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meisterhaftesten Gegenwart des Geistes. Auf einem Spaziergang im dorf bestätigte sich ein teil jener Nachrichten, und die Gesellschaft vernahm jetzt sogar ziemlich deutlich den Schall der Sturmgloke gegen Mauleon hin. L*** nahm davon gelegenheit, schneller wegzugehen, indem seine Pflicht ihn aufforderte, die Sache selbst näher zu besichtigen. Er sprach dabei mit der männlichsten Ruhe von der möglichen Gefahr, wünschte Seldorf Glück, von anerkannt guten Patrioten umgeben zu sein, und bestieg unter den schmeichelhaftesten Dankesbezeugungen sein Pferd, nachdem er Seldorf um erlaubnis gebeten hatte, ihm in den nächsten Tagen von der wahren Beschaffenheit jener kleinen Gährungen Nachricht zu bringen.

Seldorf war von einem so ungewohnten Tag ermattet, seine traurige Stimmung kehrte mit der Stille zurück, und er eilte in sein einsames Zimmer. Sara war von mehr wie einer Empfindung angegriffen, aber unbekannt mit sich selbst, suchte sie den Grund ihrer Unruhe ausser ihrem Herzen, und ging zu dem alten Bertier, um ihn wegen seines Sohnes Reise zu befragen. Doch es sollte heute keine freundliche Hand der armen Sara aus dem Labirint zurückwinken, in welchem sie sich zu verstriken anfieng. Bertiers Haus war voll Männer aus der umliegenden Gegend, welche von dem Lärmgeschrei herbeigeführt zusammen beratschlagten. Auf Sara's wiederholte Bitte verliess der alte Bertier einen augenblick die Versammlung, um sie zu sprechen; aber die Gegenstände der Beratschlagung, sie mochten nun der Wahrheit getreu oder vergrössert sein, hatten diesmal die Sanftmut des braven Greises gestört. Er entwarf einige so empörende Züge von den Verrätereien, mit welchen man das Volk umspinne, von der höllischen Falschheit, die man anwende es zu verführen, dass Sara zitternd rief: wo ist Roger? – Gegen C** wo der Siz des Verrats istNein, nein! L*** war den ganzen Tag hier; er liebt das Volk, er liebt das VaterlandUrteilen Sie von den Gesinnungen eines Menschen, der im Schoos der Gastfreiheit seine Ränke schmiedet! Ich weiss dass er bei Ihrem Vater war, dortindem er auf das Zimmer zeigte, wo die Männer versammelt waren, bürgte ich eben mit meinem Leben für die Treue Ihres Vaters, die jedem redlichen Bürger verdächtig wird, weil er, der jedem aus unserer Mitte den Zutritt versagt, einem L*** seinen Schmerz über Teodors glänzende Laufbahn anvertraut – – Sara verstummte; sie stand erst im Begrif, L*** statt ihres Vaters zu verteidigen; beschämt über ihre Verwirrung, erschroken über die Gefahr, welche drohend herannahte, hüllte sie sich in ihren Stolz, und antwortete mit so vieler Kälte, dass der Greis im Unwillen von ihr ging. Sie kehrte nun schwermütiger, als sie gekommen war, nach ihrem Haus zurück. Noch niemals hatte sie sich so einsam und trostlos gefühlt, noch niemals hatte die arme eines freundlichen Herzens, um hoffnung und Ruhe darin zu schöpfen, so schmerzlich bedurft. Aber Teodor war fern, und von ihm erhielt sie seit langer zeit nichts mehr, als ehrsüchtig schwärmerische Deklamationen; Roger hatte diesen Morgen ihr Vertrauen zurückgeschrekt, der wehmütigernste blick, mit welchem er ihre Hand an sein Herz drückte, hatte die Furcht ihn zu betrüben erwekt; und diese Furcht, und des alten Bertiers unvorsichtiger Eifer warfen ein Interesse auf L***, als die erste Ursache ihres Kummers, das er vielleicht ohnedem nicht gehabt haben würde. L*** schien so edel, er hatte so männlich gefasst von der Gefahr, so menschlich und schonend von dem verführten volk gesprochen: er konnte nicht falsch sein, er war das Opfer der Vorurteile, der argwöhnischen Stimmung von Menschen, die sie lange geliebt und geehrt hatte, die aber jetzt hart, ungestüm, ja anmassend gegen sie verfuhren. So brachte sie einen teil der Nacht schlaflos zu; noch war es dunkel, als sie im grund des Tals den Himmel mit einer Flammenröte überzogen sah, und ihr Ohr den Ton einer fernen Sturmgloke vernahm, der vom Morgenwind herbeigeführt wurde. Zum erstenmal dachte sie das Bild der Verwüstung, der Gefahr in einer so fürchterlichen Nähe, sie dachte verwirrt an Roger, an L***, sie bildete sich ein, sie gegen einander fechten zu sehen. Ihr Schreken nahm zu, als sie unter ihrem Fenster von einzelnen Männern, die über den Weg eilten, und leise und ängstlich mit einander sprachen, die Worte zu hören glaubte: man mordet das VolkEin Fieberfrost ergrif das einsame Mädchen, sie sah nichts als Zerstörung und Tod vor ihren Augen, indess doch die natur um sie her Frieden und Ruhe atmete. Endlich erloschen die Flammenstreifen im Morgenrot, und der schaudervolle Glokenton ward von dem tausendstimmigen Gesang der Vögel, die den anbrechenden Tag begrüssten, in der Luft verdrängt. jetzt legte sie sich erschöpft nieder; aber der leichte Schlummer, der ihre Augen dekte, verschwand bald bei dem Geheul einiger Bauerweiber, deren Männer entweder zufällig oder durch Anstiftung in dem Distrikt von Mauleon gewesen waren, an dem Zusammenlauf des gestrigen Tages teil genommen hatten, und nun gar übel zugerichtet nach haus gebracht wurden. Seldorfs Wohltätigkeit war so bekannt, dass ihm der traurige Parteigeist das Recht, die Zuflucht der Bedrängten zu sein, noch nicht genommen hatte. Sara fand ihn schon mitten unter einem Trupp von Landleuten, die ihm eine schaudervolle Beschreibung von den begebenheiten des vorigen Tages machten. Sie waren, sagten sie, auf einem Viehmarkt in ** gewesen, und hatten sich durch Trinken und Neugierde aufhalten lassen, bis der Lärm ausgebrochen war. Wo er entstanden, woher die Bewafneten gekommen, wer sie angeführt, wusste niemand zu