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väterlichen haus entwich, und wo der erste Pfeil ihres armen Vaters nun fast verblutetes Herz traf. An jenem Abend, so quälend er war, ahnete sie noch keine so finstre Zukunft! Und alles, alles, was sie damals liebend quälte, war nun dahinTeodor, Roger! beide fern und entfremdet! Und jenes Haus, jene Gärten! – L***, der allen Bewegungen ihrer Seele folgte, und diese Wolke vor ihren Geist treten sah, wekte sie aus dem Trübsinn, in welchen sie verfiel, durch eine zufällige Frage, die zwar ziemlich gleichgültig war, aber der Wohllaut der Liebe in seinem Ton erinnerte sie dass sie jetzt ein Gefühl gewonnen, das sie an jenem Abend, welchen sie im Begrif stand für den lezten ihres Glücks zu halten, noch nicht gehabt hättesie dachte nicht weiter, sonst hätte sie sich über diesen Leichtsinn Vorwürfe gemacht; aber sie fühlte sich gestärkt, und glaubte sich eine Heldin, da sie doch nur liebte.

Bei dem Fortgang des Gesprächs zeigte es sich, dass die fürchterliche Nachricht, welche Seldorf von der Verwüstung seines Schlosses erhielt, ihn nichts weniger, als unerwartet traf. Seine Bitterkeit hatte das Schreklichste schon vorausgesezt, und er bat mit einer Ruhe, die Sara's Herz durchbohrte, man möchte nur Erkundigungen einziehen, ob gar nichts gerettet wäre, nicht etwa soviel, dass er mit seinem kind irgendwo auf dem land unterkommen könnte, bis er Mittel gefunden hätte, einen teil des kleinen Kapitals, das er in Paris stehen hätte, einzunehmen. Es war dein Erbteil, mein Kind, sagte er, indem er sich gegen Sara wandte; du wirst es als eine Erleichterung in deinem Unglück fühlen, deinen Vater mit deinem Vermögen zu ernähren. – Sie dankte ihm voll Wehmut, und beschäftigte sich nun ernstaft mit L***, einen Aufentalt für die Zukunft ausfindig zu machen. Er erbot sich sogleich, nach seines Freundes Schloss zurückzukehren, um von da aus die etwa geretteten Trümmer von Seldorfs Habseligkeiten an sich zu ziehen, und Bertiers Rat über die Vergütung des Schadens einzuholen. Der an Leib und Seele kranke Mann liess bei Bertiers Namen die erste Spur von leidenschaft wieder bliken, nachdem er den Brand seiner wohnung, die Verwüstung seines Jahre lang gepflegten Gartens mit todter Resignation erfahren hatte, entzündete Bitterkeit wieder das erste Fünkchen Feuer in diesem Herzen, das sonst nur der Liebe offen war. Er verbat sich heftig jede Gemeinschaft mit Bertier, und erzählte L*** mit leidenschaftlicher Verblendung den traurigen Auftritt, in welchem er den redlichen Greis so unbillig verkannt hatte. L*** las in Sara's blick, wie unendlich sie litt, und wie herzlich sie auf Bertiers hülfe traute, aber Seldorfs unglücklicher Zustand vertrug keinen Widerspruch.

Noch am Abend desselben tages eilte L*** nach der Brandstätte, und fand wirklich alles verwüstet. Die Rasenden hatten den Wink heuchlerischer Anstifter nur zu gut befolgt. Wehe dem Menschen, der diese Werkzeuge der Hölle zur Vollstrekung seiner Plane braucht! Er gibt die Fakel der Rache in die Hand des Unverstandes, und jedes Unheil, das daraus entsteht, lastet auf der Seele des Frechen, der bei menschlichem Beginnen Gottes Allmacht nachäffen, und die Leidenschaften der Menschen gebrauchen wollte, wie Tau, Gewittersturm und Sonnenschein, um das Saatkorn zu pflegen, das er ausersah. Wehe ihm, wenn es ihm gelang die Menschheit abzulegen, und fühllos über dem Schauplaz seines Handelns zu schweben; aber zehnfach Wehe, wenn der anblick ihm noch Tränen entlokt, denn von dem ausgedorrten Boden, worauf sie fallen, können sie nimmer die Vergangenheit abwaschen! – Das freundliche Haus, wo man ihn sonst so gastfrei aufnahm, die blühende natur umher, alles war eine gestaltlose, grause Masse von Schutt und Verwüstung. Die Mauern, die gestern noch mit schüzendem Epheu umwunden unter den hohen Linden hervorblikten, standen jetzt schwarz und halb eingestürzt neben den abgebrannten Stämmen. Der schattige gang nach dem Garten war vom niedergerissenen Gesträuch versperrt; den Bogengang, durch welchen er zuerst hier eingetreten war, fand er von Zweigen entblösst, und an der niedergestürzten Brunnensäule sammelte sich das wasser in einen schmuzigen Pfuhl. L*** wandelte schaudernd unter den Ruinen umher; aus seinem Gesicht leuchtete nicht die Seele, welche in Sara's Herzen Ruhe, Vertrauen und hoffnung gezaubert hatte. Er sah düster und scheu, wie ein Mörder, der noch einmal an den Leichnamen seiner Erschlagnen vorbei muss: ein Lüftchen, dessen Wehen ihr blutiges Haar bewegt, erstarrt sein Herzund ein Schauder, dass ihm die stimme versagte, ergrif L***, da Sara's Hündchen winselnd aus einer verfallenen tür kroch, und den alten Hausfreund erkennend, mit einer zerbrochnen Pfote zu ihm hinkte, und seine Füsse lekte. Er nahm das arme Tier schnell auf den Arm, und eilte nach Bertiers wohnung. Der Alte empfieng ihn weniger unbefangen als mit Fassung und Würde. Er wusste zu L***'s Erstaunen die Art von Seldorfs Rettung und seinen Aufentalt; er ging sogleich mit ihm in die näheren Umstände seines Verlustes, und in die Möglichkeiten ein, seine Ländereien zu retten. L*** vermochte nicht den tiefen Eindruk zu verbergen, welchen die Brandstätte in ihm hervorgebracht hatte; da liess der Greis seinen himmelklaren blick auf ihm ruhen, als hätte er den Faden zu seinen innersten Gedanken, und mehr ernst wie bedeutend sagte er: Auf dem Wege wo wir wandeln, werden wir noch manche Brandstätte vorbeigehen, und manche Verwüstung lenken. – Flammend sah ihm L*** in