Hingeben sich an ihn zu lehnen im Begrif stand, so oft er mit Wort und blick die Geliebte ansprach, schallten Seldorfs Worte in ihr armes Herz, und schrekten Trost und Zärtlichkeit zurück. Der Ausdruk von Fehlschlagung oder Unruhe in L***'s redendem Gesicht überwältigte wohl jene Phantome, und ihre Zärtlichkeit ward durch wehmütige Reue erhöht, bis eine neue Frage, eine neue Anregung die traurigen Bilder wieder hervorrief. Manche Zusammenkunft verstrich in dieser gefährlichen Stimmung, wo Furchtsamkeit, und Schmerz den Geliebten zu stören, Neugierde, Unruhe, und endlich Eifersucht in der Seele des Mannes die Harmonie des Gefühls in Ungleichheit wandelt, und die leidenschaft bis zur verderblichsten Spannung reizt. Diesen Zeitpunkt in Sara's schicksal mag jedes Weib, welche diese Blätter liest, mit der Kenntniss, die sie von ihrem eignen Herzen und ihrem Geschlechte hat, ergänzen; die Erzählung muss hier mangelhaft bleiben. – – Weib oder Mädchen, die du deine Würde anders als im Zulächeln der bunten Menge erkennen lerntest, fühle die bittre Angst der reinen schuldlosen Sara, als sie in einem augenblick ungerechten Vorwurfs und Zornes in L***'s arme gesunken war, und der Unsinnige – das kostbarste Pfand ihrer Reue raubte! Nein, ihr guter Engel weinte nicht in dieser unglücksschwangern Stunde, er weinte nicht – aber er blikte ernst und wehmütig auf den schweren Pfad, den nun seine Schwesterseele zu dem Ziel der Verschönerung zu wandeln hatte. Auch Sara weinte nicht, wie L*** zu ihren Füssen lag, wollusttrunken ihre Knie umfasste, und er rief: du bist mein, du bist mein! – Sie weinte nicht, aber erschüttert von dem Taumel der eben verflossenen Stunde, die zwischen der Vergangenheit und allen Bildern der Zukunft eine ewige Scheidewand niedersenkte, mit dem blick des Schrekens, als wollte sie in mitternächtlicher Dunkelheit eine Erscheinung festalten, taub gegen seine freudejauchzende stimme, fühllos gegen die feurigen Küsse, mit denen er ihre hände bedekte, riss sie sich von dem Rasen auf, ging langsam und staunend unter dem abgefallnen Laube der hohen Ulme umher, die sie verhüllt und verraten hatte, und blieb endlich vor L*** stehen, der auf den Boden hingelehnt ihr mit lächelndem Siegerblik zusah. Ist es möglich? rief die Unglückliche mit hohler stimme und fest verschlungnen Armen – Ist es möglich? wiederholte sie, und verhüllte ihr Gesicht, indem sie von neuem auf und niederging. L*** erhaschte einen Zipfel ihrer Kleidung, den er lebhaft küsste, eh ihr rascher Schritt sie dahin riss. Sie ging, und kehrte zurück, faltete die hände, kniete einen augenblick, stand auf, und trat noch einmal zu L***, der bei dem anblick ihrer zunehmenden Heftigkeit ihr entgegengegangen war. Sie legte ihre kalte zitternde Hand auf seine Schulter, und sagte mit dem Ton der kältesten Verzweiflung: wusstest du, was du übernahmst, wie du der Gotteit die Zügel meines Schiksals entrissest? Weisst du, dass jede Folge dieser Stunde auf deiner Seele lastet? – Sara! rief er sanft und drückte ihre Hand an seine Lippen – Sara, mein süsses Weib, rief er und drückte sie fest an mein Herz; was du sagst ist wahr, und erfüllt mich mit einer Freude, die unaussprechlich ist – Bei dem Worte Weib war die arme zusammengefahren: Nein, nicht Weib! Nie, nie! – Er sah sie forschend und streng an: Warum nicht mein Weib? Frage die natur um uns her, die Zeugin unsrer Seligkeit war, frage dein Gewissen und die Rechte der Menschheit, ob du nicht mein Weib bist? – Die wilde Verzweiflung, welche jedes andre Gefühl in ihrem Herzen erstikt hatte, konnte diesen Waffen nicht widerstehen; ihr Haupt sank auf L***'s Schulter, und unter den stillen Tränen, die sie weinte, kehrte die Wärme des Lebens wieder in ihre erstarrten hände, in ihr erblasstes Gesicht zurück. In Sara's Lage, deren völlige Hülflosigkeit sie entweder vernichten oder zum Kinderglauben zurückführen musste, konnte diese Spannung nicht dauern; L*** kannte das Herz, das sich ihm so unbedingt ergeben hatte, zu gut, um nicht zu wissen, wohin er ihren dumpfen Schmerz zu leiten hatte. Eine Viertelstunde reichte nun hin, um ihn hinter Seldorfs geheimnis, und seinen Schwur, der Veranlassung zu Sara's Schwäche und ewig verschlossner Rükkehr, kommen zu lassen. Er schwazte mit der süssesten Beredsamkeit ihre Zweifel und Sorgen hinweg. Bald als Gatte mit sanften Befehlen, bald bittend und eindringend wie ein weiserer Freund, bald dankend und eine Zukunft voll Glück in rosenfarbner Ferne hinmahlend, wie ein siegender Liebhaber: so führte er das schöne reine Herz durch jedes Gefühl weiblicher Zärtlichkeit zu einer Stimmung ruhiger Ergebung, die bald in lächelnden Frieden überging. Das Geschehene war unwiderruflich, die Zukunft bis zu Seldorfs Tod unabänderlich; aber ihr Fall hatte ihr weder Tugend noch Selbstachtung gekostet, er hatte sie unauflöslich mit L*** verbunden, und schien ihn unaussprechlich beglückt zu haben. Durch Unerfahrenheit und Unschuld in Irrtum gewiegt, und von L*** sorgsam darin erhalten, begann nun eine Existenz für dieses liebende geschöpf, die sich mit jedem Tag mehr von der gewöhnlichen Würklichkeit entfernte. geheimnis und Betrug mussten sie von jetzt an umgeben, aber rein und unerniedrigt wie sie war, mischte dieser bittre Druk in ihre sonst heitre Stimmung eine Art von Wehmut, die jeder ihrer Handlungen den Ausdruk der innigsten Zärtlichkeit gab. Der Gedanke, dass ihr diese Last erst mit ihres Vaters Tod genommen werden könnte, machte ihr sein übriges Leben