Geliebte, indem er ihren Kummer vermehrte. Der verblendete Jüngling hatte gewählt zwischen Vaterland und König, zwischen seines Vaters Segen und dem Phantom des Ehrgeizes; und er rühmte sich das Opfer seiner Pflicht zu sein, indem er seinem Vater verkündigte, er habe keinen Sohn mehr. Wir können seinen verschlungnen Pfaden nun nicht weiter folgen; wo wir ihm aber fortan auch wieder begegnen, wird es in Falschheit und Unheil sein. Seldorf las den Brief, faltete seine hände, schien einen augenblick zu beten, und liess sich dann alle Briefe seines Sohnes geben, aus denen er ein Paket machte, es mit einem schwarzen Siegel verschloss, und neben Antoinettens Todtenschein legte. Sara, welche die traurige Entwikelung von ihres Bruders schicksal erriet, warf ihre arme schweigend um des Vaters Hals; ihre Tränen benezten ihre Augen, die sie flehend gegen Himmel hob – auch Seldorfs Blike waren nass, als er sie nach einigen Augenbliken auf seine Tochter richtete; aber er sagte ruhig, indem er ihre hände zwischen die seinigen drückte: wir finden ihn einst wieder! du warst bestimmt, mir alles zu ersezen – Er umarmte sie zärtlich, und sezte nach einer Weile hinzu: dein los mag schwer sein, aber es ist schön! Sein Geist hatte lange schon das Bild des nie wiedergebenden Todes mit Teodors Ungehorsam verwechselt; und er schien jetzt seine Entweichung und seine Fortschritte in der Torheit so zu fühlen, wie ein zärtlicher Vater die unheilbare Krankheit eines geliebten Kindes betrachtet: der Tod endet sie, und hoffnung und Schmerz verlieren sich in genügsame Ergebung. Opferte der langsam Hinscheidende sein zerrissenes Vaterherz der eisernen notwendigkeit, so legte Sara den bittern Gram über ihres Bruders schicksal am Altar der Liebe nieder; Seldorf fühlte sich zu nah am grab, um sich noch der Verzweiflung zu überlassen, Sara vertraute der ihr so sicher dünkenden Zukunft zu heilig, um sie nicht auch mit diesem Schmerz erkaufen zu wollen.
An einem trüben Wintertage harrte einst Sara sehnsuchtsvoll der Stunde, wo sie in ihrem einsamen Zimmer ihr Herz in Glauben und hoffnung würde stärken können. Seldorf war kränker wie gewöhnlich, und seine matten Augen, die auf Sara ruhten, füllten sich unwillkührlich mit Tränen. Er hatte sich über ihre Lage, wie über sein ganzes schicksal, eine Art von Philosophie gemacht, mit welcher er in gesunden Tagen freilich nicht ausgekommen wäre; er glaubte sie keines Fehltritts fähig, und wusste dass sie ihr Brod gewinnen könnte, selbst wenn die Einkünfte seiner Ländereien, die er, nachdem er seinen Sohn verloren, ihr zugesichert hatte, ihr entrissen würden. fest überzeugt, dass Unglück das allgemeine los besserer Menschen wäre, hatte er übrigens andern Hofnungen für sie entsagt. Wie er sie aber jetzt vor sich sah, das Bild der tätigen Güte und des heitern Ertragens, reizend in dem Ausdruk von Ermattung auf ihrem Gesicht und in ihrer ganzen Gestalt, wie ihn die einsame Stille, von welcher er sich umgeben sah, an die noch grössere Einsamkeit mahnte, in welcher sie nach seinem Tod sein würde, fühlte er seine Brust beklemmt, und er hätte in diesem augenblick von Rükkehr zu den Sorgen des Erdenlebens, einen gleichgültigen Fremden anrufen können: schüze mein verlassnes Kind! – In dieser wehmütigen Stimmung hatten Vater und Tochter einen grossen teil des Abends zugebracht, als sie plözlich einen Reiter in den Hof sprengen hörten, der lebhaft nach Seldorf fragte; und noch hatte Sara nicht Zeit gehabt an das Fenster zu gehen, als die tür aufflog, und Roger zu ihren Füssen stürzte. Meine Schwester, meine geliebte langentbehrte Schwester! rief er entzükt und umarmte ihre Knie, blikte dann zu ihr hinauf, und tat einen neuen freudigen Ausruf. Sara's erste Bewegung war eher Schreken; sie sass atemlos auf ihrem Stuhl, bis endlich Tränen aus ihren Augen quollen, und sie ihre Hand auf seine Schulter legte – Guter Roger! seufzte sie, aber Weinen erstikte ihre stimme, und des jungen Mannes ungestümme Freude schwieg nun um ihre Wehmut zu schonen. In diesem augenblick nahm er Seldorfs Gegenwart erst wahr, der erstaunt und betroffen dem Auftritt zusah. Die edle Freimütigkeit, die Rogern eigen war, verwischte bald den Ausdruk von Verwirrung, der sich bei dem anblick des Vaters über sein Gesicht verbreitet hatte; er eilte zu ihm, drückte ehrerbietig seine Hand, und sagte, indem er sie fort hielt und näher zu ihm trat, mit halb leiser stimme: Ich glaubte Ihre Tochter allein, aber sein Sie versichert dass ich mit dem Bewusstsein Ihrer Gegenwart eben so wenig Herr meiner ersten Freude gewesen wäre. Vielleicht hatte Roger immer in Seldorfs Herz einen Plaz besessen, dem er seine jezige Aufnahme zu danken hatte, vielleicht waren es auch die trüben Betrachtungen des heutigen Tages, die, dem alten Mann selbst unbewusst dazu beitrugen, ihm Rogers Rükkehr erfreulich zu machen; gewiss war die matte Freude des Unglücklichen, und seine stillen Tränen, indem er den edlen guten Roger den übrigen Abend sprechen hörte, der unbefangnen Dienstfertigkeit mit welcher er ihn behandelte, und seiner innigen Zärtlichkeit gegen Sara zusah, gewiss waren sie das rührendste zeugnis seines Wohlgefallens an der Zurükkunft des jungen Freundes. Roger erwähnte bald seines Grosvaters, von dem er, sagte er, einen Auftrag hätte; Sara wollte das Gespräch ängstlich ablenken – Nein, sagte Roger mit bittendem Ernst, diese Schonung ist falsch; Ihr guter Vater muss die Beruhigung haben, seinen alten Freund zu lieben. Er ging nun, troz Sara's banger Mine und