Gewissen zu machen Die Weichheit, welche diese Klagen verrät, ist nicht in meinen Handlungen; ich gehe mutig auf meiner Bahn fort. – Stürzen wir die Rotte von Elenden und Schwärmern, die sich zwischen das betrogne Volk und dessen gütigen Vater gelagert hat, so ist mein los das schönste, höchste! Und sinke ich früher an den Stufen des erschütterten Trons, so entschädigt mich ein blick des vortreflichsten Königs, den er meiner Treue nicht versagen wird.
Ihr Wechsler wird Ihnen berichten, dass er das Kapital, welches er von Ihnen in Händen hatte, auf meine Veranstaltung als Darlehn ausgeliefert hat, wo es für das Herz eines treuen Bürgers die reichsten Zinsen trägt. Ich weiss, dass mein Vater diesen Lohn seiner geleisteten Dienste willig dem Wohl des Vaterlandes aufopfern wird. Durch eine glückliche Wendung der Dinge werden Sie mehr wie entschädigt, und meine edle Schwester beklagt es sicher nicht, dass sie ihrem Bruder dazu verhalf seinem Herrn zu dienen. Ihr Wechsler, welcher der guten Sache ganz ergeben ist, hat keine Schwierigkeit gemacht, meine Ordre als gültig anzuerkennen. Die Sicherheiten für die Wiedererstattung sind zu heilig, um mich länger darüber auszubreiten." – – – Wie dunkel, unverständlich und schmerzlich der Inhalt dieses Briefes für Sara sein musste, wird man leicht begreifen, wenn man die reine Einfalt ihres Herzens, die grosmütige, sich selbst immer vergessende Schwärmerei ihres Geistes, und jenes noch nie erschütterte Vertrauen auf die Gegenstände ihrer Liebe in Erwägung zieht. Das Raisonnement ihres Bruders schien ihr matt und schief, seine Handlungsweise falsch und knechtisch, und doch traf sie allentalben Spuren seines Herzens; sie sann lange nach, und je mehr sie sann, desto mehr verwirrten sich ihre Gedanken, bis sie sich endlich in dem ängstigenden Bilde verloren, als sähe sie ihren Bruder von fremden, widrigen Gestalten fortgezogen, neben einem grausenvollen Abgrund hinstürmen. Vater, er hätte nie aus unsern Armen gesollt, rief sie endlich mit hochatmender Brust, und einer Bangigkeit als sähe sie ihn stürzen; Roger sagte es wohl, und ich weinte umsonst! O Teodor, wenn ich dein Unglück doch wenigstens verstünde, wenn ich nicht scheu davor erschräke wie vor einer bösen Tat! Sage mir, Vater, tut er recht? Kann er sich ein neues Gewissen haben machen müssen? Ein neues Herz, Teodor, kannst du dir nicht machen; und dein neues Gewissen wird dein treues schönes Herz zermalmen. – So weinte und klagte sie neben ihrem Vater, der mit festem gesammeltem Ernst ihren weiblichen, jugendlichen Schmerz austoben liess. Wie sie stiller ihr Haupt auf seinen Schoos lehnte, redete er sie mit einer stimme an, die seine gewaltsame Bemühung, ohne leidenschaft, ja wenn er es vermöchte, ohne Empfindung zu sprechen, ausdrükte; es war der entkräftete Nachhall des Schmerzens in der Ruhe dieser stimme, und wo sein Gefühl ihn zu überwältigen drohte, ein allmähliges Verstummen, worauf sein Ton kalt und hohl, wie die eherne stimme des Todes wieder anhob.
Er erzählte ihr seine Jugendgeschichte, bis zu dem erst spät bei ihm entstandenen Wunsch, in die Verhältnisse des ehelichen Lebens zu treten. Um aus Liebe zu wählen, war seine Vernunft zu lange an die Oberherrschaft gewöhnt; um ohne alle leidenschaft, bloss aus kalter achtung sich zu entschliessen, war sein Herz zu gefühlvoll. Die Ungewissheit, welche die Folge einer solchen Stimmung war, dauerte eine Weile fort; denn die meisten Mädchen, unter denen er sich umsah, fand er ohne allen charakter, so lange keine leidenschaft sie anregte, und selbstsüchtig, falsch gegen sich selbst, sobald ein unmittelbares Interesse auf dem Spiel war. Der Gegenstand seiner zärtlichsten Freundschaft war unterdessen ein junger armer Edelmann aus der Provinz, der mit Mut, Einsicht und Menschlichkeit unter ihm gedient, und zu dessen Bildung er jede gelegenheit benuzt hatte. Einst kam Seldorf nach einer ziemlich langen Abwesenheit nach Brest zurück, wo sich sein junger Freund unterdessen aufgehalten hatte, und er bemerkte bald eine Veränderung in seinem Betragen, die ihn anfangs für seine Sitten, bald aber für seinen inneren Frieden besorgt machten. Zutraulich und Zutrauen erwartend sprach er ihm zu, und bat ihn um die Entdekung der Ursache seiner ungewöhnlichen Stimmung. Der junge Mann schien heftig gerührt, blieb lange unentschlossen, und sagte ihm endlich, dass sein geheimnis nicht sein ausschliessliches Eigentum wäre, und dass es jetzt sein schwerster Kummer sei, sich ihm nicht offenbaren zu dürfen. Seldorf kannte seinen offenen und einfachen charakter, er drang also nicht weiter in ihn, sondern beschwor ihn bloss, sich die Gewalt über sein geheimnis zu verschaffen. Die zwei folgenden Tage besuchte er einige Bekannte auf dem Land; am dritten erfuhr er auf dem Heimweg dass ihn sein Freund an mehreren Orten, wo er ihn vermutet, ängstlich gesucht hätte; und wie er des Abends in sein Haus trat, fand er die officielle Meldung, dass der Lieutenant ** sich heute geschlagen hätte, und im Zweikampf tödtlich verwundet worden wäre. Seldorf forschte nach seinem Aufentalt, man hatte ihn in ein abgelegnes Haus geschaft; es war schon Nacht da Seldorf in sein Zimmer trat, der Verwundete lag in tödtlicher Mattigkeit auf einem Bett; seine Rettung war unmöglich, und bei der ersten Wallung musste sein Leben entfliehen. Ein Schimmer von Freude glänzte auf dem Gesicht des Sterbenden, er winkte den Anwesenden, um mit Seldorf allein zu sein, und sagte eilig, als wollte er dem Tod zuvorkommen: Mein Vertrauter können Sie nicht mehr sein