unendlich teuer; denn ihr grosmütiges Herz litt dabei, auf den Namen von L***'s Gattin erst dann Anspruch machen zu dürfen, wenn Seldorfs teurer Mund sie nicht mehr Tochter nennen würde. Ihre ganze Welt war nun auf ihn und L*** beschränkt, Teodor schien verloren; bei Rogers Andenken klopfte ein banges Gefühl in ihrer Brust, das vielleicht eine Mahnung an ihre Vernunft hätte hervorrufen können, und diese hatte sie jetzt unter die Gewalt der Liebe gefangen genommen. Sie hielt sein Bild von sich entfernt, bewahrte aber ihre Zärtlichkeit für ihn wie ein heilig vertrautes Gut, das selbst L*** nicht angreifen durfte. Durch L***'s Liebe beglückt, mit tausend kleinen Diensten für ihn beschäftigt – denn sein Einfluss auf den Mann, der die kleine Familie aufgenommen hatte, und ihres Vaters Krankheit gaben ihr ausser seinem Zimmer die vollkommenste Freiheit – schien es als versühnte sie durch die Tätigkeit in ihren häuslichen Pflichten, durch die Engelsgüte, mit welcher sie den Vater pflegte, das durch kein Gesez geheiligte Glück ihrer Liebe. Und hätte man sie mit L*** gesehen, geehrt von ihm als hätte der laute Ruf des Stolzes sie ihm zur Gattin gegeben, mit dem Ausdruk der reinsten Unschuld jede stille Freude, jedes keiner Beschreibung fähige Glück gegenseitiger achtung und Liebe geniessend; man hätte in jedem sanften Lächeln ihres Gesichts den Lohn der Tugend zu lesen geglaubt.
Nach einigen Wochen fühlte sich Sara kränkeln; L*** beobachtete sie mit halb mutwilliger halb entzükter Sorgfalt, und wie er bangen Zweifel auf ihrem blassen gesicht las, schmeichelte er ihre Furcht in frohe Gewissheit. – Sara, willst du nicht für deines Geliebten Kind, für deines Geliebten höchste Seligkeit leiden? Bei diesem Zuruf kämpfte ein holdes Lächeln mit den Tränen der errötenden Sara. Keine Angst ihrer ängstlichen Besorgnisse konnte der Vaterfreude des unbegreiflichen Mannes widerstehen. Klagst du, so sagte er, noch mehr mein zu sein, als du schon warest? Fürchtest du dich davor, mit der Mutterwürde mehr Ansprüche auf achtung wieder zu gewinnen, als du in deiner Mädchenehre verlorst? O meine Sara, o meine reizende Mutter, deines müden Vaters Geist wird heiter und vom Irrtum entfesselt auf seinen blühenden Enkel herablächeln! Lass ihn auskämpfen und dann ruhen, versüsse seine lezten Tage, und zieh durch keinen Unglauben, durch keine kurzsichtige Reue mir und dir Kummer zu.
Sie litt und lächelte in ihre Leiden, sie sorgte und richtete ihr Auge gegen Himmel, wo L***'s allgegenwärtiges Bild ihr neue Täuschung herabwinkte. Dieser wunderbare beseligende Traum hatte nun vom October bis zu Anfang des neuen Jahrs (1792.) gedauert, als L*** ihr mit männlicher Fassung verkündigte, dass ihnen eine Trennung auf eine unbestimmte Zeit bevorstünde. Er hatte ihr zwar nie mit ungetrübtem Glück geschmeichelt, er hatte sie vielmehr oft mit liebendem Ernst auf unerwartete Wendungen ihres Schiksals vorbereitet, welche die gespannte Lage der öffentlichen Angelegenheiten nach sich ziehen könnte; aber doch empfieng sie diese Nachricht mit einer so heftigen Bestürzung dass L*** erschrak; er fasste die arme, die vor Zittern fast niedersank, in seinen Armen auf, sezte sie auf einen Sessel nieder, stand einige Augenblike mit einer gewissen Wildheit im blick vor ihr – dann wandte er sich ab, schlug sich vor die verfinsterte Stirn, und stürzte zu ihren Füssen: Weib! Weib! wenn es wahr ist, dass dein Elend mich einst verdammen müsste, so erwarte mit Zuversicht, dass ich dich beglücke – Sie zwang sich zu einer Fassung, die sie behielt, bis sie seine angebetete Gestalt aus den Augen verlor. Dass er bald wiederkehren oder ihr zur rechten Zeit seinen Aufentalt melden würde, war alles was sie von ihm erfuhr; durch die Liebe zur Sklavin von L***'s Willen gemacht, hörte sie mit einem stillen Seufzer, dass er aus Ursachen, die mit seiner ihr nie von ihm offenbarten politischen Lage zusammenhiengen, ihr nur selten schreiben würde, und tröstete sich mit seiner dringenden Bitte, ihm alles was in ihrem Herzen vorginge zu melden. Die ärzte gaben übrigens ihrem Vater keine hoffnung, dass er den nächsten Frühling überleben könnte, und ohne dass sie sich es selbst deutlich erklärte, sah sie in diesem Zeitpunkt der Auflösung ihres Schiksals entgegen. Aber mit jeder Stunde, die nach L***'s Abreise verfloss, erlosch allmählich der Zauber, der ein trügerisches Licht auf ihren dunkeln Pfad geworfen hatte. Wie Rezia nach des Einsiedlers Tod ihr Paradies in eine Wüste umgewandelt fand, weil die schaffende Kraft der natur mit seinem lezten Hauch entflohen war, so war jeder Gegenstand, der sonst der guten Sara Trost und Freude darbot, in eine Quelle von Schmerz und Kummer umgeschaffen. Gegen ihres Vaters langsame Leiden hatte sie keine Aufheiterung mehr in L***'s freundlichem Beifall für ihre Pflege; jeder seiner erstorbnen Blike, die sich oft fragend auf ihr blasses verweintes Gesicht hefteten, flösste ihr Entsezen ein, und die ganze natur um sie her, in das unfreundliche Gewand des Winters gehüllt, dünkte ihr der verwüstete Schauplaz ihrer entflohenen Freuden. So von den Folgen ihrer Irrtümer getroffen, ohne dass ihre reine Unschuld sie als Strafe ansehen konnte, gewöhnte sich diese unerfahrne glühende Seele bald, sie als Märtirertum der Liebe hinzunehmen, und glaubend und lächelnd im Schmerz zu dem Preis ihrer Leiden aufzubliken. Freuden der Gegenwart konnte sie nicht mehr träumen, aber bei jeder neuen Wunde ihres Herzens erhöhte ihre Fantasie den Lohn ihres Duldens.
Ein Brief von Teodor, der um diese Zeit anlangte, befestigte L***'s Allmacht über seine