's Auge, und sprach: Alter Mann, geh neben mir, der Brandstätten werden weniger sein – Bertier nahm seine Müze ab, und legte seine Hand auf sein schneeweisses Haupt: Junger Mann, dieser Kopf wusste fast neunzig Jahre allein frei zu sein. Geh deinen Weg; wir kennen uns nun. – Nach einer tiefen Stille von einigen Sekunden nahmen beide das Gespräch über Seldorfs Angelegenheiten wieder auf, und Bertier erbot sich unter einem angenommenen Namen Seldorfs Güter zu verwalten. Die Sache wurde bei der Commune abgetan, deren Mitglieder allen Verdacht auf ihren unglücklichen Mitbürger von sich ablehnten; und L*** hatte die Freude seiner Sara – denn dass sie sein Eigentum war und sein musste, das sagte ihm jeder augenblick, den er mit ihr gelebt hatte – seiner Sara Zukunft vor Mangel zu schüzen. Er kam auch wegen eines Aufentalts überein, den man Seldorf in demselben Distrikt, wo er immer gelebt hatte, verschaffen sollte, und aus welchem er, sobald es seine Gesundheit erlaubte, sein Gut wieder besorgen, und dem Aufbau eines neuen Wohnhauses vorstehen könnte.
Den armen wiedergefundenen Hund gab L*** seiner Pflegerin zurück, er war ein Geschenk von Roger, er entkam aus der Verwüstung ihres Hauses, er war von der geliebtesten Hand gerettet worden – welche Ansprüche an ihr fantastisches Gefühl! Die kleine Familie wurde nach wenigen Tagen bei Varnier, dem ehemaligen Pachter eines adlichen Hauses, welcher durch den Lauf der Revolution und durch ansehnliche Schuldforderungen an seine herrschaft ein unabhängiger Eigentümer geworden war, auf eine bequeme Weise untergebracht. Seldorf bestand auf eine strenge Einschränkung, ohne welche er sich bei seiner mistrauischen, einsamen Laune nie ohne Zwang und Verbindlichkeiten gefühlt hätte. Sara sah sich in ein kleines Häuschen verbannt; aber sie ersezte ihrem Vater alles, was ihm an Bequemlichkeit abging, und ihr – ersezte die Liebe alle Freuden der Vergangenheit, wie sie das Andenken aller Schreken derselben versüsste. Seldorfs Gesundheit war so zerrüttet, dass sich kurz nach seinem Einzug in die neue wohnung ein zehrendes Fieber bei ihm einstellte, welches seine Leidenschaften, aber freilich auch alle Kraft seiner Seele ausser Tätigkeit sezte. Jede äussere Berührung war ihm schmerzhaft, und die abgestorbne Mattigkeit seiner Tage wechselte nur mit der kranken Lebhaftigkeit einiger Abendstunden ab, wo die Fieberhize alle Bilder seines Gehirns aufregte, ohne dass sie bei seinem erschöpften Körper zu etwas mehrerem als Fantasien wurden. Sara pflegte ihn bei seiner Schwäche, und in den Zwischenräumen ihrer Tätigkeit suchte sie seine Einbildungskraft auf beruhigende Gegenstände zu lenken. Wie ein guter Engel wachte sie an seinem Lager über seine Träume; L***'s Beifall und seine kurzen Besuche waren ihr Lohn, ihre Erholung. Ihr verhältnis, der Zwang, den ihr ihres Vaters Krankheit auflegte, selbst der Reiz des Geheimnisses, wozu sie aus Schonung bei vielen ihrer Handlungen genötigt war, stifteten den innigsten Bund zwischen dem Geliebten und ihr. Es war nie ein geständnis vorgefallen, man hatte sich nie erklärt, man hatte sich nie etwas versprochen; aber im reinsten Einverständniss, das Geist und Herz zwischen einem Weib und Mann hervorbringen können, nannte sie ihn Freund, und verbarg sich nicht aus falscher Scham, dass er mehr wie das, dass er Herr ihrer Liebe und ihrer Sinne war. Ihr reines Herz erschrak nicht davor, sich nach dem Mann zu sehnen, den sie zuerst, einzig, und auf ewig liebte. Dass er sie zu seinem Weib machen wollte, hatte er ihr nie gesagt; dass er sie aber wie seine Gattin ehrte, nahm ihr Verstand wahr, und dass sie nur die Seine und nie eines Andern sein konnte, wusste ihr Gewissen. Von aller Gemeinschaft mit dem Wohnplaz ihrer Jugendjahre getrennt, eingeschränkt und einsam, duldete sie in stillem sanftem Frieden manches Leiden, und vergass die finstre Zukunft über dem Trost, den die Gegenwart ihr darbot.
Seit der unglücklichen Begebenheit, welche Seldorf aus seiner Heimat vertrieben hatte, waren mehrere Wochen verflossen, und er hatte immer vergeblich auf Antwort von seinem Wechsler in Paris, bei welchem die für Sara's Erbteil bestimmte Summe niedergelegt war, gewartet. Etwas Papiergeld, das er auf L***'s Erinnerung bei seiner Flucht gerettet, und einige Juwelen hatten ihm bis jetzt die Mittel zu seiner Einrichtung und seinem Unterhalt verschaft; endlich fing er aber an unruhig zu werden, und wendete sich an einen alten Bekannten in der Hauptstadt, um einen Aufschluss über das Stillschweigen zu erhalten. Sara bemerkte, dass ihr Vater nach bald einlaufender Antwort sichtbar finsterer wurde, und sie teilte ihrem Freund ihre schweren Ahnungen über den Gegenstand von ihres Vaters Sorgen mit. Sich vor Mangel zu fürchten, kam der einfachen Seele nie ein; sie erbat und empfieng mit kindlicher Bescheidenheit L***'s Unterstüzung, und glaubte, ihre Pflicht geböte ihr den kleinen Betrug, durch welchen sie ohne sein Vorwissen ihres Vaters Kasse schonte. Aber immer dichter wurde die Wolke, die seine Mattigkeit in Unruhe, seine kranke Heiterkeit in heftige Fieberträume verwandelt hatte; nachdem wieder einige Wochen so vorübergegangen waren, brachte ihm Sara einst, mit bangem Zittern vor dessen Inhalt, ein Paket das mit der Pariser Post einlief. Seldorf hielt es lange in der Hand, besah das Siegel und die Aufschrift, und legte es endlich auf den Tisch vor sich hin. Mit unruhiger Erwartung machte sich Sara einige Geschäfte im Zimmer, und fragte endlich furchtsam: willst du nicht lesen, ehe ich dir dein Abendbrod bringe? – Nein, meine Liebe! antwortete Seldorf; es kann viele Briefe