keinen Vorzug darin. Seitdem ihres Vaters traurige Strenge gegen Teodors denkart die Kinder unvermerkt zu einem heimlichen Bund gegen ihn verleitet hatte, war eine Vertraulichkeit in ihr verhältnis gekommen, durch welche Rogers brüderliche Herzlichkeit sich allmählich in Liebe verwandelt hatte, während dass Sara in dem nämlichen verhältnis ihre Unbefangenheit gegen ihn verlor. Es bedurfte eines Zufalls wie jenen, wo Rogers warmes Blut seinem Herzen das Rätsel löste, um Sara den Unterschied zwischen Freundschaft und Liebe zu erklären. Die Stunde war nun gekommen, und sie entriss ihr ihren treuesten Freund, ihren Jugendgefährten, den Schuzgeist ihres Teodors. Sie fing an, den Mann zu verabscheuen, der sie zuerst die Liebe kennen lehrte, ohne ihr Liebe einzuflössen; ihre Sinne empörten sich gegen den Mann, der sie belebt hatte, ohne ihnen zu gefallen. Das reine unschuldige geschöpf litt unter allen diesen neuen Empfindungen. Tausendmal dachte sie ihre Gefahr, und ihre Rettung, und ihren Dank; wenn sie aber Rogers liebeglühenden blick, und die Heftigkeit zurückrief, mit welcher er sie an seine Brust drückte, so hätte sie sein Bild aus ihrem Gedächtniss vertilgen, und nur ihre Dankbarkeit behalten mögen. Sie fürchtete seinen nächsten anblick, und warf sich vor, ihm nicht freudig entgegenzusehen, da er so edel, und selbst um seiner Liebe willen so edel war; denn wusste sie nicht jetzt, wie lange schon seine Freundschaft Liebe war? und musste sie nicht erkennen, wie ehrend der Ausbruch seiner leidenschaft für sie war? Sie war einfach genug, um ohne Selbstbetrug die mögliche Zukunft, die seine Liebe ihr bereiten könnte, zu berechnen; aber sie blieb erstaunt stehen bei dem Widerwillen, mit welchem ihr Herz das Bild des häuslichen Glücks von sich stiess, wo Roger die Hauptrolle an ihrer Seite spielte. Bei diesen widersprechenden Empfindungen mussten ihre Aeusserungen eben so ungleich sein. So oft von ihrer Gefahr Erwähnung geschah, gab sie ihre Dankbarkeit für ihren Retter mit desto mehr Eifer zu erkennen, als es ihr dünkte, ein jeder, der davon spräche, blikte in ihr Herz, und sähe ihren Undank gegen seine Liebe. Sass sie still in ihr Sinnen vertieft, und man nannte seinen Namen, so errötete sie, und fuhr auf, als wäre davon die Rede wie er sie in seine arme gedrükt. Man war so wenig gewohnt, Rogern so lange abwesend zu sehen, dass ihn Teodor zweimal aufsuchte; da er ihn aber immer in der heitersten Laune von der Welt, aus allen Kräften arbeitend fand, und vom alten Bertier hörte, dass er seit zwei Tagen es so triebe, als wollte er die Arbeit aller vier Jahrszeiten in acht Tagen vollenden: so nannte er ihn einen närrischen Menschen, gerade jetzt so viel zu schaffen, da Sara wegen der Folgen ihres Schrekens das Zimmer hüte, und er ihr wohl Gesellschaft leisten könnte.
Als Roger endlich wieder bei seinen jungen Freunden erschien, empfieng ihn Sara mit dem festen Vorsaz, durch ihr Betragen ihre Entdekung und ihr widerspenstiges Herz zu verbergen. Doch dieses Herz war so weich, so innig in allen seinen Gefühlen, dass sie bei Rogers erstem anblick mehr wie das tat; sie vergass alles, und eilte ihrem Retter mit glänzendem Auge entgegen, und mit einer stimme, in welcher ein Reichtum von Liebe war, der den gleichgültigsten erwärmt hätte, die aber der junge Mann sich kaum entalten konnte, kniend zu vernehmen, dankte sie ihm, und warf ihm vor dass er so spät käme seine Errettete zu sehen. Armer, armer Roger, um die Ahnung des höchsten Glücks zu behalten, hättest du dieses Glück nicht sollen zu achten scheinen! Hingerissen von ihrer Güte, überliess sich nun sein einfaches Herz seinem Gefühl, seinem Genuss der Liebe; so wie es aber mit Zutrauen sich ihrem Herzen nahte, stieg ihr Widerwillen wieder auf, und ward mit jedem augenblick, wo sie den Freund so sorglos geehrt hätte, heftiger gegen den Liebhaber. Von nun an war der Friede ihrer Seele geflohen; denn sie, die nur in Andrer Glückseligkeit lebte, sie sah wie sie das Wohl des Mannes zerstörte, der in der kleinen Welt ihres Herzens eine so wichtige Stelle einnahm; sie sah immer mehr, wie Teodor durch die Gewalt, welche die grossen Angelegenheiten der Zeit über ihn gewannen, von ihr abgezogen wurde; und ihr Vater, der ungeachtet ihrer Bemühungen Frieden zu erhalten, seinen mit jedem Tag zunehmenden Entusiasmus bemerkte, sezte ihm allentalben despotische Unterdrükung oder bittre Kälte entgegen. Wie oft, wenn sie sich nicht hatte erwehren können, Rogers herzliches Bemühen ihr zu gefallen, bloss mit entfremdender Freundlichkeit zu beantworten, beweinte sie die Zeit, wo sie mit offnem blick ihm entgegen ging, und ihm ihre Unruhe und Sorgen klagte, ihn bat ihres Teodors Eifer zu mildern, und endlich, durch seine herzliche Munterkeit erwekt, ihre Sorgen vergass!
Bei Rogers völliger Unbekanntschaft mit dem weiblichen Herzen, und einem charakter, der keiner traurigen Voraussezungen fähig war, brauchte es einige Zeit, eh er aus seinem frohen Traum erwachte. Geliebt glaubte er sich zwar nie, aber um den Lohn seiner Liebe zu ringen hatte er lange Mut und Beharrlichkeit. Ein gerechtes Selbstgefühl und die Erfahrung einer Reihe von Jahren überzeugten ihn von Sara's achtung; ob aber jetzt ihre zunehmende Zurükhaltung, ihre ungleiche Stimmung, die von wehmütiger Güte zu zurückstossender Lustigkeit wechselnd überging, mädchenhafte Laune oder Abneigung sei, darüber lag seine Liebe mit seiner Vernunft noch im Streit. Endlich musste er doch wahrnehmen