Tätigkeit, mit einer Einsicht vorstehen, als beschränke sich darauf der ganze Kreis ihrer Bestimmung; er sah sie ihren Vater verpflegen, zerstreuen, aufheitern, mit ihm weinen, und alles was sie umgab, alles, selbst ihre Liebe, so wie sie entstand und zunahm, zu seinem Wohl anwenden; er sah sie unter den Landleuten, ihr wohltätiges Herz oder der Zufall mochte sie zusammenbringen, mit einer Güte die zu holdselig war um bloss Liebe zur Gleichheit auszudrüken, in alle ihre Sorgen und Freuden eingehen. Der Genuss eines schönen Abends, der anblick einer lachenden Gegend öfnete zuweilen ihr Herz einer kindlichen Heiterkeit, in welcher jede Blume, jeder grünende Baum, jeder zwitschernde Vogel der Gespiele ihrer Freude wurde; hüpfend eilte sie dann an L***'s Arm durch die Wiese, pflükte übermütig die schönsten Blumen, um den Weisdorn am Saum des Gehölzes mit Kränzen zu behängen, und jauchzte vor Fröhlichkeit, wenn die lüsternen Ziegen sie abweideten. Dann ging sie wieder ernst und in sich gekehrt, und sah den aufsteigenden Mond; der Duft der Blumen, der Gesang der Vögel, das ferne Leuchten der Wetterstrahlen schien ihr eine Feier der natur, und sie stand einfach, rein und innig wie ihre erste Priesterin in der jungen Schöpfung. Entzükte sie L*** durch die holde Vertraulichkeit, mit welcher sie in ihrer fröhlichen Stimmung ihn zum Werkzeug des unschuldigsten Scherzes gebrauchte, so durchdrang ihn der blick voll Hoheit, und die Ahnung von inniger Liebe, womit sie ihm ihren Arm entzog, um einsam vorauszugehen in den Augenbliken ihrer feierlichen Schwärmerei. Sein überlegner Geist wurde unwillkührlich angezogen, in Gesprächen und gesellschaftlicher Unterhaltung, der Lehrer, der Bildner dieser unerfahrnen schönen Seele zu sein; sein männliches Wesen, sein kaltes Blut mussten ihm tausendfache Gelegenheiten geben, sie bei ihrer übereilten Kühnheit, bei ihrer oft alles Aeussere vergessenden Empfindung, so verschmolzen wie dies alles in ihr mit weiblicher Schüchternheit war, im Zaum zu halten. Die Lage der Sachen, die Gährung unter dem Volt, die Zudringlichkeit der Priester, deren sich Seldorf nicht ganz erwehren konnte, der Kummer über ihren geliebten Bruder, dessen Briefe immer unverständlicher und seltner wurden: alles führte sie auf einen Weg, der mit jedem Tag enger und abschüssiger wurde, und sie mit jedem Tag unbedingter in L***'s Gewalt lieferte. Sie sah nie eine Ursache, auf ihrer Hut zu sein, denn nie brachte dieser Mann ihr Herz mit ihrem Verstand in Widerspruch; sie sah in allem seinem Reden und Tun nichts als Mut, Offenheit, Patriotismus, Wunsch alles Gute, und alle guten Bürger zu Einem Endzwek zu vereinigen und zu benuzen. Sie war bloss Mädchen, bloss fühlendes geschöpf, und die zeiten hatten damals ihre schrekliche Reife noch nicht erlangt, da es bei weitem noch nicht hinreichen sollte, ein menschlicher wohlmeinender Mann zu sein, um kein Verräter zu scheinen. Verschiedenheit in Meinungen war damals noch kein Hochverrat, und führte noch nicht zum Verbrechen. Bei den schwachen Ausbrüchen zwischen den Parteien, die hie und da, vielleicht auf Anstiften der Royalisten, vielleicht wider ihre Absicht, aber doch gewiss unter ihrem Schuz vorfielen, war L*** bald mutiger Verteidiger seines Systems, bald Friedensstifter, immer aber ein Muster von Billigkeit. Alle Unzufriednen versammelten sich um ihn, aber er schien sie immer zur Ruhe, zum Guten zu lenken, und sein Wort bändigte ihre feindselige Wut. Einfach bis zur Beschränkteit in seinem Schloss, glich es eher einem Hospiz, wo jeder Dürftige Pflege und Azung, jeder verirrte Wanderer Obdach und Schirm fand; und sezte er gestärkt seinen Weg fort, so dachte er sich fortan C** als den Ort, wo im Drang der Not eine Zuflucht vor Hülflosigkeit ihm offen stehen würde. Bei einem seiner Besuche ward Sara eine Unruhe an ihm gewahr, die ihr Herz, das schon so innig an ihm hieng, mit Besorgniss erfüllte; umsonst aber forschte sie mit schüchterner Freundlichkeit, woher seine Laune entstünde: ohne sie zu befriedigen, fesselte sein Stillschweigen das weiche Mädchen durch die süsse Abhängigkeit der Liebe. Bald nachher gelangte die Nachricht von der Flucht des unglücklichen Ludwigs in die entferntesten Gegenden, und erfüllte alle Gemüter mit Schreken, Hass, oder übermütiger Freude. Jede Schenke war jetzt eine Schule des Aufruhrs, wo bald ein feiger, herrschsüchtiger Priester die getreuen Diener des königlichen Hauses aufbot, bald ein kühner Patriot oder ein feiler Emissar Königshass, Freiheit und Rache predigte. Es blieb nicht bei müssigem Geschwäz; die Nachricht von der glücklich gelungenen Flucht ward zwar widerrufen, aber die losgelassenen wilden Leidenschaften liessen sich nicht so leicht an die Kette des Gehorsams zurückführen. Zahlreiche Haufen von Menschen, welche durch die neuen Einrichtungen ihres ehrlichen oder unehrlichen Broderwerbs beraubt waren, rotteten sich zusammen, überfielen die als patriotisch bekannten Communen, und plünderten oder mishandelten die Einwohner, wo keine zeitigen Widerstandsanstalten sie abschrekten. Die ganze benachbarte Gegend stand unter Waffen, die Nachrichten aus der Hauptstadt lauteten verworren und drohend; alle Sicherheitsmassregeln die von dem Siz der herrschaft aus verordnet wurden, verloren ihre Kraft, indem sie hier mit niederträchtiger Kriecherei gegen die Vornehmen, und despotischer Härte gegen das Volk, dort mit unvorsichtiger Vergünstigung gegen das letzte, und leidenschaftlichem Uebermut gegen die Gutsbesizer vollstrekt wurden. Oft begaben sich die Municipalitätsbeamten mit ängstlicher Demut auf die Schlösser, um die von der Nationalversammlung anbefohlne Auslieferung aller Waffen zu betreiben. Man empfieng sie mit einem Schmaus, wo die herablassende Güte der herrschaft ihre ehrwürdige Sendung erniedrigte, und sie kehrten, unter tiefen Verbeugungen