entalten, es kann mich stören, und ich habe Lust heiter zu sein. Komm, seze dich zu mir; wir wollen nach dem Abendessen die Briefe ansehen. – Sara wusste nicht, ob sie sich über diese Fassung freuen, oder darum noch banger sein sollte; sie fasste aber mit herzlicher Teilnahme seine Absicht auf, und suchte ihm den Abend durch ihre Heiterkeit angenehm zu machen, so deutlich sie auch wahrnahm, dass er, so oft sein Auge auf die Briefe fiel, gegen eine unwillkührliche Furcht arbeitete.
Er betrog sich selbst durch eine lange und mühsam fortgesezte Unterredung, und erbrach endlich mit einer geflissentlichen Zerstreuung die Briefe, die er im Gespräch mit den Augen durchzulaufen anfieng. Sara's Herz klopfte, da sie seine stimme immer ungleicher, seine Reden immer unzusammenhängender werden hörte; endlich dekte Todtenblässe sein Gesicht, er las schweigend fort, atmete tief, schlug sich mit dem zusammengelegten Papier vor die Stirn, und stiess einige unverständliche, abgebrochne Reden aus, worunter Sara nur die Worte unterschied: Weib, Weib! Geht die Rache aus deinem Grab hervor? – Sara bat umsonst, bedekte umsonst seine hände mit ihren Küssen, suchte umsonst die unseligen Papiere vor ihm zu verbergen; er stiess sie matt zurück, und rief endlich mit erzwungner Festigkeit: ich will lesen! – Er las, dachte nach, rief: Nie! nie! .... dieses verhasste Geschlecht! – Das Blatt fiel ihm aus den Händen: Unglücklicher! .... Sara du bist eine Bettlerin. Dein Bruder hat dir dein Eigentum gestohlen – Ich verzeihe ihm, mein Vater! Ich will arbeiten; es soll mir nie fehlen, es soll dich nie schmerzen, und ihn nicht reuen. Höre nur dein Kind, und verschliesse mir dein Herz nicht – Es war unmöglich, dem dringenden sanften Flehen zu widerstehen; es war dem gebrochnen Herzen des armen Seldorf unmöglich, den Trost ganz von sich zu stossen, den ihm sein weinendes Kind in der Fülle ihrer Liebe bot. – Sara, sagte er nach langem Kampfe mit sich selbst, dein Bruder zwingt mich, den Schleier zu zerreissen, mit dem ich von jeher meine Vergangenheit umhüllte, und sie nach meinem Tod auf ewig zu vertilgen hofte. Nicht meine Schande habe ich vor euch geheim gehalten, sonst hätte jedes Zeichen eurer kindlichen Ehrfurcht mein Gewissen empört; aber mein Unglück sollte euch unbekannt bleiben, die Welt sollte euern jungen Herzen nicht als das Grab meiner Seligkeit, die Menschen nicht als die Mörder meiner Ruhe erscheinen. Von Täuschung zu Täuschung verführt, fühle ich schon lange dass die letzte nur im grab verschwinden wird. Mag es dann aber noch einmal Täuschung sein! Mit Schande sollst du mein Elend nicht krönen, töriger Bube! Du sollst deinem Vater, du sollst der natur, oder deinen unsinnigen Entwürfen entsagen – Seine trüben Augen glühten, indem er dies sprach, und er hob drohend seinen zitternden Arm auf, als stünde Teodor vor ihm. Er reichte nun seiner Tochter einen langen Brief ihres Bruders hin, und befahl ihr, ohne eine einzige Frage an ihn zu tun, denselben zu lesen; er würde ihr nachher durch die Erzählung seiner früheren geschichte die Ursache seiner Bewegung erklären. – Opfre mir diese Nacht deinen Schlaf, sagte er, und zeigte auf seine Uhr, nach welcher es fast Mitternacht war; ich muss eilen ihn zu retten, wenn er noch zu retten ist; ich muss eilen, eh diese letzte gespannte Kraft niedersinkt – Er drückte Sara's Hand an seine brennende Stirn; sie las.
Dieser Brief, der im Original, ausser einer Menge überflüssiger Details, viel politisches Raisonnement, und dunkle Hindeutungen auf die verworrnen Plane entielt, zu denen Teodors fantastische Grundsäze und hochfliegende Erwartungen sich so leicht misbrauchen liessen, kann hier nur teilweise geliefert werden. Die hauptsächlichen Plane aller Parteien in der grosen, noch unentschiednen Sache des Menschengeschlechts sind bekannt genug; und um die Verirrungen und das Elend einiger unbekannten Unglücklichen aus der zahllosen Menge derer, die in den lezten fünf Jahren litten, zu bemitleiden, braucht man die verworrnen Fäden der Ehrsucht und der Falschheit nicht zu verfolgen. Teodors Unglück und Fehltritte entstanden nicht aus seiner Lage in der Hauptstadt, er brachte den Keim dazu in seinem Herzen mit; und er hätte des Grafen von Vieilleroche Schwiegersohn oder Chabots Schwager sein mögen, er wäre doch nie in der Einfalt des Geistes gewandelt.
Teodor an seinen Vater.
"Ihr lezter Brief, mein geliebter Vater, und noch mehr die Erkundigung, die Sie durch Herrn von Montgrand meinetwegen haben einziehen lassen, überzeugen mich von meiner Pflicht, Ihnen so weit es heiligere Pflichten zulassen, das geheimnis meiner Lage zu entdeken. Da Sie mich zur Wahrheit und Offenheit aufzogen, so müssen Sie fühlen wie schwer die notwendigkeit, bis jetzt zu schweigen, mich drückte, und wie wichtig meine Gründe dazu sein mussten. Sollte ich mich Ihnen nicht ganz verständlich machen, sollte mir Ihr Beifall fehlen, so beschwöre ich Sie, teilen Sie wenigstens die hohe Ruhe meines Bewusstseins, meiner überzeugung und meinem König mein Leben geweiht, und vielleicht sogar meine Pflichten zum Opfer gebracht zu haben. Lesen Sie die folgenden Blätter, und urteilen Sie selbst.
Ich verliess meine Heimat mit dem unbestimmten Verlangen, eine Richtschnur meiner Handlungen, einen festen Punkt für meine Grundsäze, einen Würkungskreis für meine Kräfte zu finden. Ihr ewig verehrter Wille war es nicht, mir durch Ihre Erfahrungen fortzuhelfen; aber