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? rief Sara zitternd. – Ist ihr Helfershelfer oder mein Schuzgeist, murmelte er, und riss sich los, um seinen gang fortzusezen.

Ihr Herz stand still, sie sezte sich an ein Fensterdurch die Luft rauschte ein heftiger Gewittersturm, einzelne Blize erleuchteten eine ihr ganz fremde Gegend, und zeigten ihr Reiter und Männer, die an den Mauern der Hofgebäude hielten. Endlich hörte sie, nachdem das Wetter einen augenblick nachgelassen, eine grosse Pforte öfnen, es entstand ein verwirrtes Getümmel von Menschen und Rossen, aber ein Bliz, der bald darauf folgte, liess sie nichts wahrnehmen als eine tote Leere über dem ganzen Hof. Seldorf hatte sich auf einen Lehnsessel gestrekt, und war endlich nach unnatürlicher Spannung seiner Nerven in einen betäubten Schlummer gefallen. Rund umher ward es immer stiller, der Morgen brach an, Sara hörte in der Ferne das Gebell der Dorfhunde, das Geklirr vorbeifahrender Akersleute. Sie konnte nun die Lage des Hauses unterscheiden, es war am Eingang eines Waldes, und nur mit Ställen umgeben; nach und nach vernahm sie dass man darin munter wurde, sie hörte einige Türen auf und zuschlagen, sah Vieh aus den Ställen treibenendlich erschienen einige Reiter mit Jagdflinten bewaffnet, L*** war an ihrer Spize, sie sprengten in den Hof, bald eilten sie die Treppe herauf. Sara's Herz schlug ungestüm. Mitschuldiger oder Schuzengel – o ihr Herz hatte längst gewählt, aber die Ungewissheit ihres Vaters scheuchte die reine Aeusserung ihres Kindersinnes grausam zurück. Seldorf blieb in seinem matten Schlummer versunken; aber bei L***'s Eintritt war aus Sara's Herzen alles andre verschwunden, unwillkührlich bloss von der Nähe ihres Schuzgeistes ergriffen, lief sie, so unbefangen als träte ihr Bruder herein, auf ihn zuihre Hand lag in der seinigen, und wie er reden wollte, deutete sie mit der Heiterkeit eines Engels auf ihren schlafenden Vater. L*** verstand sie, führte sie in das Vorzimmer, wo seine Begleiter im Hintergrund um einen Tisch mit Trinkgerät und speisen sassen, und sezte sich neben ihr nieder.

Deutlich genug ist der gang, den Sara's Herz genommen hatte, und die Stimmung in welcher sie sich jetzt befand. Aber konnte es einen Bösewicht geben, der nicht wider Willen alle Seligkeit der Tugend geahnet hätte, indem das unschuldigste, reinste geschöpf das Bild der höchsten Tugend in ihm verehrte? Und wirklich war es nicht die Seele eines Bösewichts, die sich auf L***'s schönem Gesicht mahlte, wie er des entzükten Mädchens Dankestränen fliessen sah, wie er ihre fragen beantwortete, wie er die schuldlose Unbefangenheit, mit welcher sie seine Hand an ihre Lippen drückte, so ehrfurchtsvoll und gerührt zu empfinden schien. Sara erhielt nun die Auflösung des Rätsels, die ihr zerstörter Kopf so lange umsonst gesucht hatte. Der gestrige unglückliche Auftritt hatte bestochenen Aufruhrstiftern den abscheulichen Gedanken eingegeben, das gegen Seldorf entstandene Mistrauen zu reizen, und unter dem heiligen Vorwand des Patriotismus, sein Betragen als eine offenbare Auflehnung gegen die constituirten Autoritäten vorzustellen. Wie es schien, waren andre Bösewichter von demselben Schlag aus einem benachbarten Departement herübergekommen, und hatten eine Handvoll rüstiger unzufriedner Burschen mit in das Komplott gezogen, indem sie ihnen vorgespiegelt hatten, es sei Pflicht gegen das Vaterland, einem so gefährlichen Mann seine Mittel zur Contrerevolution zu nehmen, und man wolle das Haus bloss von den darin verstekten Waffen reinigen, damit der Befehl der Gesezgeber doch vollstrekt würde, indem die dazu bestellte Kommission durch Gewalt zum Abzug genötigt worden wäre. Einige von L***'s Jägern waren noch spät im Wirtshaus bei Seldorfs Gut gewesen, hatten etwas von jenem Vorhaben abnehmen können, und waren geeilt, es ihrem Herrn zu hinterbringen, der erst gestern von einer Geschäftsreise in dem Schloss eines benachbarten Freundes angelangt war. L*** erkannte die Gefahr des Augenbliks, Anstalten zur Gegenwehr waren nicht mehr zu treffen, und diese lagen ohnehin der Obrigkeit des Orts ob; er konnte also bloss für Seldorfs persönliche Rettung sorgen. Er bat den Freund, bei welchem er war, um eine Kalesche und um Begleiter, und eilte nach Seldorfs Schloss, dessen Vorderseite schon von den Bösewichtern umzingelt war. Er erinnerte sich der Gartenpforte, durch welche er zuerst eingetreten war, brach hier durch, wekte Seldorf, der, von seinen Leuten verraten oder verlassen, unbesorgt schlief, und überzeugte den unglücklichen Mann bald von der Nichtigkeit eines Versuchs, den Rasenden ihr Unrecht vorzustellen. Das Haus, in welches er sie bringen lassen, war ein Jagdhaus, das einem seiner Freunde zugehörte, und zu keinem andern Gebrauch, als einzelnen Landfesten, oder höchstens einem Nachtlager bei Jagdpartien bestimmt war. Er versicherte Sara, das Ganze sähe noch viel zufälliger aus als es wirklich wäre, weil die Leute im Haus nicht einmal etwas von ihrer nächtlichen Ankunft erfahren hätten, sondern sie erst jetzt in seiner Gesellschaft angelangt glaubten; seine Freunde hätten alles allein besorgt, daher rührte auch der Mangel an allen Bequemlichkeiten die Nacht überWie? unterbrach ihn Sara, die Menge von Reitern, die diese Nacht den Hof anfüllten, die Zeichen, die ich durch den Gewittersturm vernahm, konnten den Hausleuten unbekannt bleiben? – Eine unmerkliche Veränderung ging hier in L***'s Gesicht vor, er sah fest in Sara's Auge: was Reiter, liebes fräulein? Meine Freunde blieben doch nicht so lange hierNein, Ihre Freunde liessen uns ja allein, sie verloren sich in dem augenblick da wir ankamen; wir blieben ja unbegreiflich