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gearbeitet hatten, mit den ersten besten Waffen herbei, und stellten sich neben ihren Herrn; der Auftritt hätte nun wahrscheinlich eine blutige Wendung genommen, wenn nicht der alte Bertier auf den ersten Lärm, der zu ihm gelangte, herzugeeilt wäre, und mit der ihm eignen Geradheit die Hize der Kommissairs gemildert hätte. Er liess sie ihre Nachsuchungen fortsezen, führte sie sogar in alle ihm bekannte Winkel des Hauses, und forderte sie endlich ernstaft auf, vor dem nämlichen Haufen, der die Beschuldigung angehört, Seldorf auch Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen. Zu einem solchen Schritt hatte aber Bertiers Freund nicht Biegsamkeit genug. Seldorfs heftige Aeusserungen schienen ihm so gefährlich wie verborgne Waffen, und er kehrte mit einer sehr unüberlegten Ermahnung zu Seldorf zurück. Dieser hatte in seiner kranken Hize Bertiers Dazwischenkunft, und sein Betragen gegen die Kommissarien, wovon die erschroknen Hausbedienten, welche Zeugen dabei waren, ihm einseitige und falsche Berichte hinterbrachten, ganz misverstanden; zu stolz um gegen den andern noch ein Wort zu verlieren, warf er mit ausbrechender Bitterkeit dem wohlmeinenden Alten sein treuloses Betragen vor, und nannte mit einer höhnenden Anwendung diese Misbräuche eine Geburt der neuen Freiheit. Der patriotische Kommissair schäumte; der alte Mann war über Seldorfs Unvorsichtigkeit und Gefahr zu betroffen, um sich bei der persönlichen Beleidigung aufzuhaltener wandte sich zu den Kommissairs, und sagte fast ruhig: der Mann ist krank; lasst ihn, ich bürge für ihn. Hierauf legte er seine Hand auf Sara's Schulter. Ich habe Rogers Stelle vertreten wollen, sagte er, suchen Sie mich wenn Sie mich brauchen. – Er zog die Kommissairs mit sich fort; und jetzt gelang es endlich dem armen geängsteten Mädchen, ihren Vater zu bereden, dass er auf sein Zimmer ging.

Der heftigen Aufwallung folgte eine so grimmige Bitterkeit, dass Sara es nicht wagen durfte, ihn allein zu lassen. Mit bangem Herzen duldete sie sein Schelten, seine Ungerechtigkeit, seinen Groll, und nahm zugleich mit unbeschreiblicher Angst wahr, dass bei einbrechender Dunkelheit Haufen von Männern um das Haus schlichen, und von der Dorfschenke lautes Geschrei herschallte. Der Vater, welcher in seinem Unmut ihren inneren Kampf nicht bemerkte, und ihr sogar über ihre Ruhe Vorwürfe machte, nahm ihr endlich zornig ein Buch aus der Hand, in welchem sie, um Fassung zu finden, einige Minuten gelesen hatte: Du bist glücklich, sagte er; die erdichteten Leiden deiner Bücherhelden trösten dich über die Schmach deines Vatersaber schnell legte er das offne Buch, das er von Sara's Tränen überflossen fand, vor sich hin, und blikte erschroken auf seine Tochter, die von Weinen erstikt und sprachlos vor ihm stand. Einige Augenblike stüzte er den Kopf auf beide arme, dann stand er auf, fasste die hände seiner Tochter, drückte sie an seine Lippen, und rief: verzeih, Sara! verzeih meinem wachsenden Elend! – welches fühlende Herz denkt sich nicht das Ende dieses Auftritts? Fast glücklich durch das Uebermaas seines Unglücks, weil er ein lebhaftes Gefühl für die Würklichkeit darin wiedergefunden hatte, schikte Seldorf sein geliebtes Kind früh auf ihr Zimmer; und sie war so müde von Schmerz, dass sie die Nachricht einer Magd, das Dorf sei voll von fremden Männern, die auf der Strasse herumschwärmten, kaum hörte. Eh sie sich zur Ruhe legte, dachte sie noch einmal an Bertiers Worte: er hätte Rogers Stelle vertreten wollen. Wäre er hier! seufzte sie leiseund mit noch sehnlicherem, aber furchtsamerem Wunsche seufzte sie noch einmal: wäre er hier! und hatte L***'s Bild vor der Seele.

Kaum hatte der erste Schlaf sich ihrer bemächtigt, als sie durch ein dumpfes Getöse erwekt aufsprang. Plözlich wurde ihre tür aufgerissen, und ihr Vater trat mit L*** herein: eile, rief er; wir müssen uns retten, die Ungeheuer sind schon nahe. – Sara erblasste, fragte, warf ihren Mantel um, und fast getragen von L*** verliess sie das Haus. Gleich darauf schien ein tobender Lärm anzugehen, sie sah Fakeln, hörte Schüsse fallen, und kam halb entseelt bei einer Chaise an, welche von einem Haufen von Bewafneten bewacht wurde, denen L*** sie und ihren Vater übergab, sich sodann auf ein Pferd schwang, und in der dunkeln Nacht verschwand.

Sie fuhren einige Meilen, und hielten endlich bei einem abgelegenen zierlichen haus still, wo jedoch keine Anstalt zu ihrem Empfang gemacht war; ihre Begleiter selbst schienen hier eben so fremd und verwundert als sie, und verlohren sich bald nach ihrer Ankunft. Sara's Empfindungen waren zu widersprechend, als dass ihre Fassung so bald hätte zurückkehren können. Der fürchterlichste augenblick ihres Lebens, das sicherste Unglück hatte etwas süsses für sie, weil sie sich wieder unter L***'s Schuz gefühlt hatte. Indessen war das Herz, das so innig liebte, nicht abgestumpft für das Gefühl dieses Unglücks; ihr erstes deutliches Bewusstsein war der anblick ihres Vaters, der mit finstrer Stirn und glühenden Wangen heftig auf und nieder ging; sie ergrif seine Hand: Vater, rief sie, ich bin nicht mutlos; verzeih diesen unwillkührlichen Schreken, der mich betäubte. Sage, wo sind wir? was drohte, was rettete uns? – Drohen? antwortete Seldorf, und hielt in seinem raschen Schritt einen augenblick inne, um seine von unnatürlichem Feuer blizenden Augen auf sie zu heften; die Menschen, die mich seit sieben Jahren Vater nannten, wollten den Vater im Schlaf ermordenUnd L***