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sagen; aber nach den Uebertreibungen dieser armen verstörten Leute, welche Räuberei, Verwüstung, Mordbrennerei als die Früchte der neuen Ordnung der Dinge anzusehen begannen, war gestern eine grosse Anzahl von Dörfern verheert, und viel Blut vergossen worden. Seldorf hörte mit Abscheu zu, und sagte in einem vorwurfsvollen Ton zu Sara: Bürgerkrieg ist also die Folge aller dieser Glückseeligkeitsplane! Wäre doch L*** hier, und hörte wie sein Patriotenbund sich realisirtSara schlug ihre tränenschweren Augen bei diesem Namen nieder; die Bauern fiengen ihn auf, und riefen einstimmig: Er hat das Land gerettet; er und Herr Roger Bertier flogen von Haufen zu Haufen, sie drangen bis zu den Aufrührern, und sprachen von Gesez und Treue; sie stellten sich als Brustwehr vor die erschroknen Weiber und Greise, sie sammelten die Nationalgarden, die nicht wussten wohin die Sturmgloke sie rief; in dem augenblick da wir aus dem Getümmel entkamen, verfolgten sie den Feinddiese Worte hatten eine Wunderkraft für Sara's zerschlagnes Herz; sie durfte nun bei L***'s Namen aufbliken, er wurde mit Rogern zugleich als Verteidiger der guten Sache genannt; sie dachte mit Entzüken, wie gern sie dem alten Bertier verzeihen wollte, nun sie so gewiss wusste dass er Unrecht hatte, und die Verwüstung verlor einen grossen teil ihres Schreklichen, da Roger undder Mann, dessen Unschuld ihr so teuer zu werden anfieng, dagegen kämpften. In der Folge des Tages liefen beruhigendere Nachrichten ein; die Aufrührer waren in die Wälder geflüchtet, die Nationalgarden standen allentalben unter den Waffen, und im ganzen Distrikt herrschte die gröste Ruhe. Gegen Abend sprengte ein Reuter in den Hof; es war L***, der sogleich in das Zimmer trat, und sich mit der einfachsten Freimütigkeit gegen Seldorf entschuldigte, dass er sich schon die Rechte eines alten Bekannten anmaasste. Er sprach von dem gestrigen Vorfall, verringerte das Unglück und die Gefahr, versicherte dass es weit mehr eine zufällige Zwistigkeit unter den Bauern als eine Parteisache gewesen wäre, dass nur der wohlmeinende Eifer einiger Patrioten es für ernstafter angesehen, und durch übereilte Anstalten zum Widerstand die Erbitterung vermehrt hätte. Er erwähnte Rogers mit vieler achtung, und lobte seine Wachsamkeit, die ihn so früh zur hülfe, selbst eines fremden Departements angetrieben hätte. Sara fühlte sich seit L***'s Eintritt von einem gewissen stillen Frieden umgeben, durch welchen ihr Herz nur wohltätigen Empfindungen offen war; sie überliess sich dieser, und genoss nach dem gestrigen bangen Abend und der traurig durchwachten Nacht, desto inniger ein Paar heitre Stunden in der Gesellschaft dieses Mannes, dessen Liebenswürdigkeit und geschikte Wendungen selbst ihren Vater von seinen traurigen Gedanken über die Lage des Landes zu zerstreuen schienen. Seitdem schlich der Geist der Zwietracht eine Zeitlang nur still und dumpf in der Gegend umher, und zeigte sich bloss hie und da in stillschweigenden Verhöhnungen des Gesezes, in Nekereien gegen die Obrigkeiten, in ungeziemenden Festen auf den Schlössern und Rittersizen. Roger blieb abwesend; der Auftrag einer Gesellschaft von Volksfreunden entfernte ihn lange von seiner Heimat, und die Vereinzelung, worinn sich die gute Sara befand, machte ihr L***'s Besuche, die er alle Wochen einigemal wiederholte, um so werter. Sie hatte dabei den Kummer, den alten Bertier von seinem ungerechten Vorurteil gegen den neuen Freund ihres Vaters nicht zurückbringen zu können, und Seldorf selbst entfernte sich mehr von jenem, weil ihm die Erinnerungen an politische Gegenstände leicht verhasst wurden, und L***'s gefällige, biegsame, unerschöpfliche Unterhaltung ihm wohltätiger war als Bertiers zunehmender Eifer. L*** war zu fein, um nicht alle Vorteile dieser Umstände bei Sara zu benuzen. über den Plaz, welchen Roger in ihrem Herzen einnahm, hatte er sich bald beruhigende Aufklärung verschaft; ihre unbefangne Herzlichkeit, und das ehrerbietige, anspruchlose Betragen, mit welchem Roger diese erwiderte, überzeugten L*** dass von ihrer Seite wenigstens, vielleicht Entusiasmus, aber nicht Liebe im Spiel wäre. Ihm kam wenig darauf an, Rogern zu verstehen; denn sobald er ihn nicht als Nebenbuhler fürchtete, warf er ihn unter die grosse Anzahl derer, die er zu Werkzeugen oder Opfern ausersehen hatte. Ob das was ihm Sara vom ersten augenblick einflösste; ob überhaupt was er für sie empfand, Liebe war, lässt sich nicht so genau bestimmen. Vielleicht liebte ein L*** ein Mädchen wie Sara, ungefähr wie ein Nero den grössten Entusiasmus, den reinsten Geschmak für Musik haben konnte. Vielleicht auch dass es Menschen gibt, die zu allem edlen geschaffen, und durch gewaltsame Umstände von ihrer Bestimmung abgeleitet, in Einem Gefühl ihres Herzens, das mit keiner von den verstimmten saiten desselben in Zusammenhang ist, die Urschönheit ihrer natur wiederfinden, und dieses Gefühl mit desto glühenderem Eifer pflegen, weil es das einzige ist, das ihnen die Ahnung des verloschnen Götterfunkens zurück gibt. Eine solche Liebe muss um so heftiger und kühner sein, als sie gegen alles Böse in dem Gemüt, dessen sie sich bemeistert, unaufhörlich ankämpft. Im Ganzen aber war es L***'s schicksal, allentalben von Trug umhüllt vor der Nachwelt zu stehen, und auch seine Liebe für Sara, mit seinen politischen Verhältnissen verbunden, trägt noch mehr dazu bei, ihn unverständlich zu machen. In der Legende wenigstens, die unter seinen fanatischen Mitstreitern ihn überlebt haben mag, wird das betrogne Mädchen nicht mit unter den Wundern gezählt sein, die er verrichtet hat.

Sara musste für jedes des Schönen empfängliche Herz ein Studium des Schönen sein. L*** sah sie ihrem Haushalt mit einer