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so reichem Maasse verliehen hatten, und womit er jetzt, von seinem guten Geist oder einem blutdürstigen Dämon geleitet, aller Herzen anzog. Bald darauf, nachdem ein Frühstük aufgetragen worden war, kam Sara zu ihnen; sie dankte Rogern vertraulich, dass er so gut für ihren Gast gesorgt hätte, und versicherte L*** mit einer schmeichelhaften Wendung, sein Besuch sei doppelt angenehm, weil er ihren Vater gerade heute muntrer und gesünder finde, als er seit langer Zeit gewesenwirklich, denken Sie! sagte sie zu Roger, er will herunterkommen, und diesen Herrn selbst begrüssen.

Dieses zuvorkommende Betragen stimmte freilich mit seinem gewöhnlichen Gange nicht überein. War es aber die Lebhaftigkeit, mit welcher seine unerfahrne Sara von dem unvermuteten Besuch sprach; oder war es die Erinnerung dass Roger entschieden gegen L***'s Familie gesprochen hatte, und bei einigen Veranlassungen schon öffentlich gegen sie aufgetreten war, und überraschte ihn sein zartes Gefühl, ungeachtet seiner angewöhnten Apatie, mit der Furcht dass die beiden Männer allein zusammen nicht taugen möchten; oder war es ein dunkler Gedanke an seinen Sohn, der in jedem seiner Briefe genauer mit Menschen von der Art dieses L*** verwikelt schien: genug, Seldorf verfügte sich zu dem Fremden, dessen Besuch sich bis gegen die Mittagszeit verlängerte. Dieser Proteus umstrikte Seldorf mit aller Liebenswürdigkeit des geschmeidigsten Geists; fein genug, um da, wo er von andern abging bloss originell zu scheinen, wurde er anziehender indem er andrer Meinungen widersprach, und wenn sein Gesicht auch nicht der Spiegel seiner Seele war, so war es doch die vollkommenste Pantomime eines Geistes, der sich in alles, was zur Empfindung gehörte, hineinstudiert hatte. Sara's Unerfahrenheit war ihm sehr behülflich, sich von einer interessanten Seite zu zeigen; indem sie bei Erwähnung ihres Bruders sich ganz ihrem Gefühl, ganz dem Ausdruk der Besorgnisse ihres liebenden Herzens überliess, erfuhr er so viel er zu wissen brauchte, von Teodors anfänglicher Vereinzelung in Paris, und von einem anscheinend unbedeutenden Zufall, der ihn seitdem mit verschiednen Menschen von seiner Partei in Verbindung gebracht hatte. L*** war mit dem Geist des Zeitpunkts zu vertraut, um hier etwa den Beschüzer spielen zu wollen; er wünschte vielmehr der guten Sache, die er aber nicht näher bestimmte, Glück, wenn Jünglinge wie Teodor so lebhaft dafür fühlten; er sprach mit einem idealisirenden Entusiasmus von der Vereinigung aller Patrioten, die sich um ihren guten König drängen müssten, um eigennüzigen Feinden des volkes den Zugang zu seinem edlen Herzen unmöglich zu machendieser Ton fand in Sara's schwärmerischer Seele einen harmonischen Wiederhall; das Bild von patriarchalischem Glück, das L*** aufstellte, passte besser zu der kindlichen Stimmung ihres noch nie betrognen Gemüts, als das dunkle Gewirr von Aufopferung, Streit und Tod, welches in Bertiers Gesprächen mit Teodor immer am meisten hervorgestochen hatte. Seldorfs denkart, sein Widerwille, Gutes zu erwarten, blieb sich gleich; die Weichheit seines Karakters widerstand indessen der Versuchung nicht, an L*** eine Ausnahme unter seiner Klasse zu machen, und sich für sein Gespräch um so lebhafter zu interessiren, als er die Namen mehrerer von den Menschen, in deren arme sich Teodor jetzt geworfen hatte, mit eifrigem Lob nannte, das er mit Anführung mancher schönen Tat, mancher Aufopferung von ihrer Seite bewährte. Roger hatte sich bald nach Seldorfs Ankunft entfernt, und der kleine Zirkel hätte die anrükende Mittagstunde vielleicht nicht bemerkt, wenn man Sara nicht herausgerufen hätte. Sie fand Rogern reisefertig; ich muss fort, sagte er innig und gerührt, äussern Sie davon nichts gegen Ihren GastSara, fuhr er errötend fort, und ergrif ihre Hand, ich muss Sie bitten, so ungeziemend es scheinen mag: verhindern Sie Ihren Vater, diesen Mann in sein Haus zu ziehenSara stuzteNein, nein, bei meinem Schwur, nicht deswegen! – er drückte ihre Hand an sein Herz: Um Ihres Hauses, um Ihrer Sicherheit willenSara erschrak, und hielt seine Hand fester; er sprach weiter: Es ist jetzt Bewegung im land; ich muss es meines Schwester anvertrauen, damit sie mich nicht misverstehe. Adieu Sara! – Fort eilte er, und Sara ging tiefsinnig in das Zimmer zurück. Ihre Unbefangenheit war durch die mögliche Auslegung von Rogers ersten Worten gestört, L*** war nun kein gleichgültiger Fremder mehr, sondern ein Mann, der sie verleitet haben konnte, ihren braven Freund miszuverstehen. Die dunkle Nachricht, die ihr Roger gegeben hatte, trug noch mehr dazu bei, ihre Empfindung zu reizen, und wie sie in das Gesellschaftszimmer zurückkam, blieb der Ausdruk von Zweifel und Rührung in ihrem Wesen L***'s scharfem blick nicht verborgen. Er wollte jetzt Abschied nehmen, die Sonne prallte um diese Zeit brennend von dem Hofpflaster zurück, Seldorf konnte ihn unmöglich jetzt gehen lassen, er nötigte ihn zum Mittagsessen zu bleiben, und führte ihn in seine Bibliotek, während dass Sara froh war, sich bei ihren Hausgeschäften wieder sammeln zu könnenvielleicht auch schon froh, sie für L*** vermehrt zu sehen.

Nachmittags kamen verschiedne Bauern in den Hof, welche mit widersprechenden, abenteuerlichen Umständen erzählten, dass in **, einer benachbarten Commüne vom Distrikt Mauleon, Unruhen ausgebrochen wären, und ein teil des volkes zu den Waffen gegriffen hätte. Sara erblasste bei dieser Nachricht, und stand in Begrif, Rogers Ermahnung zur Diskretion zu vergessen; aber L*** zerstreute den widrigen Eindruk dieser Störung, die ihn selbst anfangs nicht ganz vorbereitet getroffen hatte, mit der