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Dieser Weg führte ihn durch ein enges Tal in eine kleine Ebene, wo er durch eine Pflanzung blühender Obstbäume auf dem schönsten Wiesenplan bis an eine kleine Gartenpforte kam, die ihm die Aussicht in eine reizende ländliche Anlage nicht benahm, hinter welcher in einiger Entfernung unter hohen Nussbäumen ein Kirchturm hervorragte. Die unendliche Schönheit des Morgens, der Gedeihen und Leben in die ganze Schöpfung hauchte, die strahlende Sonne, welche schmeichelnd mit dem West eiferte, die Tautropfen von den jungen Blüten zu küssen, das Rieseln einer nahen Quelle, alles lud L*** ein, sein Pferd an den nächsten Baum zu binden, und die angelehnte Pforte zu öfnen. Er wendete sich nach der Seite, wo er das wasser gehört hatte, und gelangte bald an einen hohen dunkeln Bogengang von Geisblatt, bei dessen Ausgang eine Reihe Wasserrohre im Schatten von alten Akazia's sich in ein steinernes Beken ergoss. Sein eilfertiger gang ward aber hier durch den anblick eines jungen Mädchens gehemmt, die neben dem wasser stand, und eine Menge Kräuter und Blumen auf dem Rand des Bekens ausbreitete. War es der Zauber des Morgens, der Sara's Liebenswürdigkeit erhöhtedenn L*** war in Seldorfs Garten geraten, und sie war es, die frische Blumen zum Aufpuz für ihres Vaters Zimmer sammelteoder machte das Romantische des Orts, des Augenbliks L***s Seele für jeden Eindruk von Schönheit empfänglicher, oder scheint ein reizendes Weib immer das Meisterstük der Schöpfung: genug L*** vergass jetzt seine Neugier und seine Nebenabsicht, in der Gegend zu spähen, und war bloss in Anschauen verloren. Die Blüte der reinsten Gesundheit, welche bei ihrer schlanken Gestalt nur den Ausdruk der Jugend und Unschuld hatte, ein seelenvolles Gesicht, in welchem ein lächelnder Mund mit dem schwermütigen blick des grossen schwarzen Auges so anziehend-seltsam abstach, der ernste Eifer, mit welchem sie ihre kindliche Beschäftigung trieb, und die Blumen so denkend und teilnehmend ansah, als verstünden sie ihre Meinungdas ganze reizende Schauspiel fesselte L*** an seinen Plaz, bis Sara nach beendigter Arbeit das Körbchen, in welchem sie ihre Blumen geordnet hatte, aufnahm, noch einen lächelnden vergnügten blick darauf warf, und ihren Arm hoch aufstreifte, um sie mit frischem wasser zu besprengen. jetzt trat L*** näher hinzu, und mit einer Entschuldigung wegen des ungewöhnlichen weges, auf welchem er sich verirrt hätte, erzählte er mit ungezwungner Höflichkeit, durch welches ungefähr er hieher geraten wäre. So unbefangen und verbindlich die Art war, mit welcher Sara seine Anrede erwiderte, so sah er doch jetzt den augenblick kommen, wo er wieder nach der kleinen Pforte zurückgemusst hätte, als Roger sich näherte, und noch hinter dem Gebüsch rief: Sind Sie fertig, fräulein? Ihr Vater fragt nach Ihnen. – Sara sezte lebhaft einen grossen Strohhut auf, ergrif ihr Blumenkörbchen, und sagte: das ist gut, lieber Roger, dass Sie kommen; hier ist ein Herr, den ich nicht zum Frühstük einladen konnte, jetzt tun Sie esRoger trat näher, und die beiden Männer, welche sich schon öfters bei öffentlichen Versammlungen gesehen hatten, erkannten sich sogleich; der anblick würkte aber verschieden auf beide. Bei Roger war es das sonderbare schnelle Gefühl, hier wie in den Volksversammlungen und allentalben in einem Menschen wie L*** einem Gegner zu begegnen, der zwar gefährlich war, den er aber den unerschütterlichen Willen hatte, endlich zu besiegen: dieses Gefühl gibt allen wahren Republikanern, wenn sie friedlich mit Anhängern der Gegenpartei zusammentreffen, die nämliche Fassung, die brave Offiziere von zwei feindlichen Armeen haben, wenn sie durch ein ungefähr ausser dem Schlachtfeld auf einander stossen. Hier kam noch die jedem unverdorbnen Herzen heilige Ehrfurcht für die Geseze der Gastfreiheit hinzu; Roger wiederholte also dem Fremden Sara's Anerbietung, zwar mit einer ernsten und eher trozigen Art, zugleich aber mit der anständigsten Höflichkeit. In L***s Herzen zu lesen würde schwerer gewesen sein, doch schien es von Sara's Bild zu eingenommen, um in diesem augenblick so sehr auf seiner Hut zu sein, als es dem charakter dieses Mannes angemessen war. Er sagte, nachdem Sara mit einer leichten Verbeugung davon gegangen war, mehr spöttisch wie gefasst: Sie haben eine liebenswürdige Schwester, Herr Bertier? – Roger berichtigte seinen Irrtum, und forderte ihn auf, Sara's Einladung zu folgen. Die Entdekung war L*** doppelt erfreulich, da ihm nun ein ungefähr dasselbe Haus eröfnete, in welches er so lange vergeblich einen Zugang gesucht hatte. Roger kehrte mit ihm an die Pforte zurück, um das Pferd in den Hof zu führen, und begleitete ihn sodann nach dem Haus, indem er ihm unterwegs von Seldorfs schwacher Gesundheit erzählte, die ihn seit einiger Zeit genötigt hätte, allen Umgang ausser dem haus aufzugeben. L*** hatte sich jetzt völlig gesammelt, und ob ihm schon, nachdem er Sara erblikt, die Vertraulichkeit in welcher er den jungen Bertier hier festgesezt sah, nicht sonderlich gefiel, so herrschte doch in seinem Kopf eher die Neugierde, das eigentliche verhältnis zwischen Leuten zu erforschen, die nach allem was er von Seldorf wusste, durch etwas anders als ihre politischen Meinungen verbunden sein mussten. Je länger er Rogern, dessen öffentlichen charakter er schon ehrte, so häuslich und doch anmassungslos von der Familie sprechen hörte, zu welcher sie gingen, desto ungeduldiger ward er, ihn noch einmal mit Sara beisammen zu sehen, und desto unwillkührlicher schmiegte er sich wieder in alles Gefällige hinein, was natur, Erziehung, Bildung ihm in