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. Das Tier erblikte sie, hielt sie für den ihn angreifenden Feind, und verfolgte sie mit wütendem Ungestüm. Umsonst schrie Sara um hülfe, niemand war in der Nähe; sie flog mehr als sie lief, und von der Angst verblendet eilte sie in den engen Fusspfad, wo von jeder Seite mannshohe Mauern die Weinberge stüzten. Der Stier folgte ihr auf dem Fuss; ihre erschöpfte Brust, der steinige Boden, das Schnaufen des wütenden Stieres, alles machte ihr jeden Schritt, den sie tat, als den lezten fühlen dessen sie fähig wäre. jetzt strauchelt sie wirklich, und stürzt mit einem lezten schwachen Schrei zu Boden; Sara war verlorenDoch im nämlichen augenblick sprang Roger etwas höher am Weg die Mauer herab, flog neben Sara vorüber auf den Stier zu, der mit gesenkten Hörnern und gesträubtem Haar nur noch einige Schritte von dem Mädchen entfernt war, fasste ihn an beiden Hörnern, und indem er seine ganze Stärke auf einen Arm legte, stürzte er ihn damit seitwärts auf den Rüken.1

Schnell eilt er zu Sara zurück, die noch am Boden liegt, fasst sie in seine arme, und geht einige dreissig Schritte bis an eine niedrige Stelle der Mauer, über welche er in seines Grosvaters Baumgarten springt, eh das um sich schlagende Tier wieder aufrecht steht. Er hatte im Weinberg gearbeitet, als ihn Sara's Geschrei aufmerksam machte, er begriff nicht sogleich von welcher Seite es käme, aber der Trieb zu helfen hatte ihn den einzigen Weg zu ihrer Rettung geführt. jetzt hielt er sie noch in seinen Armen, und rief einige Leute, die sich ihm näherten, um hülfe für sie. Sie war nicht ohnmächtig, aber ein konvulsivisches Zittern und Schluchzen schien sie gegen alles, was um sie her vorging, fühllos zu machen. Bang und erwartend redete ihr der Jüngling, sich seiner eignen Worte unbewusst, mit den zärtlichsten Ausdrüken zu, als sie endlich in Tränen ausbrach, und ihr Gesicht an seine Schulter verbarg. Sara, liebste Sara, hier sind Sie ja sicher! rief er mit dem innigsten Ton, und drückte sie mit beiden Armen an sich. Waren es diese Worte, oder die erleichternden Tränen, die jetzt ihr Bewusstsein zurückriefen, Sara wand sich schnell aus seinen Armen, warf einen scheuen blick auf ihn, und stürzte auf ihren Bruder zu, der sich eben mit raschen Schritten, voll Schreken über die Gefahr seiner Schwester, ihnen näherte.

Der tiefgerührte Dank des Vaters, Teodors feurige Anerkennung, dass sein Freund ihm sein liebstes gerettet hatte, Sara's sanfte Tränen, selbst des ehrwürdigen Greises einfaches: Gott segne meinen wakern Jungen! – nichts konnte Rogern von nun an befriedigen. Ein Schleier war von seinen Augen gefallen, er hatte mit den Worten: Sara, hier sind Sie ja sicher! eine Empfindung in seine Seele gerufen, der seit Jahren schon ihre Stätte bereitet war. Er liebte, und war sich es nun bewusst. Zum erstenmal irrte er in wachen Träumen auf einsamen Wegen, und nie war ihm die Schöpfung so lebendig, nie lachte ihm so die ganze natur. Ihm tönte aus jedem Lüftchen seine stimme: liebe Sara! in's Ohr, und das Gekrächz jedes Raben schien ihm Harmonie; musste er den Forst umgehen und die Bäume messen, so drückte er einen Baum in die arme, und hörte: liebe Sara, hier sind Sie ja sicher! Glücklicher hatte nie die Liebe einen Menschen gemacht, und nie verkehrter. Statt Sara aufzusuchen, war ihm der erste Eindruk genug; um mit diesem allein zu sein, ging er allen Menschen aus dem Weg, und es brauchte einige Tage, eh seine reifere Vernunft sein Kinderherz lehrte, mehr zu wünschen. Hätte sie doch diesmal sich ihrer Rechte entäussert! Sobald sie ihre stimme hatte vernehmen lassen, verschwanden Rogers Träume und sein Glück. Er wünschte, und musste seine Wünsche berechnen, und die Folge war Mistrauen und Furcht. Er ging nun die ganze Vergangenheit durch, ob sie seine Zukunft zu begünstigen schiene; aber leider sah er überall nur Gleichgültigkeit in Sara's Betragen. Ihm schien es, als hätte er sie immer geliebt; Eindrüke, die er längst verwischt glaubte, standen wieder hell vor seiner Seele; er dachte an Seldorfs geheimnissvolles schicksal, an seine ununterbrochne Zurükhaltung, und auch von dieser Seite fühlte er wenig hoffnung. Endlich gelangte er doch zu dem Entschluss, den er ohne die zauberische Würkung eines so neuen Gefühls auf sein kindliches Herz, viel früher hätte fassen können: er beschloss, um Gegenliebe zu werben. Ob sie ihm versagt werden könnte? Wie an einem scheusslichen Gespenst, floh er an diesem Gedanken vorbei, und eilte nach Seldorfs wohnung, die er nun nach zwei Tagen zum erstenmal betrat.

Der augenblick, welcher Rogern einen so hellen Aufschluss über sein Herz gegeben hatte, war auch für Sara nicht unbeobachtet vorübergegangen, und er hatte Begriffe bei ihr entwikelt, deren Dunkelheit bisher so wohltätig für sie gewesen war. Ein Mädchen, das mehr mit der Welt bekannt gewesen wäre, hätte Rogers Betragen, ihren Einfluss auf seine frohe Stimmung, ihre Gewalt über seine lebhafte Aufwallungen früher verstanden. Aber der guten Sara fehlte sogar jeder Vergleichungspunkt zum Urteilen, sie sah ihn nur in ihrer und ihres Bruders Gesellschaft; und fanden sie sich ja einmal mit andern Menschen, so mass sie den Anteil, den sie an seiner Aufmerksamkeit hatte, nach ihrer achtung für ihn, und fühlte