des Eigennuzzes und der treulosen Selbstsucht? Im lezten Jahre des krieges zerschmetterte ihm eine Kugel die rechte Schulter, lange verzweifelte man an seinem Leben, und unter den unsäglichen Schmerzen seiner Krankheit musste er über sich selbst lächeln, wenn in den Händen des Wundarztes ihn der Gedanke stärkte, für die Sache der Freiheit zum Krüppel zu werden, er, der als Söldling eines Königs in einer fremden Sache sein Blut vergoss!
Seldorf war nun zu ferneren Kriegsdiensten unfähig, und eilte nach Frankreich zurück, versöhnter mit dem schicksal der Menschen, denn er hatte in jenem land den Keim ihrer Veredlung und ihres Glücks gesehen, und alle Freuden des Gatten und Vaters in seiner Heimat erwartend. Wie viel glücklicher wäre der arme gewesen, wenn die Kugel, die seine Schulter zerschmetterte, sein gutes Herz mit allen seinen Hoffnungen und Aussichten getroffen hätte! Er kam zurück, und Zerrüttung seines häuslichen Friedens und Schande war der Lohn seines Vertrauens und seiner Wunden. Seine Gattin machte ihn zum drittenmale zum Vater, und brach in schuldvolle Tränen aus, als er das Kind mit bitterm Zähneknirschen aus den Händen der Wehmutter empfieng. Nach kurzer Zeit trennte sie der Tod, und in dem finstern, tränenlosen blick, den er ihrem Sarg nachschikte, las man die ewige Scheidung zwischen ihm und den Freuden des Lebens. Sogleich nach diesem Vorfall schafte er alle seine Bedienten ab, brach mit seinen wenigen Bekannten und verliess die Hauptstadt, welche der Schauplaz dieser begebenheiten gewesen war. Seldorf erschien seinen neuen Nachbarn und seinen Untertanen bald als ein Wesen ganz andrer Art, wie die leztverstorbene Gutsbesizzerin. Jede seiner Einrichtungen, jedes Tagewerk bewies, dass er um so eifriger darauf bedacht war, alles um sich her zu beglücken, je ferner jedes frohe Gefühl von seinem eignen Herzen war. Keiner, der ihm nahte, konnte seinen Willen verkennen, aber aller Dank, der ihm wurde, konnte ihm nicht den schönsten Lohn seiner Tugend geben; er konnte Wohltaten austeilen, aber Freude geben konnte der freudenlose Mann nie. Mit treuer Sorgsamkeit wachte er für seine Kinder, und pflanzte den reinsten Entusiasmus für alles Edle und Gute in ihren Herzen, innig verehrten sie in ihm das Vorbild seiner Lehren; aber das teilnehmende Lächeln seines gramvollen Gesichts verscheuchte ihre jugendliche Fröhlichkeit. Mit weiser Menschlichkeit zog er seine Untertanen aus Armut und Elend, lehrte sie zuerst nach den Annehmlichkeiten des Lebens trachten, indem er es ihnen möglich machte, sie zu erlangen. Wenn aber ein schöner Sommerabend das Landvolk zu lustigen Spielen versammelt hatte, und er unerwartet erschien, verstummte die Freude vor dem trüben blick ihres Schöpfers.
Sara und Teodor lebten von dem ersten augenblick ihres ländlichen Aufentalts ein neues Leben. Die ersten ohne deutliches Bewusstsein verflossenen Jahre ihrer Kindheit hatten eben keinen Eindruk weiter in ihrem Gedächtniss zurückgelassen, als dass sie die lange Abwesenheit ihres Vaters mit einem dunkeln Gefühl von ehemaligem Glück verglichen. Teodor, vier Jahre älter wie seine Schwester, hatte sich glühende Bilder von den Gefahren und Taten des geliebten Vaters gemahlt, und von dem Entzüken des Wiedersehens. Unablässig hatte er in seine Mutter gedrungen, dass sie ihm von Amerika erzählte, und das Wort Freistaat durchdrang ihn mit Ehrfurcht, seitdem er wusste, dass dafür seines Vaters Blut geflossen war. Nach des Vaters lang ersehnter Rükkehr lag ein schweres schicksal auf der ganzen Familie, der Kinder unschuldiger Sinn entzifferte es nicht, aber jungen Vögeln gleich, die unter einer finstern drükenden Gewitterwolke leise mit gebükten Köpfchen an der Erde wegfliegen, war, ihnen selbst unbewusst, alle Freude gelähmt, und ihr heiterstes Geschwäz lispelte kaum hörbar dahin wie Gespenstermährchen. In Teodors lebhaftem Geist schienen manchmal wohl befremdliche Gedanken zu dämmern, aber kindlich begnügte er sich, seines Vaters Gram zu teilen, ohne tiefer in dessen Ursachen einzudringen. Seit sie indessen das Land bewohnten, war dieser Zauber gehoben; des Vaters Gesicht blieb zwar von Kummer umwölkt, aber die neue Lebensweise, Seldorfs unablässiges Bemühen, ihnen jeden Genuss zu verschaffen, alles gab ihnen das Glück der Jugend zurück. Sein liebstes Geschäft war, die Kinder eines durch das andre zu bilden; Lage und charakter hatten sie einander so genähert, dass der Unterschied ihrer Jahre verschwunden war. Teodor gewöhnte sich, Sara gleichsam als die Stellvertreterin ihres ganzen Geschlechts anzusehen, und achtungswürdiger konnte es ihm nie erscheinen als in ihr. Sara glaubte in ihrem Bruder das Urbild alles Schönen, das der teure Vater als Ziel der Vervollkommnung schilderte, zu erkennen. Bei so empfänglichen Herzen, und der Abgeschiedenheit, worinn sie lebten, musste sich bald Entusiasmus in diese Gefühle mischen. Oft sagte Seldorf zu seinem Sohn: Willst du ein Mann werden, so lerne die Weiber ehren. Nur wenn sie uns beglücken, sind sie liebenswürdig; nur wenn wir sie ehren, können sie uns beglücken. Die natur sezte die Vollkommenheit beider Geschlechter in der grössten gegenseitigen Abhängigkeit, indem sie ihr die grösste Verschiedenheit gab. Der feste, treue, eiserne Mann kann nur der sanftesten Weiblichkeit huldigen; Schwächlinge lieben Amazonen. Damit aber das Weib diesen Zauber ihres Geschlechtes besize, muss ihr Herz kindlich bleiben, wie gebildet auch ihr Verstand sei; und unsre achtung allein kann das Zutrauen hervorbringen, welches diese Kindlichkeit erhält. Fühlt das Weib nicht diesen Lohn seiner Liebenswürdigkeit, so sucht es sich von uns unabhängig zu machen, und dann wird es verächtlich. Die natur, die uns stärker machte als sie, verträgt diese Unabhängigkeit nicht; alsdann erniedrigen wir sie dafür, gewaltsam oder listig, zu unsern Sklavinnen