1795_Huber_041_37.txt

Sie hatten mir den Gehorsam zu wert gemacht, als dass ich mich einer herrschaft, deren Weisheit ich anerkannte, hätte entziehen liebe für Freiheit und Gleichheit verlezte zu oft mein verfeinertes Gefühl für das Schöne und Erhabne, als dass nicht immer gewisse Ahnungen in mir gelegen hätten, die nur einer glücklichen Entwikelung durch den Zufall bedurften, um mich meinen ganzen Beruf als Verteidiger eines beleidigten, edlen Königs fühlen zu lassen.

Von diesem unerwarteten Zufall, der mir eine würdige Laufbahn öfnete, bin ich Ihnen, mein teuerster Vater, Rechenschaft schuldig. Ich langte in Paris an, ohne alle Bekanntschaft, ohne alle Lokalkenntniss; ich folgte dem Strom des grossen Haufens, der bald hier bald dort hintrieb, besuchte öffentliche Oerter, beobachtete die Vorübergehenden, und fing schon an, mich in diesem Gewühl einsamer als in einer Wüste zu fühlen. Die verschiednen Meinungen, die ich um mich her äussern hörte, waren wie Irrlichter, welche den Wandrer verwirren, indem sie ihm mehrere Ziele auf einmal zeigen. Eines Abends stiess ich in den Elisäischen Feldern auf eine Gruppe von Leuten, die, um einen Mann versammelt, heftig gegen ihn stritten, und ihn mit den leidenschaftlichen Ausdrüken belegte, welche die getreuen Anhänger unsers guten Königs seit einiger Zeit von der Wut des Pöbels leiden müssen. Er ward beschuldigt, Botschafter der Emigrirten zu sein, verfängliche Briefe zu bestellen, und dergleichen mehr; im Vorbeigehen sah ich ihn seine Roktaschen umkehren, wahrscheinlich zum Beweis dass er keine Papiere bei sich trüge; der Mann ward alsdann von dem Haufen fortgeführt, und ich verfolgte meinen Weg. Kurz darauf da ich fünfzehn bis zwanzig Schritte weiter durch das Gras gegangen war, sah ich etwas farbiges zu meinen Füssen liegen: es war ein kleines buntes Säkchen, worinn ich etwas rundes, wie eine Geldmünze, fühlte. Neben mir war eine Allee von hohen Bäumen, in welcher nur wenige Fusgänger wandelten; ich sezte mich hier auf eine Bank, um die verschlungene Schnur des Säkchens aufzulösen, weil ich es für erlaubt hielt, den Sparpfenning eines Schulknaben, wofür ich es hielt, in näheren Augenschein zu nehmen. Ich zog eine Münze von der Grösse eines drei Livresstüks, mit dem Bildniss der heiligen Jungfrau heraus, und ein kleines Blatt Pergament, worauf ein mit einem Pfeil durchbohrtes Herz gemahlt war. Der abenteuerliche Fund beschäftigte mich noch, als ein Mann, den ich schon ein Paarmal hatte vorbeigehen sehen, sich neben mich sezte; ich schob meinen Hut auf die Seite, um ihm Plaz zu machen; indem er aber bloss seine Knieschleife band, sagte er mir in's Ohr: "um Gottes willen, es geht auf Leben und Tod!" stand auf, und ging mit einer leichten Verbeugung hinweg. Anfangs ergrif mich der leise Zuruf; als ich aber den Mann so sorglos seinen gang fortsezen sah, hielt ich ihn für verwirrt, und suchte mein Beutelchen, um den symbolischen Schaz, aus welchem ich nicht klug werden konnte, wieder hineinzusteken. Da ich es nicht gleich wieder fand, grif ich mit der Hand zwischen der Bank und dem daranstossenden Baumstamm, weil ich es mit meinem Hut heruntergefallen glaubte; ich zog es wirklich da hervor, und fand zugleich einen Brief, der, obschon zugesiegelt, ohne Adresse war. jetzt klopfte mein Herz, denn ich konnte mich nicht entalten, den Inhalt des Beutels, den Ausruf des Unbekannten, und diesen Brief in Verbindung zu bringen. Ich stekte meinen doppelten Fund schnell ein, und eilte nach Haus, um mit mir selbst zu beratschlagen, was Klugheit und Ehre mir unter diesen Umständen gebieten möchten. Bald ward es mir klar, dass ich den Brief öfnen dürfte und müsste. Ich tat es, und fand ein Blatt, das wie der Inhalt zeigte an denjenigen gerichtet war, welcher die Münze und die kleine Miniatur besässe; und aus einigen Umständen musste ich vermuten, dass der Mann, den ich einige Minuten vorher vom Volk hatte mishandeln sehen, der Besizer dieser Erkennungszeichen war, und vermutlich Geschiklichkeit genug gehabt hatte, sie beizeiten von sich in das hohe Gras zu werfen; der Unbekannte aber mochte mich, weil der Zufall sie mir in die hände gespielt hatte, und er bei jenem Auftritt nicht gegenwärtig gewesen war, für den nämlichen gehalten haben, dem er den Auftrag hatte, den Brief zuzusteken, und der besser darauf vorbereitet sein musste, als er mich, nach meiner unvorsichtigen Art mit dem gefährlichen geheimnis umzugehen, wirklich fand. Den übrigen Inhalt des Blattes muss ich verschweigen; durch den Zufall, der dasselbe und ein Paar andre dabei gelegne Schriften in meine Gewalt brachte, fand ich mich so glücklich, Personen zu retten, denen ich meine jezige Würksamkeit zu verdanken habe." – – –

Hier folgte eine weitläuftige Zergliederung des royalistischen Systems, dem Teodor mit der treuen Ergebung eines Sülly, und der Blindheit eines jungen Ehrgeizigen anhieng. Seine ganze Erzählung, sein ganzes Raisonnement bewies deutlich dass bei manchen von den wichtigsten Anhängern dieser Partei selbst eben so viel Schwärmerei als Ehrgeiz im Spiele war; sonst hätten sie nicht so ungeprüft den Talenten eines Jünglings vertraut, der ohne Erfahrung und Menschenkenntniss leicht jedem geschikteren Menschenangler in die hände fallen konnte. Mit Teodor gelang es ihnen indessen völlig, er ergab sich ihnen mit Ehre und Gewissen; und die heilige Genovefa glaubte kein gottgefälligeres Werk zu tun, indem sie ihre Schiffer so teuer bezahlte, als der verblendete Jüngling, indem er, bald Spion bald Verräter über die