zu jung, oder sie misversteht die stimme der natur, indem sie dich flieht, seit du mit allen Ansprüchen deines Geschlechts dich ihr nahest. Gieb sie auf; du bist jung und unverdorben, du kannst in späteren Jahren noch lieben. Roger, wie deine Grosmutter mir ihre Hand gab, war ich zwölf Jahre älter als du; und hätte ich nicht damals geliebt, so würde ich jetzt dich nicht verstanden, und dir nicht verziehen haben. Und ich, im Druk des Unrechts aufgewachsen, liebte doch noch so spät; wie viel länger muss nicht eines freien Mannes Herz jung bleiben! Sind mir doch unsre Jünglinge immer verhasst gewesen, mit ihren früh weisen oder verbrauchten Herzen – Rogern war bei diesem freundlichen Geschwäz seines Grosvaters nicht anders zu Mute, wie einem, der sich in der dringenden Gefahr sähe blind zu werden, und dem man zur Aufheiterung von der Pracht des künftigen Frühlings vorspräche. In der nächsten einsamen Stunde suchte er einen Entschluss festzuhalten, und ging nach Seldorfs Haus.
Er fand die beiden Geschwister in einem eifrigen Gespräch, dessen Inhalt, nach Sara's verweinten Augen zu urteilen, sehr angreifend für sie gewesen sein musste: aber bei Rogers Eintritt suchte sie ihren Kummer zu verbergen, und verliess nach wenigen Augenbliken das Zimmer. Rogern gab der Zwang, den er ihr auflegte, einen Stich in's Herz; indessen zog sein Freund jetzt seine ganze Aufmerksamkeit auf sich, indem er ihm mit der grössten Entschlossenheit verkündigte, er wolle das väterliche Haus verlassen. Ich muss, sagte er, vor jedem Burschen im dorf erröten, der frei mit seinen Kameraden sprechen darf; und mancher Jüngling in meinem Alter wurde schon mit dem Vertrauen seiner Mitbürger beehrt. Ich muss es von mir scheuchen, weil mein Vater mich in Fesseln hält. Glaubst du, ich hätte die unsichern, zurückhaltenden Blike nicht bemerkt, mit welchen deine Freunde und Brüder, die neulich von Saumür kamen, mich ansahen? Bedurfte es nicht der wiederholten Erklärungen deines Vaters, um einige Offenheit in ihr Betragen zu bringen? – Roger wusste seiner Heftigkeit keine Gründe entgegen zu sezen, und fühlte das Peinliche von Teodors Lage zu lebhaft, um ihm in diesem Stük zu widersprechen; er suchte ihn nur an den ungewissen Erfolg einer Flucht, und an den allzusichern Kummer seines Vaters zu mahnen. über Teodors Gesicht ergoss sich bei dieser Vorstellung eine höhere Röte, er ging unruhig im Zimmer umher; und indem er Sara, die eben wieder hereintrat, bei der Hand ergriff, und sie zu Roger führte: Ihr sollt ihn trösten, rief er, Ihr sollt ihn fühlen machen, dass ich hier unnüz verglühe, und ehrlos veralte. Sara verstand den Sinn dieser Worte nur halb; als aber Teodor fast gewaltsam Rogers Hand und die ihrige zusammendrükte, erwachte ihre gewöhnliche Zurükhaltung, und sie sagte mit matter stimme: O Bruder, folge dem Rat deines Freundes; der Trost den du deinem Vater zugedacht hast, möchte ihm nachher gebrechen. Zugleich zog sie ihre Hand weg, und sezte sich an ihren Arbeitstisch. Vielleicht hatte ihr das Zweideutige in der lebhaften Aeusserung ihres Bruders diese Antwort eingegeben, die einen sehr bittern Sinn für Roger entalten konnte. Im ersten augenblick fühlte er seinen Stolz so heftig beleidigt, dass er sich abwandte, um seine Bewegung zu verbergen; als er aber wieder auf Sara blikte, und ihrem reuigen tränenvollen Auge begegnete, stand die notwendigkeit, seinen Entschluss auszuführen, wieder lebhaft vor ihm, er machte sich von Teodorn, der ihn noch immer hielt, los, und ging mit einer gewaltsamen Aeusserung seines Muts auf Sara zu. Sein hochklopfendes Herz versagte ihm anfangs die stimme, und erst wie er einige Augenblike gesprochen hatte, ward seine Brust freier. Sara, sagte er, und ergrif eine ihrer hände, lassen Sie uns unsern ehemaligen Frieden wieder finden; geben Sie mir für das unaussprechliche Glück, dem ich von heute an entsage, das Vertrauen zurück, das ich noch heute verdiene. Ich will wieder Ihr Freund, Ihr Ratgeber sein, und kann es besser wie sonst; denn wahrlich, wahrlich, das Gelübde, das ich hier ablege, muss mich weiser machen, oder es würde mir den Verstand kosten. Sie können mich nicht lieben, Sie können es so wenig, dass Sie – Sie Engel an Güte! hart und ungerecht darüber wurden, dass Sie ein reines treues Herz, ein Herz das noch jetzt, da es alles verloren hat, Ihnen seine schönsten Freuden verdankt, grausam zerrissen haben. – Sara hatte bei Rogers ersten Worten erschroken aufgeblikt, und ihm nachher ängstlich zugehört, bis sie jetzt mit einem Strom von Tränen ihn unterbrach: Nein, mein armer teurer Freund, ich war nicht grausam, ich war bang und gequält! Nie sah ich Ihr Auge trüb, ohne dass mein Herz die bittersten Qualen litt; ich litt mehr als Sie, denn ich tat Unrecht, wider Willen Unrecht – Ja wider Willen, unterbrach sie Roger, das weiss ich, das fühlte ich, und sonst wäre meine Liebe erloschen. Nun aber, Sara, lassen Sie uns Schwur gegen Schwur tauschen. Um mich zu retten, um Ihr weiches Herz vor Reue zu schüzen, lassen Sie nun diesen fürchterlichen Zeitpunkt vergessen sein, lassen Sie mich wieder in die Rechte eintreten, die ich an jenem Abend verlor – Sara verstand ihn wohl, und schlug errötend die Augen nieder. Roger sah sie ernst und gerührt an, und fuhr