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legte, und ihn Sara fragte, woher die Blumen wären? antwortete er: vom grab des einzigen Wesens, das mir Liebe um Liebe gegeben hat. – Sara war bei diesen Worten von Wehmut durchdrungen, und schwur weinend, ihm ewig Liebe um Liebe zu geben. Mit einem matten Lächeln fuhr er sanft über ihre nassen Wangen, und sagte: um dessen sicher zu sein, müsste ich ja auch von deinem grab Blumen pflüken; so teuer soll ich doch meine überzeugung nicht kaufen?

Teodors Briefe entielten anfangs nichts, wie schwärmerische Beschreibungen von allen den zeitlichen Helden der ersten Konstitution; bald aber begann er, über die wichtigen Verbindungen, in welche er sich einliesse, geheimnissvolle Winke zu geben. Mit zitternder Hand empfieng nun Seldorf jeden Brief, der von seinem Sohne kam, und legte ihn, nachdem er ihn gelesen hatte, still vor seine Tochter hin; aber zu dem alten Bertier, der ihn dringend bat, seinen Sohn wenigstens vor den Fallstriken des Hofs zu warnen, sagte er kalt: da wo er wandelt, dringt meine stimme nicht mehr hin; diese Blätterhier legte er seine kalte abgezehrte Hand auf Teodors Briefesollen mir nur den augenblick andeuten, wo jede hoffnung zur Rükkehr verschwunden sein wird. – Das Gift des unheilbaren Grams nagte an seinem inneren; immer nach Täuschung ringend und immer getäuscht, hatte es seinem reizbaren Gehirn an einem Faden gefehlt, um von seinem lezten Unglück zu einer neuen hoffnung überzugehen; ohne Mut, diesen Faden zu suchen, machte er seinen Kummer zu seinem erkohrnen Liebling, und es bedurfte nur eines heftigen Sturms, um die wankende Hülle zu zerstieben.

Sara's Versöhnung mit Rogern war ihre einzige Stüze in dem traurigen Zeitpunkt, der auf ihres Bruders Entweichung folgte. Heiliger wie dieser edle junge Mann seine Versprechungen hielt, beobachtete nie ein Gottgeweihter seine Gelübde, die doch kaum der natur mehr widersprechen können, wie Rogers neue Verbindlichkeiten seinem Herzen. Sein Geist war durch das Unglück seiner Liebe um viele Jahre gereift, er hatte ernste Pflichten und harte Entsagungen vor sich, und dieser Wechsel seines Schiksals gab ihm eine Liebenswürdigkeit, die ihm wirklich ehemals gefehlt hatte. Seine fast rohe Lustigkeit milderte sich zur wohlwollenden Heiterkeit, und seine Gradheit, die in den feinen Zirkeln den Namen Zudringlichkeit erhalten hätte, bildete sich in eine edle Freimütigkeit um. Sara zog ihn bei allen ihren Sorgen zu Rate; er half ihr in ihren Geschäften, die durch Seldorfs zunehmende Schwermut und Teodors Abwesenheit, da diese beide sonst der Landwirtschaft vorgestanden hatten, sich sehr häufen mussten, und dieses ganze verhältnis befestigte natürlicher Weise Rogers Fesseln. Sara empfand den Wert seines Opfers, ihr Dank war nicht Liebe, und konnte nun nimmermehr Liebe werden; aber es war ein seelenvolles Gefühl, und um so spannender, als es sich auf einen Betrug der Fantasie gründete. Kummer um ihren Vater, Furcht bei Teodors unsicherm schicksal, bange Erwartung bei der Entscheidung, welche nun über das Vaterland schwebtealles in ihr und um sie riss sie über die gewöhnliche Höhe weiblicher Empfindungen empor; in dieser Lage lohnte sie Rogern mit unbedingtem Vertrauen und der kindlichsten Herzlichkeit, aber ihm standen noch härtere Prüfungen bevor, die zwar nie seine Treue, wohl aber seine Kräfte besiegten. Der ganze Landstrich von la Rochelle bis zur Loire, alles was zu den ehemaligen Provinzen Bretagne, Poitou, Anjou und Touraine gehörte, war schon in verschiednen Zeitpunkten der französischen geschichte ein Schauplaz bürgerlicher Unruhen, blinden Eifers, und derjenigen hartnäkigen anhänglichkeit für Meinungen gewesen, die gewöhnlicher Weise aus dem Zusammentreffen von Kraft, Rohheit und Unwissenheit entsteht. Die nämlichen Ursachen, welche zur Zeit der Religionskriege diese Stimmung der Gemüter in dieser Gegend hervorbrachten, fanden auch jetzt statt. Mit körperlicher Kraft ausgerüstet, unter einem Himmelsstrich, wo die natur es freundlich zum Lebensgenuss einlud, war dieses Volk durch die Verfassung weniger gequält als beschränkt; alle Fesseln des Geistes und der bürgerlichen Existenz erbten von Vater auf Kinder fort; heute wie vor hundert Jahren baute der Landmann, in ärmliche Lumpen gehüllt, an seiner leimernen Hütte den kleinen Flek, dessen Ertrag ihm keine Freude machte, weil ihm das Gefühl des sichern Besizes fehlte, das allein in dem Menschen schaffende Kräfte erwekt. Gleichgültig sah er viele Meilen weite Streken des schönsten Landes unbearbeitet liegen, indem sein Aker nicht hinreichte, seine Kinder mit schwarzem Brod zu sättigen; jedes Wechsels zum Besseren ungewohnt, kam auch kein Plan von Verbesserung in sein dumpfes Gehirn. Die einzige leidenschaft dieser Menschen war ihre Religion, denn die Drohung mit der Hölle, und das freche Versprechen ihrer Priester, sie mit dem Gott zu versöhnen, aus dessen Barmherzigkeit die Sünder ihren ausschliessenden Handel machten, trieben sie in einem ihnen angemessenen, engen Krais von Furcht und sinnlosem Hinbrüten bei ihren ärmlichen Genüssen umher. Ihre lebendige Gotteit auf Erden mussten ihre Gutsherren sein, denn ob sie gleich ihre Spur öfter durch Druk und Elend als durch Wohltat erkannten, so mussten diese blinden Geschöpfe dennoch durch die Würkung ihrer Allgewalt an sie gefesselt werden. Diesen Druk und diese Gewalt stellte das ganze Land gleichsam sinnbildlich dar: zahllose Schlösser und Rittersize, die von ihren Höhen herab die finstern Hütten der Armut beherrschten; grosse Forsten in welche der halbnakte Bauer das übermütige wild zurücktrieb, das ihm, troz seiner Wachen in den kalten Frühlingsnächten, die junge Saat verwüstete; unabsehliche Heiden, deren tote Stille die herrschaft ihres mächtigen Besizers würdig ehrte. Der Hauch der Tirannei verzehrte den Geist des Fleisses