Sara. Wenn du einst älter bist, wirst du lernen, dass es weibisch wäre, wenn Knaben und Männer liebten und trösteten, wie es deinem Geschlecht wohl ansteht, es zu tun.
Sara verstand ihres Vaters Worte kaum zur Hälfte, denn sie war sehr jung und einfach; aber eben dieser Einfalt prägte sich der Sinn dieser Worte, für welchen die natur das weibliche Herz so empfänglich gemacht hat, tief ein, und mit demselben achtung für den Unterschied zwischen ihrem Gefühl und dem, was ihr Vater als Eigenschaft des Mannes zu bestimmen schien, liebende Behutsamkeit, in den beiden Geschöpfen, die sie so innig ehrte, diesen Unterschied nicht zu beleidigen.
Es kam Seldorf darauf an, unverzüglich einen ländlichen Aufentalt zu finden, und er hatte hiezu bloss die Mühe der Wahl, denn in der Hauptstadt waren eine Menge Gutbesitzer ungedultig, einen teil ihres väterlichen Erbes in fremde hände zu bringen, um in dem glänzenden Wirbel, wo sie sich wie Strohhalme im Weltmeer umtrieben, sich einen augenblick länger eine lügenhafte Wichtigkeit zu geben. Er entschied sich für ein artiges Landhaus, von welchem ein kleines Dorf und ziemlich ansehnliche Ländereien abhiengen, das die reizendste Lage hatte, und von allem Geräusch und Ueberfall von Müssiggang so entfernt war, wie es in einer Provinz sein konnte, wo es Rittergüter, alte Schlösser mit Türmen und Gräben und allen feudalischen Ehrenzeichen in zahlloser Menge gab. Das Haus war zulezt von der verwitweten Gräfin ** bewohnt gewesen, die es als Witwensiz besessen hatte, und nach deren tod es ihres Mannes ältestem Sohne aus seiner ersten Ehe zugefallen war. Diese arme Dame, welche durch verschiedne Umstände sehr wider ihren Willen vom Hof entfernt gehalten wurde, hatte alle Laster, aus welchen die Bewohner jener erhabenen Sphäre die Fesseln schmieden, mit denen sie lächelnd sich selbst geisseln, unter die Einwohner dieser Gegend gebracht. Zu alt, zu beschränkt in ihren Glücksumständen, und zu verlebt, um einen Zirkel von Menschen ihres Standes um sich zu versammeln, hatte sie Neid, Intrigue, Raubsucht, Hass, und alle Würkungen, die es in dem Menschen hat, wenn er nicht allen Menschen anzugehören glaubt, in die täglich würksamen Verhältnisse des häuslichen und ländlichen Lebens übergetragen, ihre Untertanen gedrükt, ihre Nachbarn verscheucht, ihr Gesinde verschlechtert. Nach ihrem tod sahen sich die Untertanen mit dumpfer Gleichgültigkeit in eines neuen Herrn Gewalt kommen, indess mancher unter ihnen weinen mochte, wenn er aus Not gezwungen war, sein leztes Pferd einem andern Eigentümer zu überlassen. Dass sein Pferd es besser oder schlimmer haben konnte, wusste er, da er selbst viele Jahre lang sein schwarzes Brod zwischen diesem Tiere und seinen nakten Kindern geteilt hatte; aber dass die Bauern jemals von einem Herrn besser als von dem andern wären behandelt worden, hatte ihm sein alter Vater nie erzählt. Seit vielen Menschenaltern ohne Genuss von sicherm Eigentum, von Liebe oder Dank, sahen sie fühllos die lächelnde Sonne ihre Fluren bescheinen; die Trauben die sie rötete, die Saaten die sie reifte, gehörten nicht ihnen; sie kannten ihre Würkung nur von dem Schweiss der bittern Mühe her, der ihre erniedrigte Stirne benezte. Nie hörte man sie von dem Segen ihrer Arbeit sprechen; wenn sie nach einem schwülen Tag finster vor ihren Hütten sassen, erzählten sie sich höchstens von dem Hagelwetter, dessen Verwüstungen ihnen Brod und Obdach nahmen. Unglücklich fühlten sie sich nicht, denn es fiel ihnen nicht ein, sich mit Glücklicheren zu vergleichen; hätten sie das gekonnt, hätten sie gar sich mit ihren prassenden Herren zu vergleichen gewagt, es wäre schon der erste, gefährliche Schritt zum Erwachen aus ihrer Dumpfheit gewesen. Die seelentödtende Erniedrigung dieser armen Menschen bestand gerade darin, jenes Geschlecht, das sie von allen Ansprüchen der Menschheit ausschloss, für erhabener als sich selbst zu halten; und erwachte je ein Funken von Ehrgeiz in ihnen, so befriedigten ihn glänzendere Zeichen ihrer Dienstbarkeit.
So waren die Einwohner dieser Gegend, und die paar hundert Menschen beschaffen, über welche Seldorf nun zu gebieten hatte. Dieser Mann hatte früh denken gelernt, er hatte früh seinen Geist bereichert; aber in der Einsamkeit erzogen, hatte er den Menschen nur in seinem eigenen Herzen studiert, und das Ideal, was er hier fand, leitete ihn auf einen Pfad, wo er ohne gefährten blieb. Nirgends begegnete ihm in der Würklichkeit die hohe Tugend, nach welcher er strebte, die er allein seiner würdig hielt. Oft glaubte sein warmes Herz ihre Spur gefunden zu haben, er verfolgte sie eifrig, und immer sah er sein schönes Bild in Luft zerfliessen. Doch riss ihn keine Erfahrung von seinen Schwärmereien los, bei jeder ward ihm vielmehr sein Ideal teurer, bei jeder strahlte dessen Glorie heller, und bedekte neues Dunkel den Pfad seines Lebens. Er sehnte sich nach Mitgefühl, und wachte zu streng über sich selbst, um die Einsamkeit seines Herzens seiner Vortreflichkeit zuzuschreiben. Indessen sah er sich oft mit Beifall umringt, wenn er sich kleiner Antriebe bewusst war, und oft erging über ihn das strengste Gericht, wenn seine schöne Seele im Gefühl ihres Adels glühte. Mistrauen gegen den Schein der Tugend musste also mit Geringschäzung fremden Urteils in ihm entstehen. Bei einem kältern Herzen wäre er ein Menschenverächter geworden. Aber Seldorf konnte sich nur von den Einzelnen losreissen, unter denen ihn so viele betrogen und verkannten, um das ganze Geschlecht mit desto innigerem Wohlwollen zu umfassen.
Verschiedne Umstände verschafften ihm schon in früher Jugend, ob er gleich in Deutschland geboren,