einfacher Kenntniss sein Glück selbst erlangen könnte. Seine Lage, die ihn bisher zum Freund weniger Auserlesenen, und zum Wohltäter aller andern Geschöpfe um sich her gemacht hatte, bereitete ihn dazu ein Anhänger jenes Systems zu werden, nach welchem Freiheit und Aufklärung ein Gut ist, woran zwar die ganze Nation teilnehmen soll, dessen inneres Heiligtum aber im Busen einer Anzahl von Erwählten niedergelegt, das Vorrecht gewisser erhabner Tugenden bleiben muss. Die Geschichtsbücher aller Nationen schienen ihm diese Meinung zu bestätigen. Glühend im übermütigen Gefühle, einer der Erwählten zu werden, sah er nicht dass die treueste Darstellung des Geschichtsschreibers nur das Gemälde von Würkungen tausend und aber tausend vorhergegangner Ursachen sein kann. Man mag die Quelle, die man verfolgt, noch so sehr von Sand und Strauchwerk säubern, ihre erste Entstehung findet man doch nicht, und umsonst forscht man nach dem Ursprung der Tautropfen welche den Boden befeuchteten, umsonst nach den inneren Schichten des Hügels den sie durchdrangen, um hier als Quelle zu rieseln: eben so unbefriedigend ist die Arbeit des Geschichtsschreibers, und nie kann er uns die Vergleichung mit dem gegenwärtigen augenblick gewähren. In Teodors Kopf, der voll kühner Resultate der Vergangenheit war, fand sich wenig Plaz für die anscheinend geringfügigen und oft widrigen Züge der Würklichkeit. Er äusserte zuweilen seine Ideen gegen seinen Vater, aber die kalte Verachtung, mit welcher dieser seine glänzenden Luftschlösser zerstörte, stiess ihn zurück ohne ihn zu belehren, und seine innere Heftigkeit wurde durch das Gefühl von Unterdrükung vermehrt. Weiblich und schüchtern, entging Sara durch ihr Stillschweigen dem Unwillen des Vaters; aber desto inniger teilte sie des Bruders Träume und seinen Kummer, zwischen seines Vaters Liebe und seiner Meinung, die ihm schon anfieng eine Religion zu werden, wählen zu müssen. natürlich führte dies alles die jungen Leute näher zusammen. Wenn die arme Sara einen peinlichen Tag lang ihres Bruders Unruhe und ihres Vaters niederschlagenden Trübsinn ertragen hatte, hörte sie gern zu, wenn sich die beiden Jünglinge stritten, und da ihr Zwek der nämliche war, einander voll Herzlichkeit ihre Begriffe aufklärten. Streit war denn freilich auch zwischen ihnen: Roger hatte nie einem Gözen geopfert, als der Tugend; er hatte nie einen Sterblichen vergöttert, denn den heiligsten, den er kannte, seinen Grosvater, kannte er für einen Menschen. Früh hatte er mit andern gelebt, genossen, gearbeitet, und alle seine Ansprüche unterstüzten nicht Vorzüge, sondern Billigkeit und Kraft, die seinem Wunsch und Willen nach, allen Menschen gemein sein sollten. Zum Ausspenden des Heils fühlte er in sich keinen Beruf, und er empörte Teodorn, indem er sein Heiligtum der Freiheit ein neugestaltes Gerüst der Selbstsucht nannte. Freiheit erkämpfen und Freiheit bewahren, war sein einfacher Begrif; und es war sein einziger Glaube, dass diese Freiheit allen gleich sein müsste, wie die Luft die uns umgiebt, wovon jeder so viel einatmet als seine Lungen bedürfen. Wurden die Toren hizig, und es fehlte dem Sohn der natur an Waffen gegen die stürmische Beredsamkeit und den Ideenreichtum seines Freundes, so legte Sara sanft ihre Hand auf seinen Mund, und sagte: aber, lieber Wilder, Teodors Auserwählte wollen ja nur eben das, jeder soll haben was ihm dient – Rogers stimme konnte ihre donnernden Töne nicht mehr finden; ohne die Hand zu küssen, die ihm so unbefangen schmeichelte, nahm er sie von seinem Mund, und sagte in einem Ton der mehr wie Handkuss war: Aber so wollen sie Götter sein, mein fräulein, und solche Götter waren es ja, die uns die Fesseln schmieden wollten, die zu lösen noch Ströme von Blut fliessen werden. Umsonst war dieser Saz ein neuer Gegenstand des Streits für Teodor. Die stimme, welche ihn aussprach, konnte nicht mehr streiten; Roger sezte sich neben Sara, sah in ihr liebes Gesicht, und liess Teodors Eifer allein austoben. Der Zwang den Seldorfs Missbilligung seinem Sohn auflegte, die Ungewissheit die durch Rogers Widerspruch und des alten Bertiers Meinung in ihm entstand, noch mehr aber sein unruhiger Geist, dem nur ein Schauplaz fehlte, um den Ehrgeiz zu seiner leidenschaft zu machen, alle diese Umstände erwekten nach und nach den Wunsch in ihm, sich dem Mittelpunkt aller begebenheiten zu nähern. Voll Selbstvertrauen, hofte er dass ein kurzer Aufentalt in Paris alle seine Begriffe berichtigen würde; denn sein Wille war lauter, er wollte Wahrheit, wenn er gleich nicht fühlte dass er nur das von der Wahrheit auffasste, was seine Meinung bestätigte. Er entdekte diesen Wunsch seiner Schwester und seinem Freunde, indem er diesem zugleich anlag ihn zu begleiten. Sara schauderte vor dem Gedanken ihren Bruder zu verlieren; sie hatte nie in die Zukunft geblikt, ihrem Herzen hatten bis jetzt die Gegenstände genügt, denen ihre Sorgfalt gewidmet war; allvertrauend auf die Liebe derer, die sie umgaben, hatte sie nie an eine Aenderung in ihrer Lage gedacht, und nur instinktmäsig regten fremde oder neue Gegenstände sie an, als sollten sie ihr das Glück schmälern, in dessen Besiz sie war. So war ihr Rogers Dazwischenkunft erst lange lästig gewesen, sie ehrte zwar gleich seine unverkennbar treue Seele, aber er störte den stillen gang ihres Wesens; und wenn er Teodorn von ihr abzog, mit ihm etwas trieb, woran sie keinen teil nehmen konnte, oder lustig mit ihm war wenn sie es eben gern anders gehabt hätte, so dachte sie wohl an ihre arme Antoinette, und meinte in ihrem Herzen, so möchte es wohl Teodorn mit seinem Schwesterchen gegangen sein wie ihr