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in dem Landmann, wie der Südwind den befruchtenden Tau auf dem ewig toten Sand im heissen Afrika. Doch klage man den Genius der Menschheit, der über jene jetzt mit Blut gedüngten Streken weint, nicht an, dass er etwa keinem der vorgezognen Sterblichen, unter welche sie geteilt waren, den Wunsch zu beglücken eingegeben hätte. Nicht alle waren Tirannen, aber alle konnten die Mittel, selbst zum Beglücken, nur despotisch gebrauchen; sie mussten ihren Untertanen befehlen, weniger arm, weniger dumm, weniger gedrükt zu sein, und der wohltätige Strahl, den sie ausgehen liessen, diente weit mehr dazu, sie im Gefühl ihrer Gewalt zu bestätigen, als den Untertanen eine Ahnung ihrer Rechte zu geben.

Diesem Volk stand ein fürchterlicher Uebergang bevor, um zur Freiheit zu gelangen. Der Altar dieser Gotteit liess sich nicht unter den Mauern zakiger Rittertürme erbauen; er sollte auf dem Schutte der ländlichen Hütten errichtet werden, von den blutigen Schatten der ehemaligen Bewohner umschwebt, von Wittwen und Waisen bedient sein, und in einen Trauerschleier gehüllt, sollte die erhabne Göttin den dargebrachten Weihrauch empfangen.

Die ersten Jahre der Revolution hatten hier weniger Einfluss, als in den meisten andern Gegenden von Frankreich. Das Volk gebrauchte seine Rechte höchstens wie Vergünstigungen, und empfieng nicht Licht genug, um die neuen Vorteile als sein unbestreitbares Eigentum anzusehen. Der Widersezungsgeist der adlichen Herrschaften, welcher mit jeder Faser ihres Daseins verbunden, auch nur mit ihrem Dasein aufhören konnte, vermehrte in dem Fortgang der Zeit die Verwirrung in den Begriffen und den Erwartungen des volkes. Die alte Zuchtrute war zerbrochen, aber die neue Ordnung wurde nicht gelehrt; die alten Gözen waren dem volk genommen, aber die neue Gotteit wurde ihm nicht gepredigt: der Adel schmeichelte ihm, die Priester gossen das Gift ihres Hasses in seine Seeleso war der verklommene Sinn dieser verscheuchten Menschen bald zu einer fanatischen Heftigkeit gereizt, und das duldende Haustier zum Tiger umgebildet.

Der augenblick, in welchem Adel und Geistlichkeit die Geburt ihrer Herrschsucht und ihrer Rachbegierde an das Licht bringen wollten, nahte heran; mancher Edelmann, der seit der Revolution in beständigem Umherschweifen das Feuer der Zwietracht überall angefacht hatte, zog sich jetzt auf seinen Landsiz zurück, und erwartete in geschikt benuzter Ruhe das Zeichen zum Handeln. Während dass diese Menschen pralerisch und listig Volksliebe und Menschlichkeit zur Schau trugen, und auf diese Weise das unwissende Volk verleiteten, die Wohltaten der Freiheit mit ihrer eignen väterlichen Denkart zu verwechseln, und für jene demnach unverbesserlich blind zu bleiben, deuteten die Priester auf eine unglückschwangere Zukunft, umlagerten das Bett der Sterbenden mit Besorgnissen über das schicksal der Zurükbleibenden, verlasen in den Lehrstunden der Katechumenen die Geschichten der Märtirer und der Gefahren, welche die streitende Kirche bestanden hätte, und forderten am Altar die schaudernden Kommunikanten auf, ihr Leben für ihren Glauben zu opfern, und wie der Heiland, den ihre sündenbeflekte Hand austeilte, sich selbst zur Besiegelung der Wahrheit hinzugeben.

Unter den Adlichen, die um diese Zeit in ihre Stammgüter zurückkehrten, war L***, der Sohn eines alten Hauses, dessen Ahnen seit Jahrhunderten in C** bei Mortagne ihren Siz hatten. Ob die natur in diesem jungen Mann einen Satan unter der Form eines Helden verbarg, oder ob in ihm das schicksal eine Engelsseele zwang sich mit Werken der Finsterniss zu belasten, oder ob er einer von den Menschen war, die in einem gewöhnlichen gang der Dinge übersehen und unbemerkt, von ausserordentlichen Umständen fortgetrieben bald kühn, bald schwach, bald frevelnd erscheinendas wird vielleicht in einem Zeitpunkt, wo so mancher Göze in Staub zerfällt, und der Nachruhm selbst von dem Machtspruch der leidenschaft abzuhängen scheint, nie entschieden werden. Während der kurzen Zeit da sein Name genannt ward, war L*** in den Augen von mehreren Tausenden Feldherr, Heiliger, Wundertäter selbst nach seinem tod; aber weder seine Apoteose, noch die Flüche, die von einer andern Seite seinen Schatten verfolgen, deken die geheimen Triebfedern seiner Taten auf.

***, Seldorfs Landgut lag auf dem halben Weg von Saumür nach Mortagne, in einer Gegend, wo sehr häufige Zusammenkünfte des Adels gehalten wurden. Die nächsten Schlösser um *** gehörten Verwandten und Freunden von L***, und überdem hatte L*** ein besonders Interesse diesen Flek scharf zu beobachten, weil Seldorfs Unentschiedenheit in Rüksicht auf die eingeführten Neuerungen, und Bertiers bekannter kühner Eifer für die Sache des volkes ihm bei seinen politischen Planen nicht gleichgültig sein konnten. Den ersten, welcher ehemals Herr über einige hundert streitbare Männer gewesen war, bei denen es ihm auch jetzt nicht an Einfluss fehlte, in seinen Bund zu ziehen, über den andern, der ein Menschenalter lang der Verteidiger der Unterdrükten gewesen war, ein wachsames Auge zu behalten, gehörte allerdings mit zu den tief angelegten Vorbereitungen, von denen seine nachmalige Würksamkeit gezeugt hat.

Seine ersten Bemühungen, Seldorfs Bekanntschaft zu erlangen, waren in die Zeit von Teodors Entweichung gefallen; er hatte sich daher leicht beschieden, dass er in diesem traurigen augenblick, als ein Fremder, nicht den vertrauten Zutritt finden würde, den er suchte, und er versparte seinen Besuch auf eine gelegnere Zeit. Er hatte sich schon mehrere Wochen in C** und der umliegenden Gegend aufgehalten, als er an einem schönen Frühlingsmorgen, auf einem einsamen Spazierritt von einem schloss jenseits des Flüsschens Layon nach Chollet, einen angenehmen Seitenweg einschlug, den er, da ihm mehr daran lag, jeden Winkel des Landes kennen zu lernen, als schnell an den Ort seiner Bestimmung zu gelangen, gern verfolgte.