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aber Teodorn und Sara auf sich zukommen sah, behielt die Freude über alles was ihm geglückt war, und der Wunsch, durch ihre hülfe noch mehr auszuführen, in diesem Gemisch von Empfindungen die Oberhand; er dachte an keinen Groll mehr, wo er Liebe und Freude fühlte.

Sara hatte dieser Scene stillschweigend, aber mit inniger Teilnahme zugesehen. Sie war nun gegen fünfzehn Jahr alt, aber ihre gänzliche Abgeschiedenheit von der Welt, ihr in lauter Fantasien schwebender Geist hatte sie, wie gebildet sie auch in mancher Rüksicht durch Erziehung und natürliche Anlage war, sehr kindlich erhalten. Sie war sich ihres Herzens nur in ihrer Liebe für Teodorn bewusst; und dass sie ein Weib, und dass er ein Mann war, wusste sie nur weil sie seine Schwester hiess. Alles was ihr der Vater sonst über diesen Gegenstand gesagt haben mochte, hatte sich auf eine abenteuerliche Weise an die übrigen Träume ihrer reichen Einbildungskraft gereiht, ohne mit ihren Sinnen je in Verbindung zu kommen. Indessen hatte Rogers gestriges Betragen einen Eindruk auf sie gemacht, den seine heutige Versöhnung mit ihrem Bruder noch verstärkte; neue Ideen entwikelten sich in ihrem Kopf, die sie von ihm entfernten und zu ihm anzogen, die ihr Herz erwärmten und es scheu machten. Ihr Gefühl verstand zum erstenmal des Vaters oft wiederholte Lehren von der Hülfsbedürftigkeit des Weibes, und der Pflicht des Mannes, sie zu schüzen, und wie nahe die natur sie durch ihre ganz verschiedne Bestimmung mit einander verbunden hätte. Sie war noch mit ihren schwärmischen Ahnungen beschäftigt, als Rogers einfacher Sinn das Empfindsame dieses Auftritts beendigte. Er führte die jungen Leute unter den Kastanienbaum, rief dem Knecht zu, Feierabend zu machen, weil das Vieh müde wäre, teilte das schwarze Brod und die Milch brüderlich mit ihm, und erschöpft von der Arbeit speisste er, zu Saras Füssen hingestrekt, seine Portion, als wäre er zu nichts anderm in der Welt. Es war vielleicht ein Glück, dass diese wirklich patriarchalische Einfalt Saras neue Gefühle wieder mit der Würklichkeit verband; aber leider schlug es diesmal zu Rogers Nachteil aus. Sein Betragen gegen den armen Nikolas war so schön wie vorher, seine Grossmut gegen Teodor wurde um nichts vermindert; aber mitten durch alle die hohen zarten Gefühle, die ihr liebes Herz durchwandert war, und die sie nun auch eben so glühend in unserm ächten Naturkind vorausgesezt hatte, einen Napf Milch und ein derbes Stük Brod aufessen, und gar kein Hehl haben, dass es aus Hunger geschähees schadete dem braven Roger nun just nicht bei ihr, aber es trug dazu bei, der neuen Schöpfung in ihrem Herzen Teodorn zum Abgott unterzuschieben. Wie reizend lag dieser neben seinem Freund, sein schönes Gesicht auf einen Arm gestüzt, seine redenden Augen auf ihn gerichtet, seine ganze Gestalt durch die spielenden Schatten der breiten Kastanienblätter in den Strahlen der rötlichen Abendsonne, mit zauberischem Lichte umgossen! – Rogers unseliger Milchnapf entschied vielleicht das schicksal ihres Herzens! Es erschien nun ein Zeitpunkt, in welchem vieles zusammentraf, um Seldorf in der einfachen Stille, mit der er die Zeit hatte fortschreiten sehen, aufzustören. Die Welt war ihm seit langer Zeit so verhasst, gegen alles was ausser dem kleinen Zirkel vorging, in welchen sich sein Herz gebannt hatte, war er mit so viel Härte bepanzert, dass er die grossen Bewegungen, welche die französische Nation damals zu erschüttern anfiengen, mit erzwungner Verachtung für lauter Komödie und Kinderspiel erklärte. Am allgemeinen Glück wie an dem seinigen verzweifelnd, erbitterte ihn jeder Versuch, der dahin abzuzweken schien, weil er eine neue Fehlschlagung für sein Herz dahinter fürchtetefür ein Herz, das freilich immer nur zu bereit war, diesen schönsten Traum wieder von vorn zu träumen. Der alte Bertier sah diese zeiten aus einem sehr verschiednen Gesichtspunkt; seine lange Erfahrung hatte manchen Gedanken in ihm entwikelt, der seit dem Anfang des Jahres 1789 zur Ahnung wurde. Je länger, je mehr schien neue Jugend seinen Geist zu beleben. Manche Stunde, die er sonst bei seinen unsterblichen Helden der Vorzeit verträumt hatte, widmete er jetzt den ernstesten Gesprächen mit seinem Enkel, bildete seinen Geist, und erweiterte seine Begriffe von den Rechten und Ansprüchen der Menschen um ihn her. jetzt gestand er die notwendigkeit einer Verbesserung, und suchte ihm den einzigen Leitfaden in einer Zukunft, die er hell vor sich sah, wenn gleich ihre mannigfaltigen Abscheulichkeiten vor seinem Sinn vorübergingen, in die Hand zu geben. Sammle früh, sagte er, einen Reichtum an gutem Gewissen; denn es wird eine Zeit kommen, wo es dem, der das einzige Notwendige will, schwer werden muss, seinen Handlungen vor sich selbst das zeugnis der Gerechtigkeit zu erhalten, und unmöglich vor den Menschen. Wehe dir, wenn dein Sinn dann nicht mehr rein und fest ist, um dich der Wahrheit zu opfern!

Aber Seldorfs trübes Auge war nicht fähig, mit diesem freien blick benuzter Erfahrung in die Zukunft zu dringen. Anfangs wies er jedes Gespräch über diesen Gegenstand mit einer Abneigung von sich, wie sie ein matter Kranker in der Zwischenzeit der Leiden gegen jede äussere Anregung empfindet. Als die Umstände ernster, und die Deutungen auf die Zukunft heller wurden, mischte sich eine Art von bitterm Spott hinein; denn Bertiers warme Freude, über ein Volk dessen Verderbniss er so lange studirt hatte, den augenblick der Wiedergeburt aufgehen zu sehen, und sein mutiger Entschluss, um dieser Wiedergeburt willen auch das Fürchterlichste nicht zu scheuen, mahnten den Unglücklichen bloss, dass