Sie lenkten diese wilden blinden MenschenNein Liebe, sie brauchten das nicht, sie brauchten nur den Ausdruk für das was sie dachten, sie brauchten nur jemanden der ihre Art zu fühlen genug kannte, um ihnen ihre eignen Begriffe zu entwikelnDer edle junge Mann glaubte das vielleicht selbst was er da sagte, indessen war er es doch gewesen, der, vor wenig Tagen erst bei seinem Grosvater angekommen, nachdem er alle Erkundigungen wegen jenes ihm schon längst im Allgemeinen bekannten Unglücks seines alten Freundes eingezogen, der versammelten Gemeinde mit eindringender Freimütigkeit die Abscheulichkeit dieses Frevels und das Unrecht, das sie hätten, es nicht wieder gut zu machen, vorgestellt hatte. Er gab ihnen die handgreiflichsten Beweise von Seldorfs Unschuld, und benachrichtigte sie sogar, dass er bei seiner neulichen Anwesenheit in Paris auf das Zuverlässigste in Erfahrung gebracht, Seldorf habe seinen Sohn wegen der von ihm ergriffenen Partei verstossen und enterbt. Sein kühner Eifer und der anerkannte Ruf seiner Denkart verschaften ihm den Sieg sowohl über den Eigensinn der meisten und ihren Widerwillen Unrecht zu vergüten, als über die schleichende Bosheit in dem eigentlich tätigen teil der Commune. So war die Entschliessung, Seldorf zurückzurufen und zu entschädigen, bewürkt werden; allein der Zustand des armen Kranken liess jetzt in der Mitte des Winters keine Veränderung seines Aufentalts zu, und die Abgeordneten der Gemeinde, arme starre Kerls, in welchen selbst diese schöne Handlung von Billigkeit keinen Funken eigentlicher Begeisterung entzündete, wurden betroffen wie sie ihren ehemaligen Herrn in einem ausgeweissten, mit schlechtem Gerät versehenen Stübchen, abgezehrt und mit erloschnem blick in seinem Sessel zurückgelegt erblikten. Der Aelteste hatte sich vielleicht auf eine ordentliche Anrede eingerichtet, aber das Gefühl, das ihn überraschte, tat ihm bessere Dienste als es sein Gedächtniss je gekonnt hätte; er trat zu Seldorf, ergrif seine dürre matte Hand, und rief in seiner rauhen Mundart: Verzeiht uns um der heiligen Jungfrau willen! Dies war das Signal für die beiden andern, welche, die hände über den abgezognen Hut gefaltet eben den Ausruf taten. Seldorfs Herz verlor die Fähigkeit zu hassen täglich mehr mit der Kraft des Lebens; er hatte sich indessen, eh die Männer hereintraten, mit einigen Entwürfen, ihnen Strenge, Würde wenigstens zu zeigen, beschäftigt; so wie aber die Bauern in diesem augenblick nur ihren unglücklichen Herrn in ihm sahen, so erblikte er auch in ihnen nur den Ausdruk des Mitleidens und der Reue; er antwortete mit gerührter gebrochner stimme: Ich verzeihe euch, haltet mein Andenken in Ehren, und schüzt diese hierindem er auf Sara zeigte, die an seiner Seite stand. Der Auftritt griff ihn so an, dass man aus Schonung für ihn bald ein Ende machen musste.

Es währte einige Tage nach Rogers Ankunft, eh er eine gelegenheit fand oder suchte, allein mit Sara zu sein. Sie vermied es und sehnte sich darnach, und in dieser widersprechenden Empfindung litt ihr Herz weit mehr bei seiner Abwesenheit, als wenn seine unbefangne Innigkeit bei seinen Besuchen ihr den Trost seiner Teilnehmung verschafte, und sie zugleich von dem schmerzlichen geheimnis zerstreute. Schon lange eh er zurückkehrte, war sie gesonnen gewesen ihm alles zu offenbaren; und es gehört zu dem Unbegreiflichen in L***'s charakter, dass er ihr die erlaubnis gegeben hatte, ihn zum Vertrauten zu machen. Der Ausgang hat unentschieden gelassen, ob er in seiner Liebe von allen Grundsäzen seines übrigen Lebens abging, und hier sich bloss nach der Anerkennung von Rogers und seiner Geliebten Edelmut bestimmte, oder ob es eine Komplikation von Unredlichkeit war, zu welcher diese Vertraulichkeit ihm einen Faden an die Hand geben sollte. Roger beobachtete indessen Sara mit ununterbrochner Aufmerksamkeit, und ihr Herz schlug ängstlich, wenn seine Blike immer trüber und nachdenkender auf ihr ruhten. So oft er bis jetzt da gewesen war, hatten Seldorfs Angelegenheiten, die der arme Mann bei seiner zunehmenden Schwäche und seinem wachsenden Vertrauen ihm ganz übertrug, die meiste Zeit hingenommen. Einst fand sich indessen Seldorf so matt, dass er allein zu sein verlangte, und seinen jungen Geschäftsführer bat, nach einer Stunde wieder heimzukommen. Roger warf einen lebhaften blick auf Sara, liess ihn aber schnell wieder sinken, da er sie erröten