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alle im Irrtum. Aber so ungestraft lief die kleine Kekheit nicht ab, denn Sara musste sich nun über Bertiers Hand beugen, um ihre Röte zu verbergen; und zu furchtsam ihre Augen zu troknen, fielen ein Paar Tränen auf die Hand des alten Mannes, der gerührt und betroffen das geheimnis der jungen Leute jetzt ahnete.

Bei einbrechendem Abend fing man an, nach Teodor zu fragen; da man aber sein weites Umherschweifen gewohnt war, so beunruhigte sich weiter niemand. Nur Roger ward nachdenkend, und ging gegen das Ende der Abendmahlzeit aus dem Zimmer. Nach einer kleinen Stunde kam er zurück, mit einem Gesicht in welchem sich Wehmut und sorge mahlten; er überreichte Seldorf einen Zettel, indem er mit zitternder stimme sagte: ich würde Sie durch Schonung und Umschweife zu beleidigen glauben. – Was ist es? rief Sara, und sprang erblassend von ihrem stuhl auf. – Teodor ist auf dem Weg nach Paris, antwortete Roger. Sara warf beide arme um ihres Vaters Hals, und verbarg mit dem bittenden Ausruf: Verzeihung, mein Vater, Verzeihung! ihr Gesicht an seiner Brust. Seldorf hatte das Papier gelesen, legte es vor sich hin, und machte sich unfreundlich aus den Armen der weinenden Sara los, so dass sie an seiner Seite auf die Knie sank, und ihren Kopf auf seinen Schoos legte, und das fürchterliche Schweigen ihres Vaters nur durch ihr Schluchzen unterbrach. Anfangs arbeiteten auf Seldorfs Gesicht die heftigsten Leidenschaften; Zorn, Schmerz, Bitterkeit wechselten darin ab; nach und nach schien tiefer Gram seine Züge zu versteinern; und wie selbst der alte Bertier eine Träne abwischte, welche das Leiden des unglücklichen Vaters ihm entriss, fragte Seldorf mit eiskaltem Ton: Herr Roger, als Mann von Ehre sagen Sie mir, wussten Sie von Teodors Verräterei? Die Hand auf das Herz, und mit einem blick, dessen Himmelsklarheit den Unglaubigsten überzeugt hätte, antwortete Roger: bei meines Vaters grauem Haar, bei meinem Vaterland schwöre ich, ich habe ihn sechs Monate von diesem Schritt abgehalten, und wusste von dessen Ausführung nichts. – Gut, fuhr Seldorf fort, ich hätte mich auch nicht gern von allen betrogen gesehen. Sara, dich weiss ich unschuldig, der Unglückliche schreibt es, und du könntest mich nicht betrügenhier wollte sein Auge nass werden, er drängte die Träne zurück. – Er richtete Sara's Kopf empor, und sprach weiter: ich will Teodorn nicht verstossen, den unseligen jungen Menschen wird die Strafe des Undanks mehr drüken, wie mich mein Kummer. Mein würdiger junger Freund, schreiben Sie ihmnein, weiter nichts als er sollte Wort halten, und uns alles berichten was er täte. Schreiben Sie ihm, da er vor dem anblick meines Grams geborgen wäre, sollte er wenigstens, was er auch tun möchte, aufrichtig gegen mich sein. – Er stand nun auf, nahm ruhig von Bertier Abschied, und sagte ihm mit einem matten Händedruck; ich hatte einen heitern Abend; es tut mir leid dass den guten Kindern hierindem er auf Sara und Roger zeigteihr froher Mut so gestört wurde. – Bertier, welcher zu weise war, um jetzt trösten zu wollen, liess ihn fortgehen: sein ehrwürdiges Gesicht bezeugte ohnehin seine Teilnahme. Roger begleitete sie, und erzählte unterwegs, auf Seldorfs Frage, wie er zu dem Billet gekommen? dass ihn einige Worte, welche Teodorn diesen Nachmittag bei einem Streit über sein Vorhaben, nach Paris zu gehen, entfahren wären, wegen seines langen Aussenbleibens beunruhigt hätten, dass er im dorf nach ihm gefragt hätte, und dem Boten begegnet wäre, welcher Teodors Brief aus Saumür gebracht hätte. Vor Seldorfs Haus bat er Sara heimlich, einige an ihn gerichtete Worte ihres Bruders ohne Vorwissen des Vaters zu lesen. Sara fand folgendes:

"Die Höhe der Empfindung, auf welche Ihr männlicher Edelmut und Sara's wiederkehrendes Glück mich gespannt haben, geben mir die nötige Stimmung um einen Schritt zu tun, vor welchem ich um meines Vaters willen zitterte. Ich verlasse euch; ersezt ihm seinen Sohn, bis ergewiss seiner würdigwiederkehrt." Mit fürchterlichem Zwange hatte Seldorf sein Herz gehalten, er eilte jetzt wankend auf sein Zimmer, wo selbst Sara's bange Tränen um ihres Bruders schicksal ihn nicht aus seiner Dumpfheit rissen. Der einzige Gedanke, durch welchen Sara, wenn sie ihn in seinem Herzen hätte lesen können, sich überzeugt haben würde, dass ihr Vater nicht gegen alles Gefühl erstorben wäre, überraschte ihn durch eine sinnliche Täuschung, wie er tränenlos den Kopf auf sein Küssen legte. Es schmiegte sich so kühl an sein brennendes Gesicht; indem er sich dichter hineindrükte, dachte er mit ruhiger sehnsucht: wäre es doch das kühle Grab! und schlief ermattet ein. Der folgende Tag und viele andere kamen und verflossen, und Seldorfs Stille blieb sich gleich; er sprach von Teodor, öfters und ruhig, mit der Absicht seine Tochter zu überzeugen, dass kein Groll und keine Bitterkeit in seinem Herzen verborgen wären. Wenn aber ein Fremder in das Zimmer trat, oder der anblick irgend eines neuen Gegenstandes ihn überraschte, fuhr er zusammen, und geriet über die gleichgültigsten Dinge in eine kranke Heftigkeit. In dieser Zeit schien Antoinettens Andenken sich lebhaft in ihm zu erneuern; er erinnerte Sara an manchen kleinen Umstand ihres Lebens, und eines Abends, da er mit einer Handvoll Blumen nach haus kam, die er tiefsinnig auf seinen Tisch