mit Rogern. Die kindliche Verwechselung kam dem braven Roger zu gute, denn unwillkührlich gönnte sie ihm Teodors Liebe und Aufmerksamkeit um desto williger, als sie sich dunkel bewusst war, eben so würde sie es damals an ihres Bruders Stelle gegen Antoinetten gemacht haben. Nach und nach verwischte sich dieses kleine Missverhältniss, und wer jetzt die jungen Leute zusammen gesehen hätte, wäre in Versuchung gewesen, Teodorn und Sara für ein Paar Liebende, und Rogern für Sara's älteren Bruder zuhalten, so liebte und ehrte sie ihn, so zutrauensvoll wünschte sie ihren Teodor immer unter seinem Schuz. Wie dieser nunmehr den Wunsch, ja fast den Entschluss äusserte, die Hauptstadt zu besuchen, war seine Bitte, dass Roger ihn begleiten möchte, ihr einziger Trost. Roger hörte alle seine Gründe, alle seine Plane ernstaft und aufmerksam an; aber er stellte ihm dringend vor, dass Pflicht und Grundsäze ihm verböten, von dem alten Bertier zu gehen. Hier, sagte er, können wir durch Beispiel und Ermahnung viel nuzen, bis unsre Mitbürger uns gelegenheit geben, noch tätiger für sie zu würken. Dort würden wir uns in dem Wirbel verlieren, ohne zu wissen wohin er uns führte. Hier ist es mir leicht, die Wahrheit zu unterscheiden, und treu alle meine Gedanken auf sie zu richten; dort aber ist sie jetzt mit so glänzenden und vielfarbigen Wolken umgeben, dass ich – jung und unerfahren wie ich bin – irre an ihr werden und gegen mein eigenes Gewissen handeln könnte. Lassen Sie uns hier bleiben, mein Freund; glauben Sie mir, wir brauchen den begebenheiten nicht entgegen zu gehen, sie werden uns schon ereilen – und wie schön, wenn wir sie dann zusammen bestehen, wenn wir für ein Gut kämpfen, nach welchem wir beide mit innigem Eifer trachten, wenn wir es auch zuweilen aus einem verschiednen Gesichtspunkt beurteilen! Bis unsre Mitbürger uns rufen, ist dieses Haus Ihr Posten; Ihr Vater, Ihre Schwester sind Ihr anvertrautes Gut; und ich wenigstens – ich gehe nicht von meinem alten Vater, bis die einzige Macht, der ich gehorche, es gebietet. – Rogers Zureden war vergeblich, vergeblich der Ernst mit welchem der alte Bertier dem Jüngling manche Wahrheit zeigte, manche Aussicht eröfnete; Teodor hatte diesen Weg einmal erwählt, den jeder Widerspruch ihm nur glänzender mahlte. Alles was Sara noch über ihn vermochte, war dass er die Einwilligung des Vaters suchen würde. Aber wie bitter musste sie diesen Sieg ihres kindlichen Gehorsams bereuen! Seit geraumer Zeit wurden durch einen stillschweigenden Vertrag zwischen Seldorf und seinen Kindern alle gespräche über die Meinung, worinn sie von einander abwichen, vermieden. Die arme Sara suchte ängstlich andre Gegenstände zur gemeinschaftlichen Unterredung; und nach ihrem heitern Geschwäz, nach der geistreichen Leichtigkeit, mit welcher sie von allem ablenkte, was Teodor aus Unbiegsamkeit oder Unbesonnenheit vorbringen mochte, hätte ein Fremder das gute weiche geschöpf für sorglos und ruhig gehalten. Seldorf täuschte sich darüber nicht, er liebte sie um so zärtlicher, liess sich aber leicht verleiten, der Würkung, die diese betrügerische Stille auf seinen Sohn haben konnte, nicht weiter nachzudenken. Wie ihm jetzt Teodor sein Anliegen nach der Hauptstadt zu reisen vortrug, traf es ihn daher viel unvorbereiteter als es billig gesollt hätte, seine ganze Bitterkeit erwachte, und sein krankes Gemüt schilderte ihm die nachgebende Behutsamkeit, mit welcher der Jüngling bis jetzt geschwiegen hatte, als tükischen Betrug. Diese Ungerechtigkeit führte Teodorn viel weiter als er je hatte gehen wollen. Er hatte kindlich gebeten, sich belehren zu dürfen durch diese Reise; hingerissen von seinem gekränkten Gefühl, forderte er nun vom Gängelband losgelassen zu werden. Kaum waren ihm die Worte entfahren, so erblasste der unglückliche Vater; eine Weile blikte er ihm starr in's Gesicht, und sagte dann langsam: Ha, deiner Mutter Geist ist mächtig in dir! – Weiter liess ihn Sara nicht sprechen, sie lag zu seinen Füssen, und rief: Vater, Vater! Antoinettens lezter Kuss versöhnte ja der Mutter Geist – Teodor kniete still und erschüttert neben der Schwester, und hielt die hände seines Vaters, der sich gewaltsam von ihm wandte. Lange konnte indessen Seldorf den Tränen seiner Kinder, und dem Gefühl seines Unrechts nicht widerstehen, er verzieh Teodorn, aber unter der Bedingung dass er nie wieder an die Reise denken dürfte.
Teodors schlecht unterdrükte sehnsucht nach einem grösseren Würkungskreis, und Sara's immer mehr sich entwikelndes Gefühl, dass ihre Liebe und ihre Innigkeit nicht genügten um den Bruder zu fesseln, verbannten indessen die vorige unbefangne Fröhlichkeit aus diesem kleinen Zirkel. Sara fühlte sich zwar durch Rogers Gleichmut, durch seine nie sich verläugnende Freundschaft beruhigter über den Einfluss, den Teodors Sinnesart auf seine zukünftige Ruhe haben könnte; aber ihr selbst fehlte eine Stüze, die ihr die Heiterkeit gegeben hätte, welche sie täglich für andre aufwandte; und dabei war in ihrem inneren etwas, das sie, ihr selbst unbewusst, immer mehr von Roger entfernte, je herzlicher der brave Jüngling für ihre Ruhe und ihre Wünsche sorgte. In diesem Zustand von unsicherer Schwermut kam sie eines Tages von einem einsamen Spaziergang zurück, und wollte von einem kleinen Gehölze durch Bertiers Weinberge nach ihrem Landhaus gehen. Von dem Gehölze bis zu dem engen Wege zwischen den Weinbergen lag eine Trift, wo die Heerde eben weidete. Der Hirt hatte sich entfernt, und der Stier war, von einigen mutwilligen Knaben gehezt, durch das Gehege auf den Weg geraten, über welchen Sara jetzt kam