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, dass Sara ihren Kummer vor ihm verbarg, seinen Trost als einen Anspruch auf ihre Liebe von sich stiess, und ihn in den Fällen, wo sie ihn sonst als ihre Stüze aufgesucht hatte, gerade am sorgfältigsten zu meiden schien. Dieser bittern Prüfung unterlag seine hoffnung. Er hatte so innig, er hatte nur einmal geliebt; denn was er in unversehrter Jugendkraft je bei andern Mädchen empfunden hatte, war durch Sara's Bild längst verwischt, oder bis zur Unkenntlichkeit geheiligt. Wie in den Frühlingstagen ein lauer Regen aus allen Keimen blühendes Leben hervorruft, so hatte diese Liebe die letzte Hand an die Schöpfung seiner Jugend gelegt, und eine Welt von Seligkeit in ihm entwikelt. Das alles war nun zerstört, er sah sein Herz verschmäht, und hatte mit Sara's Vertrauen und Freundschaft alles verloren, was ihm so lange die Liebe ersezte, und was ihn jetzt alleindoch wie ärmlich für sein verlangendes Herz! – für Liebe entschädigen konnte. Innig trauernd, aber voll weiser Güte beobachtete der alte Bertier seinen zerstörten Lebensgang; wenn er mit immer neuer Fehlschlagung von Seldorf zurückkam, fragte ihn der Greis wohl mit stiller Besorgniss: Roger, warum glüht dein Gesicht? wie kannst du so finster und stumm sein? – Hatte er den ganzen Tag eifrig gearbeitet, und alle seine Geschäfte mit angestrengtem Mut vollendet, und sass dann tiefsinnig neben dem Vater, so strich ihm dieser sanft mit der Hand über die Stirn, und sagte mit einem Ton, der, aus Besorgnis wie Vorwurf zu klingen, zitterte: sonst warst du heiter nach erfüllter Pflicht! – Oft war der junge Mann im Begrif, seine graue Erfahrung um Waffen gegen eine leidenschaft zu bitten, die seinen männlichen Stolz zu stürzen drohte; aber er schämte sich, einem Mann, der stets nur für andre gelebt hatte, eine Empfindung zu gestehen, die ihn von allem ausser sich selbst abzog. Oft wollte er Teodorn zu seinem Vertrauten machen, und in seiner Brust das Gelübde, mit seiner leidenschaft zu kämpfen, niederlegen; aber sein Stolz fürchtete in ihm einen Fürsprecher bei Sara, und in einem geheimeren Winkel seines Herzens lauerte noch eine andre Furcht: an einem Bruder, der stets die Wünsche seiner Schwester geteilt hatte, einen Verbündeten ihrer Abneigung zu finden.

In diesem Zeitpunkt, der so leicht den braven jungen Mann zu einem verfehlten Dasein hingerissen hätte, wurden die Wolken sichtbarer, welche sich über die Angelegenheiten des Staates türmten. Aus dem scheinbaren Frieden zwischen unverträglichen Parteien drohten schon ziemlich sichre Anzeichen der künftigen Verwirrung, und in allem was getan wurde, um ihren Ausbruch zu verschieben, lag bloss die Vorbedeutung, wie viel fürchterlicher er darum sein würde. Hauptsächlich über die vorgehabte Reise des Königs nach Saint-Cloud, und über die Bewegungen durch welche sie verhindert ward, begannen in der damaligen Zeit auch in den Provinzen die Meinungen, die Vorurteile, die Leidenschaften, die kühnen Vorgriffe, für welche so viel Bluts fliessen sollte, schon gegen einander zu gähren. Aber mit bitterm Schmerz sah Bertier, wie tief Rogers Herz verwundet sein musste; denn still und kaum gerührt empfieng der Jüngling die wichtigsten Nachrichten, und kalt hörte er den ernsten Weissagungen des Grosvaters zu. jetzt blikte der ehrwürdige Greis in des Jünglings verfinstertes Gesicht: Roger, es kommt die Zeit, wo du deinem Vaterland deine Kräfte, deine Tugenden als ein Kapital vorschiessest, für welches dich vielleicht das Glück deiner Kinder erst lohntdas Glück meiner Kinder! wiederholte Roger halb vernehmlich; für mein Glück wäre die Rechnung also doch geschlossenBertiers erste Bewegung war ein blick, in welchem Zorn und Unwille blizten; er schlug ihn bald nieder, und sagte nach einer Stille, in welcher Rogers Seele mit Schaam und Kummer kämpfte, mit einer stimme, die in jeder andern Brust zum Schrei des Schmerzens geworden wäre: wohl mir, dass ich dem grab so nah bin, denn ich werde nicht sehen wie meine Enkel vor ihrem Vater erröten! – Zitternd sezte er nach einem kurzen Schweigen hinzu: Solltest du denn wirklich verloren sein, für Tugend und Vaterland verloren? Länger hielt es Roger nicht aus, er stürzte zu Bertiers Füssen, und rief ausser Atem von dem Streit in seinem inneren: Nein Vater, ich bin nicht verloren, dein Sohn gehört dem Vaterland; dem soll er allein angehören, höre meinen Schwur, und verzeih meinen Irrtum; ich opfre dem Vaterland Kraft und Tugend bis in den Tod, wenn gleich nie das Glück meiner Kinder mich belohnen wird! – Schwörst du, Roger? schwörst du das? Ist dein Schwur dir heilig, so scheide ich mutig von hinnen, denn du sezest mein Leben fort, und nahe an ein Jahrhundert fortdauerndes Dulden von Unterdrükung wird durch deinen Kampf um Freiheit gelohnt. Wären die Wünsche deiner Liebe dir wichtiger als die Forderungen deiner Nation, so hätte ich umsonst gelebt. – Bertiers letzte Worte hatten Rogers Stolz aufgerufen; er sammelte genug Unbefangenheit, um seinem alten Vater die Lage seines Herzens und die Fehlschlagung seiner Hofnungen zu gestehen. Voll Güte sagte ihm der würdige Greis, dass nicht seine Wünsche allein betrogen wären, dass auch er durch Sara's Abneigung eine Tochter verlöre, die er sich lange ausersehen, auf welche sein blick schon gefallen wäre, noch ehe die Umstände seine Plane begünstigt hätten: ein braver Bürger soll Gatte und Vater sein, und gegen dieses reizende Mädchen wären diese Pflichten doppelt süss gewesen! Gieb sie auf; sie ist